Im Juni 2014 rief die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ein Kalifat aus – ein Reich, das sich in der Nachfolge des Propheten Mohammed sieht und beansprucht, alle Muslime der Welt anzuführen. Auf seinem Höhepunkt beherrschte der IS ein Gebiet so gross wie Grossbritannien. Von Anfang an investierte er enorme Mittel in Propaganda. Deren Säulen waren Texte und audiovisuelle Produktionen: Hochglanzmagazine und Videos, aber auch so genannte Anaschid, die Kampfhymnen des Jihadismus'.
Anaschid sind religiöse Gesänge. Es gibt sie in vielen Formen – als fromme Lieder über den Propheten oder als Kinderlieder. Der IS hat das Genre also nicht erfunden. Kampfgesänge dieser Art begleiteten schon die Kriege in Afghanistan (1980er-Jahre), in Tschetschenien und im Irak.
Ein Tod ohne Schmerz
2013 richtete der IS eine eigene Abteilung ein, die Kampfhymnen herstellte – auf Arabisch, aber auch auf Deutsch, Französisch, Englisch, Türkisch und Russisch. Nur Männer dürfen singen, und es gibt keine Instrumentalbegleitung. Karg klingt das Ergebnis trotzdem nicht: Die Aufnahmen arbeiten mit Hall, mehrstimmigen Chören, treibendem Rhythmus und unterlegten Explosionen und Gewehrsalven.
Der bekannteste dieser Gesänge heisst «das Klirren der Schwerter». Er unterlegte unzählige Hinrichtungsvideos und kursierte als Klingelton. Die sprachlichen Bilder und Motive der Gesänge stammen oft aus dem Koran, aus den Überlieferungen über das Leben des Propheten und aus Erzählungen über die Kriege der ersten Muslime im siebten Jahrhundert. So soll sich der Kämpfer der Terrormiliz als direkter Nachfolger jener ersten frommen Generation des Islams fühlen.
Ein IS-Gesang über den Tod im Kampf besingt Wunden, die nach Moschus duften, und Seelen, die in den Körpern grüner Vögel weiterleben. Beides stammt fast wörtlich aus «Hadithen», den Berichten über die Aussprüche des Propheten Mohammed. So verleiht der IS seiner Propaganda religiöse Autorität. Die Miliz stützt sich auf echte Aussagen des Propheten und wer widerspricht, kritisiert deshalb nicht bloss eine Terrormiliz, sondern rührt an den Konsens der religiösen Überlieferung.
Am deutlichsten wird das beim Märtyrertum. Wer im Kampf stirbt, gilt als Märtyrer. Die Lieder versprechen, dass das Blut des gefallenen Jihadisten alle Sünden auslöscht und der Held sofort ins Paradies eintritt. Vom Sterben ist ständig die Rede, aber nie als etwas, das man fürchten müsste. Sprache und Bilder verwandeln es: Die Wunde wird zum Duft, der Tote zum Bräutigam, der ins Paradies einzieht, das Ende zum Anfang. Der Tod kostet nichts und bringt alles.
Der IS filmte seine Selbstmordattentäter vor der Tat. Sie lachen, umarmen ihre Kameraden, steigen ins Fahrzeug. Unterlegt sind die Aufnahmen mit den Liedern vom schmerzlosen Tod, die den Kampf gegen die Ungläubigen erklären: Er soll den Islam wieder ruhmvoll und gross machen. Dann bricht das Bild ab, aus grosser Entfernung sieht man eine Rauchwolke. Der Gesang läuft durch, als wäre nichts dazwischen.
Terrormiliz tötet Muslime
Muslim zu sein schützt nicht davor, zum Feind erklärt zu werden. Wer der Doktrin nicht folgt, gilt als Verräter, im schlimmsten Fall als Apostat – als einer, der vom Glauben abgefallen ist. Für diesen Ausschluss aus der Glaubensgemeinschaft gibt es einen Begriff: Takfir.
Traditionell war der Takfir eine schwierige Sache. Die alten Gelehrten stellten so hohe Hürden auf, dass man einem anderen Muslim den Glauben praktisch nicht absprechen konnte. Ausnahmen galten nur, wenn jemand den Abfall vom Islam selbst erklärte oder sich blasphemisch äusserte, etwa über den Propheten.
Der Vorwurf ist bis heute lebensgefährlich. Der mauretanische Blogger Mohamed Cheikh Ould Mkhaïtir veröffentlichte Ende 2013 einen Text gegen die Kastenordnung seines Landes, in dem er die Diskriminierung auf Entscheidungen des Propheten und seiner Gefährten zurückführte. Ein Gericht in Mauretanien verurteilte ihn im Dezember 2014 wegen Apostasie zum Tod – das erste solche Urteil in der Geschichte des Landes. Vor dem Gerichtsgebäude feierten Gläubige mit Autokorsos.
Der IS wendet den Takfir fast beliebig an. Nicht die Ungläubigen im Westen stehen im Zentrum seiner Gewalt, sondern die Muslime, die seiner Doktrin nicht folgen. Sie gelten als das eigentliche Hindernis auf dem Weg zur Stärke des Islams, als Feind von innen, den man durch Schrecken zur Disziplin zwingen muss. So kam es, dass die Terrormiliz vor allem Muslime tötete.
Die Lieder tragen diese Doktrin. Einer der Kampfgesänge ruft dazu auf, Schiiten zu bekämpfen und ihnen die Köpfe abzuschlagen. Schiiten sind die kleinere der beiden grossen islamischen Richtungen; der IS versteht sich als sunnitisch und betrachtet Schiiten als Todfeinde. Der Feind ist hier nicht der Westen, sondern der Nachbar mit dem leicht anderen Glauben.
Wo ein Feind besungen wird, wird auch eine Gemeinschaft verherrlicht. Fast alle diese Lieder sprechen in der Wir-Form: «Soldaten Gottes», «Löwen des Islams», «Muslime, die kommen». Dieses Wir verwandelt einzelne in eine Gemeinschaft und stellt sie in eine Reihe, die von den ersten Muslimen bis in eine Zukunft reicht, in der die ganze Welt beherrscht wird.
Die Grauzone
Die Grenze zwischen Terrorpropaganda und harmloser Frömmigkeit ist unscharf, und die Terroristen nutzten das. In denselben Chatgruppen laufen Kampfhymnen neben frommen Liedern, die vor Sünden warnen. Jene, die das nicht tun, werden als Sklaven des Satans bezeichnet. Diese Lieder stammen von keiner Terrormiliz. Sie sind legal und über jeden Streamingdienst zu hören.
Einen gemeinsamen Nenner haben sie trotzdem. Die Propaganda der Terrormiliz baut auf einer Verschwörungstheorie auf: Der Islam liege im Krieg. Mal sind es die arabischen Regime, mal die säkularen Staaten des Westens, mal die eigenen Glaubensbrüder, die zu wenig glauben. Genau diese Erzählung findet sich auch in den frommen Liedern, nur ohne den Aufruf zur Waffe. Dazu kommt die Schuld. Wenn der Glaube tatsächlich unter Beschuss steht, dann lebt jeder, der weiter zur Arbeit geht und abends fernsieht, an dieser Pflicht vorbei. Die militanten Islamisten denken das zu Ende und liefern die Lösung gleich mit – einen Ablasshandel. Wer sich ihnen anschliesst, hat seine Schuld in einem Zug beglichen.
Was hier unter Krieg gegen den Islam verstanden wird, ist sehr oft nicht militärisch gemeint. Dazu zählt jeder Versuch, die Religiosität der Gläubigen an staatliches Recht anzupassen. Ein Verhüllungsverbot ist in dieser Lesart kein Kompromiss, für den Gläubige einen Teil ihrer Freiheit dem sozialen Frieden opfern, sondern ein Angriff auf die Religion selbst.
Das gilt auch für Reformen in muslimischen Ländern. Marokkos Familienrecht, die Mudawana, gesteht Frauen bis heute nur wenige Rechte zu – und schon diese wenigen widersprechen der klassischen Scharia. Als die Regierung im März 2000 einen entsprechenden Plan vorlegte, zogen in Casablanca Hunderttausende dagegen auf die Strasse, angeführt von Islamisten, die das Vorhaben zum Krieg gegen den Islam erklärten. Die Regierung zog den Plan zurück. Erst 2004 setzte der König eine überarbeitete Fassung durch.
Genau diesen Vorgang haben die christlichen Länder seit der Aufklärung hinter sich. Die Kirche musste laufend Privilegien abgeben und ihr Verständnis von Religionsfreiheit der Zeit anpassen. Hätte sie darin einen Krieg gegen das Christentum gesehen, wäre Europa nie zur Ruhe gekommen.
* Der Autor ist ein marokkanisch-schweizerischer Islamwissenschafter und Publizist.


