Jubiläum

Ein Kind isst giftige Beeren, jemand erbricht Schaum: Hinter den Kulissen des gefährdeten Giftnotrufs

Seit sechzig Jahren retten die Fachleute von Tox Info Suisse am Telefon Leben. Und obwohl die Nachfrage immer weiter steigt: Der Giftnotruf läuft am Limit.

Zuerst kommt ein Anruf aus der Ambulanz rein. Auf der Tragebahre liegt eine Person, die offenbar vor einigen Stunden mehrere Schmerztabletten geschluckt hat. Zumindest hat sie das der Sanitäterin so gesagt – die Symptome der Person sind nämlich stärker als erwartet. Die Sanitäterin wählt den Giftnotruf 145, weil sie eine erste Einschätzung braucht: Welches Spital soll das Rettungsteam ansteuern, wie sehr pressierts?

Ziad Kassem sitzt am anderen Ende der Leitung. Er ist Assistenzarzt und arbeitet seit zwei Jahren beim Auskunftsdienst der Stiftung Tox Info Suisse, dem Giftnotruf. Er hat ein Headset auf und drei Bildschirme vor sich: Rechts nimmt er den Anruf entgegen, in der Mitte notiert er Stichworte in einer Akte, links ploppen automatisch digitale Karteikarten zu jenen Schadstoffen auf, die Kassem in die Akte tippt.

Er hört zu, fragt nach und klickt sich gleichzeitig durch die Datenbank, öffnet Berichte und Tabellen. Er berät die Sanitäterin und sagt schliesslich in ruhigem Ton: «Von dem, was wir aktuell wissen, sollte der Zustand zumindest auf dem Weg ins Spital stabil bleiben. Im Spital müsste man aber sicher weiter abklären, ob nicht noch andere Komponenten eine Rolle spielen. Ist das gut so für Sie? – Okay, und sonst nochmals anrufen. – Danke Ihnen, adé!»

Assistenzarzt Ziad Kassem nimmt bis zu vierzig Anrufe pro Schicht entgegen, teils von medizinischen Fachpersonen, teils aus der Bevölkerung.
Bild: Elizabeth Desintaputri

Einziges Kompetenzzentrum für akute Vergiftungen

Fast 45'000 solcher Beratungen führte der Giftnotruf vergangenes Jahr durch. So viele wie noch nie. Und dieses Jahr zeichnet sich bereits der nächste Spitzenwert ab: In den Wintermonaten, in denen normalerweise weniger los ist, sind so viele Anrufe eingegangen wie sonst im Sommer.

Rund ein Viertel dieser Anrufe kommt, wie gerade eben, von medizinischen Fachpersonen. Sanitäter und Notfallärztinnen sind froh, auf die Expertise der Spezialistinnen und Spezialisten von Tox Info zurückgreifen zu können. Die Akuttoxikologie ist eine fachliche Nische – und das «Tox», wie es auch genannt wird, ist dafür die einzige Kompetenzstelle in der Schweiz. Die Handvoll Akuttoxikologinnen, die es hierzulande gibt, arbeitet hier. Und sie bedienen sich einer Datenbank, die sie seit sechzig Jahren pflegen: Welche Substanzen sind wie giftig, welche Dosis ist kritisch, welche Gegenmassnahme ist sinnvoll? Was sie empfehlen, ist der Stand des Wissens.

Bis zu vierzig Anrufe beantwortet Ziad Kassem während einer Schicht. Das sind eigentlich zu viele. Muss er mehr als 25 Anrufe entgegennehmen, fehlt die Zeit, um die Fälle laufend zu protokollieren. «Aber die Ressourcen sind knapp. Das Ganze funktioniert nur, weil unser System höchst effizient ist», sagt er kurz bevor er den nächsten Anruf entgegennimmt: Ein Kleinkind hat ein Stück Plastik verschluckt.

Zwei von drei Anfragen stammen aus der Bevölkerung. Das zeigt sich auch in Kassems Schicht. Im Falle des Kleinkinds kann er Entwarnung geben: Plastik ist inert, reagiert also nicht und ist ungiftig. Anschliessend ruft die Aufsicht eines Gefängnisses an, eine inhaftierte Person habe Desinfektionsmittel getrunken. Kassem rät, das wie einen Alkoholrausch zu handhaben, da es sich in diesem Fall vorwiegend um hochprozentiges Ethanol handelt. Ein paar Minuten später meldet sich jemand, der schaumige Flüssigkeit erbricht, ein Kollege hat aus Jux einen Schuss Reinigungsmittel in seinen Kaffee gekippt. Wie Kassems Recherche ergibt,  ist das entsprechende Reinigungsmittel aus toxikologischer Sicht ungefährlich, der Zustand sollte sich bald verbessern. Ein Kind hat rote Beeren gegessen – Heckenkirschen, wie sich herausstellt. In kleiner Menge sind sie harmlos. Und schliesslich ruft eine Person an, die versehentlich die doppelte Menge ihres Antidepressivums geschluckt hat: in diesem Fall toxikologisch unbedenklich.

An geschäftigen Tagen kommt minütlich ein neuer Anruf rein. Ziad Kassem nimmt sie auf Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch entgegen. Ist er bei einer Auskunft unsicher, bespricht er sich mit der diensthabenden Oberärztin. Den Tag hindurch sind die Schichten doppelt besetzt, nachts bestreitet ein Experte alleine den Notruf, mit einer Oberärztin auf Abruf.

Ziad Kassem beantwortet die Anrufe bei Tox Info Suisse auf Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch.
Bild: Elizabeth Desintaputri
Antidotische Medikamente: Im Büro von Tox Info Suisse gibt es auch einen Gegengiftschrank, allerdings nur zu Ausstellungszwecken.
Bild: Elizabeth Desintaputri
«Godfrank's Toxicologic Emergencies» ist etwas wie die Gift-Bibel. Assistenzarzt Ziad Kassem nimmt sie zur Hand, wenn es etwa um eine Schwermetall-Vergiftung geht.
Bild: Elizabeth Desintaputri

Das «Tox» ist chronisch unterfinanziert

«Dass es den Giftnotruf noch gibt, verdankt die Schweiz diesem Team», sagt ein Zimmer weiter Damaris Ammann, seit 2021 Geschäftsleiterin des «Tox». Nebst den Fachleuten im Notrufdienst gibt es Mitarbeitende in der Triage, für das Personal, die Finanzen und die Kommunikation. Würden nicht alle von ihnen ständig mehr leisten und flexibler sein, als sie müssten, wäre der Giftnotruf längst Geschichte, ist sich Ammann sicher. «Wir sind sehr eng besetzt.»

Damaris Ammann ist seit 2021 Geschäftsleiterin von Tox Info Suisse.
Bild: zvg

Seit Längerem sind je eine Stelle für einen Oberarzt und eine Ärztin ausgeschrieben. Doch die Löhne im «Tox» liegen unter dem Marktwert. Und wer will zu einem Arbeitgeber, den es vielleicht schon bald nicht mehr gibt?

Der Giftnotruf ist chronisch unterfinanziert. In den vergangenen Jahren hat die Stiftung Tox Info Suisse jährlich rund eine Million Franken Verlust gemacht. Die Reserven sind aufgebraucht. Denn obwohl die Nachfrage und damit die Kosten steigen, haben sich private Geldgeber in den vergangenen Jahren zurückgezogen oder ihre Beiträge gekürzt. Zu ihnen gehören etwa Versicherungen und Branchenverbände. Die Begründung: Wir müssen selber sparen. Und eine gesetzliche Verpflichtung, den Giftnotruf mitzufinanzieren, gibt es keine.

Zwar schreibt das Chemikaliengesetz vor, dass es in der Schweiz eine Auskunftsstelle für Vergiftungen geben und der Bund für ihre Abgeltung sorgen muss. Und niemand stellt ernsthaft infrage, dass es das «Tox» braucht. Nebst der Tatsache, dass die Hotline manchmal Leben rettet, lässt sich damit im Gesundheitswesen Geld sparen: Kann der Giftnotruf einer besorgten Person Entwarnung geben, braucht sie nicht zum Hausarzt oder auf den Notfall zu gehen. Die Finanzierung ist aber nicht langfristig gesichert. Die Stiftung lebt seit Beginn vom Goodwill ihrer Geldgeber und von der Aufopferungsbereitschaft ihrer Mitarbeitenden. Das ist alles andere als ein krisensicheres Fundament.

