Gewalt

Opferhilfe verzeichnet diesen Sommer besonders viel Gewalt – ist die Hitze daran Schuld?

Diesen Sommer verzeichnet die Opferhilfe beider Basel einen markanten Anstieg von Gewaltfällen. Der Geschäftsleiter führt das auf die Hitze zurück. Er könnte Recht haben.

«Solche Zahlen wie diesen Sommer hatten wir noch nie», sagt Beat John, Geschäftsleiter der Opferhilfe beider Basel. Er spricht von einem markanten Anstieg von Meldungen häuslicher und sexualisierter Gewalt und Gewalttaten im öffentlichen Raum. Waren es zwischen Juni und August letztes Jahr noch 858 Meldungen, stiegen sie im gleichen Zeitraum dieses Jahr auf 1117 an. Das ist ein Anstieg von 30 Prozent.

Dabei sind Rekordwerte für John eigentlich nichts Neues. In den vergangenen Jahren meldeten sich immer mehr gewaltbetroffene Baslerinnen und Basler bei der Opferhilfe als im Vorjahr. Zuletzt verzeichnete John einen generellen Anstieg von 15 Prozent.

Dieser Hitzesommer trieb in Basel aber nicht nur die Temperaturen auf die Spitze, sondern auch die Fälle von Gewaltbetroffenen, die sich von der Opferhilfe beraten liessen. Das zeigte sich gerade im August, als die Schweiz und insbesondere Basel die vierte Hitzewelle über sich ergehen lassen mussten. Im Vergleich zum Vorjahr gingen 36 Prozent mehr Meldungen bei der Opferhilfe ein.

Die meisten Meldungen stammten von Frauen oder betrafen Gewalt im öffentlichen Raum. Überproportional gestiegen sind im August insbesondere Fälle von Kindern und Jugendlichen als Opfer von Gewalt: Hier verzeichnet John einen Anstieg von 47 auf 67 Meldungen. Das entspricht einem Plus von 42 Prozent. John: «Wir können diesen Anstieg nicht erklären, ausser, dass die extreme Hitze etwas damit zu tun haben muss.»

Forschung: Hitze und Gewalt hängen zusammen

Es gibt zahlreiche internationale Studien, die einen Zusammenhang von Hitze und Gewaltdelikten belegen. Hitze wirkt als Stressor oder Verstärker. Wenn es heiss ist, nehmen Femizidegeschlechtsspezifische Gewalt und häusliche Gewalt zu. In kühleren Städten mit mehr Klimaanlagen und Grünflächen ist der Zusammenhang geringer.

Bestätigen die Zahlen aus Basel dieses Bild?

«Wir können das nur vermuten», sagt John. Die Opferhilfe frage die Betroffenen nicht, ob sie denken, ihnen sei aufgrund der Hitze Gewalt angetan worden. «Aber wir haben es ja alle am eigenen Leib gespürt, wie uns die Hitze zusetzte, wie wir dünnhäutig wurden und schlecht schliefen.»

Seit dem 1. Mai gibt es die schweizweite Opferhilfenummer 142, die der Bund mit einer Informationskampagne beworben hat. Dass sich der Anstieg im Sommer rein dadurch erklären lässt, bezweifelt John. In der täglichen Telefonstatistik ist die Anzahl Anrufe via 142 seit Inbetriebnahme der Nummer konstant geblieben.

Hohe Zahlen auch in anderen Kantonen

Die Opferhilfestellen in der Schweiz haben generell immer mehr zu tun. Ob es in anderen Kantonen über den Sommer auch zu markant höheren Fallzahlen kam, lässt sich schwer sagen. Im Kanton Zürich liegen keine aktuellen Zahlen vor, wie die Leiterin der Opferhilfestelle auf Anfrage mitteilt. Im Kanton Luzern stellte die Opferhilfe keinen ausserordentlichen Anstieg fest.

Im Aargau ist von einem kontinuierlichen Anstieg die Rede. Diesen Sommer verzeichnet die Opferhilfe rund 40 Prozent mehr Fälle als im Sommer letzten Jahres. Sie schliesst einen Zusammenhang mit der Hitze nicht aus, gibt aber zu bedenken, dass nebst der neuen Telefonnummer 142 die KI-Chatbots den Zugang zur Opferhilfe erleichtern. Weiter seien andere Hilfsangebote stark ausgelastet, was die Zunahme auch erklären könnte.

Margot Vogelsanger, Geschäftsleiterin der Opferhilfe St. Gallen und der beiden Appenzell verzeichnete im Sommer 2025 knapp 500 Gewaltfälle, heuer waren es 730. Ob dieser Anstieg mit der Hitze zu tun hat, hält Vogelsanger für möglich, sieht es aber ähnlich wie die Opferhilfe Aargau: Wenn, dann ist es nicht der einzige Grund. Diesen Sommer lagen die Nerven blanker als auch schon, sagt Vogelsanger. Sie verzeichnete vor allem mehr Anrufe von Personen, deren Anliegen nicht unter das Opferhilfegesetz fallen, die also von keinen Gewaltdelikten betroffen waren, sondern sich von den Behörden ungerecht behandelt fühlten.

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