
Als die letzten Atom-Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran in die entscheidende Phase gingen, war Suzi LeVine ganz nah dran: Sie amtierte während dieser Zeit (2014-2017) als US-Botschafterin in Bern. Die Gespräche wurden unter anderem in der Schweiz geführt, bevor das Abkommen 2015 in Wien unterzeichnet wurde.
Im Interview spricht die Demokratin über Donald Trumps Umgang mit Diplomatie und ihre Skepsis gegenüber der jüngsten Annäherung zwischen Washington und Teheran.
Sie waren Botschafterin während der Gespräche über das iranische Atomabkommen vor rund 10 Jahren. Was unterscheidet die aktuellen Verhandlungen von den damaligen?
Suzi LeVine: Die Professionalität. Beim damaligen Abkommen arbeiteten Diplomaten, Sicherheitsexperten und Wissenschafter mit jahrzehntelanger Erfahrung zusammen. Sie kannten die Geschichte, die Kultur und die politischen Dynamiken. In der Diplomatie geht es darum, Signale zu erkennen und zu verstehen, wie die andere Seite denkt. Dafür braucht es Fachwissen und Erfahrung.
Trump rühmt sich mit dem Tempo, in dem die Verhandlungen stattfinden. Er behauptet seit Beginn seiner Amtszeit, er könne Konflikte schneller lösen als traditionelle Diplomaten.
Genau darin liegt das Problem. Komplexe Konflikte lassen sich nicht einfach durch persönliche Beziehungen oder schnelle Deals lösen. Diplomatie ist mühsam. Sie erfordert Geduld, Vorbereitung und Expertise. Wer glaubt, man könne diesen Prozess abkürzen, unterschätzt die Realität internationaler Politik. Bei solchen Gesprächen gibt es unzählige Signale, die Diplomaten wahrnehmen und einordnen. Sie sitzen im Raum, hören zu, protokollieren, verarbeiten und analysieren das Gesagte. Das ist ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit.
Wie funktioniert Diplomatie in der Trump-Regierung?
Trump überlässt Verhandlungen seinen Vertrauten und Familienmitgliedern. Statt langfristige geopolitische Folgen oder die Auswirkungen auf die amerikanische Bevölkerung im Blick zu haben, scheint ihn vor allem zu interessieren, welchen persönlichen oder politischen Vorteil er daraus ziehen kann.
Was fehlt aus Ihrer Sicht bei den aktuellen Gesprächen mit dem Iran?
Der schwierigste Teil. Die zentrale Frage war immer das iranische Atomprogramm.
Die Frage ist für die nächsten 60 Tage auf der Agenda.
Das halte ich für sehr ambitioniert. Natürlich wäre es positiv, wenn Fortschritte erzielt würden. Aber wir sprechen über technische Kontrollmechanismen, internationale Überwachung, die Rolle der Internationalen Atomenergiebehörde und viele weitere Aspekte. Solche Fragen löst man nicht in wenigen Wochen.

Auch innerhalb der Republikanischen Partei gibt es Kritik am Abkommen. Was stört Trumps Unterstützer?
Während der Verhandlungen zum Atomabkommen unter Präsident Obama kritisierten Republikaner jede finanzielle Erleichterung für den Iran scharf. Nun werden Summen diskutiert, die deutlich grösser sind. Gleichzeitig bleiben viele Fragen offen: Wer finanziert das? Welche Verpflichtungen gehen die Beteiligten ein? Welche Partner sind eingebunden? Darauf gibt es bisher keine klaren Antworten.
Die geplanten Gespräche auf dem Bürgenstock am Freitag wurden kurzfristig abgesagt. Niemand weiss so recht, wie es weitergehen soll. Welche Folgen hat das für die Schweiz?
Die Schweiz nimmt Diplomatie sehr ernst. Schweizer Diplomaten arbeiten sorgfältig, professionell und langfristig. In der Vergangenheit konnten sie sich darauf verlassen, dass die USA ähnlich agieren – auch wenn man nicht immer derselben Meinung war. Entscheidend war die Verlässlichkeit. Unter Trump fehlt aus meiner Sicht häufig die gleiche Ernsthaftigkeit, Gründlichkeit und Berechenbarkeit, die frühere Regierungen, unter Obama, Bush oder Clinton ausgezeichnet hat. Für Partnerstaaten ist das problematisch.

Donald Trump war gerade für das G7-Gipfeltreffen in Evian. Ein paar Tage später unterzeichnete er ein Abkommen mit dem Iran. An mögliche Verhandlungen in der Schweiz würde er aber Vizepräsident JD Vance schicken. Wieso?
Trump entzieht sich damit einem Teil der Verantwortung. Scheitern die Verhandlungen oder geraten sie in die Kritik, so ist es JD Vances Misserfolg. Der Vizepräsident und Aussenminister Marco Rubio konkurrieren zurzeit um Trumps Gunst. Scheitert Vance, kann Trump seine Unterstützung auf Rubio umlagern.
Auf Rubio und dessen aggressive Aussenpolitik setzte Trump bereits zu Beginn des Krieges mit dem Iran und beim Thema Kuba.
Genau. Trump erinnert mich an die böse Königin aus Schneewittchen: Sobald jemand in seinem Umfeld zu glänzen beginnt, wird es gefährlich. Wäre ich JD Vance, würde ich mich von den Äpfeln fernhalten.