Eine Finanzspritze zum Geburtstag

Vergangenes Jahr schlug Tox Info Alarm. Die Stiftung appellierte an den Bundesrat mit einer Petition: «Retten Sie den Giftnotruf!» Über 100'000 Unterschriften kamen innert drei Wochen zusammen. Die Rettung kam kurz vor knapp: Erst im Dezember 2025 gewährte das Parlament eine Finanzspritze von einer Million Franken, die dem Notruf das Überleben für das Jahr 2026 sicherte. Ansonsten hätte die Stiftung den Dienst einstellen müssen. Und wäre nach 59 Jahren gestorben.

Gegründet wurde der Giftnotruf 1966 als Schweizerisches Toxikologisches Informationszentrum von einem Apotheker und einem Gerichtsmediziner. Sie beobachteten, wie hilflos medizinische Fachleute bei akuten Vergiftungen waren. Es fehlte verlässliches Wissen im entscheidenden Moment – also beschafften sie systematisch Informationen und schufen eine Datenbank mit 15'000 Karteikarten, die sie von Hand beschrifteten und beklebten. Seither haben die Verantwortlichen den Notruf rund um die Uhr aufrechterhalten. Jeden Tag und jede Nacht, seit sechzig Jahren. «Und das trotz finanzieller Probleme, Mitarbeitermangel oder sonstigen Widrigkeiten», sagt Ammann. «Das ist schon eindrücklich.»

Nebst Chemikalien und Pharmaka gehören Pflanzen und Pilze zu den häufigen Ursachen für Anrufe. Diese Karteikarten stammen aus den 70er-Jahren.
Bild: Elizabeth Desintaputri
Ziad Kassem bespricht einen Anruf mit der diensthabenden Oberärztin.
Bild: Elizabeth Desintaputri

Zum Feiern ist im Jubiläumsjahr 2026 allerdings niemandem zumute. Das «Tox» lebt, aber es ist weiterhin auf lebenserhaltende Massnahmen angewiesen.

Denn obwohl mittlerweile August ist: Die Finanzierung für 2027 ist noch nicht gesichert. Die Verhandlungen mit Bund und privaten Geldgebern laufen. Schon wieder stehen die «Tox»-Mitarbeitenden vor der Frage, wie lange sie noch Arbeit haben. Und die Schweiz steht vor der Frage, wie lange sie noch darauf zählen kann, dass Fachleute zu jeder Uhrzeit mit telefonischem Rat zur Verfügung stehen.

«Wir hätten viele Ideen, wie wir unsere Dienste weiterentwickeln könnten», sagt Geschäftsleiterin Ammann und seufzt. «Aber es geht so viel Zeit, Energie und Geld verloren, weil wir jedes Jahr wieder von Neuem Gelder eintreiben müssen.»

Bund will Chemie-Firmen zur Kasse bitten

Der Bund trägt mittlerweile gut anderthalb Millionen Franken pro Jahr zum Giftnotruf bei. Zahlungen in derselben Höhe fliessen von den Kantonen. Ganz übernehmen will der Staat die Finanzierung aber nicht. Letzten Herbst hat der Bundesrat in Aussicht gestellt, dass er Firmen zur Kasse bitten will, die Chemikalien oder Arzneimittel herstellen. Diese Produkte sind der Grund für siebzig Prozent der Anrufe bei Tox Info Suisse. Zusätzlich hat der Bundesrat die Stiftung einer Wirtschaftlichkeitsprüfung unterzogen, um das Sparpotenzial einzuschätzen. Das Ergebnis ist noch nicht öffentlich. Über das weitere Vorgehen befinde die Regierung «in den nächsten Wochen», wie das Bundesamt für Gesundheit auf Anfrage schreibt.

Vor seinen drei Bildschirmen beendet Ziad Kassem einen weiteren Anruf. Er kommt aus einer Notfallstation. Verdacht: Mischintoxikation, jemand hat gleichzeitig verschiedene Medikamente geschluckt. Kassem empfiehlt, Laborwerte der Nieren zu beschaffen, gleichzeitig sucht er nach den entsprechenden Medikamenten, fragt: «Welche Dosis? Wie sieht die Packung aus?» Er hält Rücksprache mit der Oberärztin im Nebenzimmer.

Schliesslich sagt er, die betroffene Person solle mindestens 24 Stunden überwacht werden. Es bestehe die Möglichkeit für epileptische Krampfanfälle. «In Ordnung? – Gerne, kein Problem. – Ja, und sonst einfach jederzeit wieder anrufen.»

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