Video-Interview

Nach Rücktrittserklärung: Parmelin warnt vor einer Gefahr für die Schweiz

Jetzt schaltet sich der Bundespräsident in den Sprachenstreit ein: Guy Parmelin sagt, der Abbau des Französischunterrichts in mehreren Kantonen gefährde den Zusammenhalt der Schweiz.

«Das schmerzt mich», sagt der abtretende SVP-Bundesrat im Interview mit dem zweisprachigen TV-Sender TB2 und mit CH Media. Die Bestrebungen, Französisch aus der Primarschule zu verbannen, seien «keine Hilfe für den Zusammenhalt», sondern eine Gefahr.

Die Debatte hat inzwischen mehrere Kantone erfasst. In Zürich, St. Gallen, Thurgau und Appenzell Ausserrhoden soll Französisch künftig erst auf der Oberstufe beginnen, im Aargau plant die Regierung einen späteren Start ab der 6. oder 7. Klasse. Auch in Luzern ist ein Vorstoss hängig.

Parmelin kann zwar verstehen, dass das Erlernen einer zweiten Landessprache für Kinder eine Herausforderung sei. Dennoch müsse man langfristig denken. «Ich sehe eine gewisse Gefahr für unseren Zusammenhalt. Nicht sofort, aber auf mittlere und lange Sicht.»

Englisch sei als internationale Sprache wichtig, sagt Parmelin. Dessen wachsende Bedeutung habe aber Auswirkungen auf die Bereitschaft junger Menschen, eine andere Landessprache zu lernen. Der Bundespräsident plädiert deshalb für mehr Austausch zwischen den Sprachregionen.

Er verbrachte ein Jahr in der Deutschschweiz

Der Waadtländer erzählt von eigenen Erfahrungen. Seine Mutter habe ihn und seine Geschwister einst für ein Jahr in die Deutschschweiz geschickt. Entscheidend sei nicht allein die Sprache: «Es geht darum, die Mentalität kennenzulernen.»

Der Vorschlag des Freiburger Regierungsrats Jean-François Steiert, einen Teil des Militärdienstes in einer anderen Sprachregion zu absolvieren, findet bei Parmelin grundsätzlich Anklang. «Alles, was man unternehmen kann, um die Verbindungen zu stärken und den Austausch zu fördern, sollte man versuchen voranzutreiben.»

Im Interview spricht Parmelin auch über seinen angekündigten Rücktritt nach elf Jahren im Bundesrat. Die grosse Zahl von Journalistinnen und Journalisten an seiner Medienkonferenz habe ihn beeindruckt. Aus der Bevölkerung habe er zahlreiche Nachrichten erhalten, darunter viele SMS. Noch habe er nicht alle beantworten können.

«Madame Parmelin» sei «zufrieden»

Seine Frau hat er erst am Vorabend definitiv über seinen Entscheid informiert. Völlig überrumpelt sei sie allerdings nicht gewesen, weil die beiden schon länger darüber gesprochen hätten, wann der richtige Zeitpunkt für einen Rücktritt gekommen sei. Ihre Reaktion? Sie sei «zufrieden» gewesen – «und vielleicht doch auch ein bisschen überrascht».

Noch rund drei Monate bleibt Parmelin Bundespräsident. In dieser Zeit beschäftigt ihn unter anderem das Verhältnis zu den USA. Im Zollstreit sei eine gewisse Stabilität erreicht worden: Die Schweiz habe mit Washington eine Verständigung über einen Zollsatz von 15 Prozent. Ein rechtlich verbindliches Abkommen gebe es zwar noch nicht. «Aber für die USA ist es ein Deal. Wir respektieren den Deal, und sie respektieren den Deal.»

Allerdings ist die Sache für Parmelin noch nicht ausgestanden. Die Schweiz warte auf die nächste Etappe der amerikanischen Abklärungen zu Überkapazitäten. Dabei seien vorübergehend auch wieder höhere Zölle möglich. Die Schweiz habe dann 30 Tage Zeit, darauf zu reagieren.

Im ausführlichen Video-Interview spricht Parmelin zudem über die zunehmende Polarisierung der Politik, die direkte Demokratie als Schutz vor Extremen und die Katastrophe von Crans-Montana, die sein Präsidialjahr geprägt hat.

Mehr zum Thema: