Hans-Martin Jermann
Diese Idee bringt Schwung in die energiepolitische Debatte: Mit einer Austiefung des Rheins an der Unterseite des Kraftwerks Birsfelden könnte die Stromproduktion auf einen Schlag um knapp fünf Prozent erhöht werden. Die damit mögliche jährliche Leistungssteigerung von 23 Gigawattstunden entspricht dem Stromverbrauch von 5000 Haushalten.
So fordert es ein neuer Vorstoss von links-grünen Politikern im Baselbieter Landrat. Auch Naturschützer loben: Den Rhein auszubaggern sei zwar ein nicht zu unterschätzender ökologischer Eingriff, gibt Urs Chrétien, Geschäftsführer von Pro Natura Baselland, zu bedenken. «Doch die Produktionserhöhung wäre markant. Das Nutzen-Schaden-Verhältnis stimmt.»
Aufschlussreich ist folgender Vergleich: Die Leistungssteigerung im Kraftwerk Birsfelden - der grössten erneuerbaren Energiequelle der Region - entspricht ziemlich genau der Jahresproduktion sämtlicher zehn Kleinwasserkraftwerke an der Birs zwischen Laufen und Münchenstein. Die Eingriffe in den Flusslauf und die Verschandelung der Landschaft seien beim Bau von zehn Kraftwerken ungleich gravierender als bei der Austiefung an einem Standort, findet Chrétien.
«Neubeurteilung ist angezeigt»
Die Idee mag bestechend sein - neu ist sie freilich nicht. Die Kraftwerk Birsfelden AG wollte bereits 1996 mit einem Millionenprojekt die Produktion um fast 10 Prozent erhöhen. Vorgesehen war schon damals eine Solenaustiefung.
Der Fischereiverband Baselland und das Kraftwerk konnten sich allerdings nicht auf das Ausmass der Umweltmassnahmen einigen. Folge. Realisiert wurden «nur» die Modernisierung der Turbinen und sonstige technische Verbesserungen, was die Jahresproduktion wenigstens um 5 Prozent erhöhte.
Doch warum wird die alte Idee jetzt wieder aufgewärmt? 13 Jahre später sei eine Neubeurteilung angezeigt, sagt Klaus Kirchmayr, Grünen-Landrat und Mit-Urheber des Vorstosses. Die Frage der Energiegewinnung werde im Zuge der Debatte um den Klimawandel ganzheitlicher angeschaut.
Mit der Forderung nach einer Neuauflage des Projekts rennt Kirchmayr bei Kraftwerk-Direktor Werner Maier offene Türen ein. Auch er räumt einem neuen Projekt bessere Chancen ein und sagt: «Die Leute sind heute stärker sensibilisiert für erneuerbare Energien als 1996.»
«Ernsthaft dagegen kann eigentlich niemand sein», doppelt Pro-Natura-Chef Chrétien nach. Freilich würde seine Organisation im Rahmen neuer Verhandlungen auf ökologische Massnahmen wie die Schaffung eines Umgehungsgewässers pochen.
Zentral sei eine Lösung zur Gewährleistung des Geschiebetransports - bei Flusskraftwerken landauf landab ein Riesenproblem. «Man darf nicht vergessen: 90 Prozent der Wassertiere leben im Kies», führt Chrétien die ökologische Bedeutung des Geschiebes vor Augen.
«Wir werden aber einen Weg finden», ist Chrétien überzeugt. Auch die Fischer signalisieren Gesprächsbereitschaft. «Wenn die entsprechenden Massnahmen realisiert werden, sind wir dabei», sagt Urs Campana, Präsident des Fischereiverbands Baselland. Dass das erste Projekt vor 13 Jahren am Widerstand seiner Organisation gescheitert sein soll, stellt Campana in Abrede: «Diesen Schwarzen Peter lassen wir uns nicht zuschieben.»
Wie auch immer: Glaubt man den Beteuerungen der Beteiligten, würde das Austiefungs-Projekt nun nicht mehr wegen Händels um Ersatzmassnahmen scheitern. Das Hauptproblem scheint bei einem zweiten Anlauf ein wirtschaftliches zu sein. Konkret geht es um die Amortisation der Investitionskosten, die laut Kraftwerk-Chef Maier rund 30 Millionen Franken betragen könnten.
Das Problem: Bei Wasserkraftwerken wäre es vernünftig, Grossinvestitionen über einen Zeitraum von 50 Jahren abzuschreiben, erläutert er. Beim Kraftwerk Birsfelden läuft allerdings 2034 die Konzession mit der Eidgenossenschaft und Baden-Württemberg aus. Wird diese nicht vorzeitig erneuert, muss das Kraftwerk die Investition in nicht einmal der Hälfte der vorgesehenen Zeit abschreiben. «Damit würde der Strompreis stark verteuert», gibt Maier zu bedenken.
Regierungsräte in Schlüsselpositionen
Grünen-Landrat Kirchmayr drängt deshalb die Baselbieter Regierung dazu, schleunigst Verhandlungen mit den Konzessionsgebern für eine Verlängerung aufzunehmen. «Hier liegt der Schlüssel zum Gelingen des Projekts», meint Kirchmayr. Dass nun auf die politischen Entscheidungsträger Druck gemacht wird, liegt auch an der Besetzung des Verwaltungsrats.
Im strategischen Gremium der Kraftwerk Birsfelden AG, das letztlich die Millionen-Investition beschliesst, sitzen mit Jörg Krähenbühl als Präsident und Adrian Ballmer immerhin zwei Baselbieter Regierungsräte. Basel-Stadt ist ebenfalls mit zwei Exekutivmitgliedern vertreten (Christoph Brutschin als Vizepräsident sowie Christoph Eymann).