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Kirchenpolitik

Homo-Ehe, Missbrauch und Frauen am Altar: So tickt der neue Papst in den heikelsten Fragen

Wie sich Leo XIV. in umstrittenen Reform-Dossiers positioniert: Eine Exegese aus Predigten, Interviews und Tweets.
Mit Spannung erwartet: die ersten Schritte von Papst Leo XIV.
Bild: Gregorio Borgia/AP

Millionen verfolgten am Donnerstagabend und Freitagmorgen die ersten Auftritte des neuen Papstes. Und fragten sich: Auf welchen Kurs wird Robert Francis Prevost, der nun Leo XIV. heisst, die katholische Kirche führen? Einen Überblick über die aus westlicher Sicht wohl brennendsten Fragen gibt es hier.

Frauen in der Kirche

Die Reaktion des Frauenbunds der Katholischen Kirche in der Schweiz (SKF) auf die Papstwahl liess nicht lange auf sich warten. Franziskus war ein Reformer, «der in vielerlei Hinsicht neue Impulse setzte», schreibt der SKF in einer Mitteilung von Freitagmorgen. Der SKF hofft, dass Papst Leo dieses Werk fortsetzt: «Die Stimmen von Frauen in der Kirche dürfen nicht länger überhört oder auf symbolische Rollen oder Verwaltungsaufgaben reduziert werden.»

Grosse Umstürze sind von Leo XIV. in dieser Frage aber nicht zu erwarten. In der Weltsynode 2023 warnte er vor der «Klerikalisierung der Frauen» als neuen Problemherd. Die Prognose sei gewagt: Die Priesterweihe von Frauen ist nicht das erste Traktandum des neuen Kirchenoberhaupts.

Segen für Homosexuelle

Die Haltung des verstorbenen Franziskus zu Homosexuellen gilt als ambivalent. Zwar betonte er immer wieder, die Kirche stehe allen Menschen offen – doch wiederholt sah er sich mit Homophobie-Vorwürfen konfrontiert. Etwa als er kritisierte, in Priesterseminaren gebe es zu viel «Schwuchtelei».

Prevost gilt in Fragen der Sexualität als konservativer als sein Vorgänger. 2012 geisselte er gemäss «New York Times» den homosexuellen Lebensstil und insbesondere die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare als Widerspruch zur katholischen Lehre. Gleichzeitig führt die gut unterrichtete US-Seite collegeofcardinalsreport.com an, Prevost habe sich 2023 nicht klar zur Fiducia supplicans positioniert – einem möglichen Segen für gleichgeschlechtliche Paare.

Migration

Er gehört zu den aktuell meistzitierten Tweets: Vor wenigen Wochen lieferte sich der damalige Kardinal Robert Francis Prevost einen kleinen Schlagabtausch mit US-Aussenminister J. D. Vance. Jesus liebe alle Menschen, widersprach er ihm öffentlich, als dieser die Streichung von US-Auslandhilfen mit der katholischen Lehre begründen wollte.

Das war kaum Zufall. Barmherzigkeit mit Menschen auf der Flucht war eines der zentralen Merkmale des verstorbenen Papstes. Und Prevost, der selbst in unterschiedlichsten Teilen der Welt gelebt hat, dürfte dieses Engagement weiterführen. Darauf deutet auch die Namenswahl: Namensvorgänger Leo XIII. war auch bekannt als «der Soziale», der sich für die Arbeiterbewegung einsetzte.

Klima

Ähnliches gilt für die Klimapolitik. Hier tritt die Nähe zu Vorgänger Franziskus noch deutlicher zutage. Als Franziskus, der Solarpanels im Vatikan installierte, 2024 über den Klimawandel sprach, stand ihm Kardinal Prevost schnell bei. Es sei Zeit, zu handeln, verkündete er gegenüber den Medien.

Die Bibel stellt den Menschen zwar als Herrn der Schöpfung dar. Diese Herrschaft bedeute aber nicht, tyrannisch zu sein, redete Prevost gegenüber «Vatikan News» den Gläubigen ins Gewissen. Die Menschheit müsse im Einklang mit Natur und Umwelt stehen. Dies trug ihm auch Kritik aus konservativeren Kreisen ein.

Zölibat

«Leo XIV. ist Augustiner, ein Ordensmann. Mich würde es überraschen, wenn er die Zölibatspflicht lockern würde», sagte Religionsexperte Michael Meier gegenüber dieser Zeitung. Tatsächlich sind von Prevost keine Äusserungen zur Frage nach dem Zölibat bekannt.

Interessanterweise versetzte aber auch eine Peru-Erfahrung, wie sie auch Prevost machte, in den Neunzigerjahren der Debatte einen neuen Impuls: Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller sprach sich nach einem Projekt in Lateinamerika plötzlich für eine Lockerung des Zölibats aus, um den Priestermangel zu beheben. Reformpapst Franziskus liess dieses heisse Eisen allerdings später unberührt.

Vom neuen Papst stammt indes auch das Zitat: «Spaltungen und Polemik in der Kirche sind nicht hilfreich.» Es ist ziemlich offensichtlich, dass eine Änderung am Zölibat solche Gräben hervorrufen würde. Dieses steht vor allem in der westlichen Welt unter Druck.

Missbrauch

«Schwere Vorwürfe überschatten seine Vergangenheit» titelte die «Frankfurter Rundschau» am Freitag zur Papstwahl. Konkret geht es um Vorkommnisse, als Prevost in Chicago und Chiclayo amtete. Dort soll er Missbrauchsvorfälle nicht mit der gebotenen Konsequenz verfolgt haben.

Drei Frauen werfen Prevost vor, er habe ihre Vorwürfe vertuschen wollen. Die zuständige Diözese bestreitet das. Sie habe Ergebnisse einer Voruntersuchung an die römisch-katholische Zentralbehörde weitergeleitet. Die Behörde habe die Ergebnisse aber – wie die peruanischen Behörden auch – für nichtig befunden. In Interviews bekundete Prevost, die Kirche müsse noch einen besseren und sensibleren Umgang mit der Thematik finden.

Dessen unbenommen fiel die Reaktion eines Netzwerks von Missbrauchsbetroffenen auf die Wahl von Leo XIV. scharf aus. Mit grosser Sorge habe man von seiner Wahl Notiz genommen, hiess es in einer Medienmitteilung vom Donnerstag.

Kirchenorganisation

Es ist eine Frage, die viele Katholikinnen und Katholiken weltweit beschäftigt: Wie wird Leo XIV. die kirchlichen Strukturen reformieren? «Der Mangel an Einheit ist eine Wunde, an der die Kirche leidet – eine sehr schmerzhafte Wunde», sagte Prevost noch als Kardinal gegenüber «Vatikan News». Er setze sich dafür ein, Laien besser einzubinden.

Experten gehen davon aus, dass sich Leo XIV. für den synodalen Weg einsetzt: für mehr lokale Mitsprache an der Gestaltung der Kirche. Inwiefern dies auch eine Abkehr vom zentralistischen Vatikan sein wird, muss vorerst offenbleiben.