Das Hamburger «Miniatur Wunderland» ist mit 1,6 Millionen Besuchern im Jahr Deutschlands beliebteste Touristenattraktion. Davon kommen fast 700'000 Besucherinnen und Besucher aus der Schweiz, viele sind Stammgäste.
Sie alle kennen inzwischen das Prinzip: In der Hamburger Speicherstadt wird die grosse Welt im Modellbahn-Massstab 1:87 nachgebaut. Mit erstaunlicher Liebe zum Detail und dem besonderen Hang zu tüftlerischen Verrücktheiten.
Mitgründer Gerrit Braun, 58, geniesst in Deutschland wegen dieses Lebenswerks längst Promistatus. Auch dank geschickter Eigenvermarktung steht das Gesicht unzähliger Wunderland-Dokumentationen für Lebensfreude, Kreativität und Technikbegeisterung.
Die Geschichte um den von ihm losgetretenen Rechtsstreit beweist, dass sich diese Leidenschaft nicht bloss auf Modelleisenbahnen beschränkt.
Brauns neuestes Spielzeug hat knapp 800 PS und ist alles andere als mini. Der Ex-DJ und Wirtschaftsinformatiker ist seit Kurzem stolzer Besitzer eines Audi E5 Sportback. Dieses Elektroauto hat Audi gemeinsam mit dem chinesischen Hersteller SAIC entwickelt und wird ausschliesslich in China verkauft. Statt der bekannten vier Ringe prangt auf der Frontseite der Schriftzug «AUDI».
In Hamburg ist das ein Hingucker. «Die Supercar-Fahrer der Stadt müssen sich daran gewöhnen, dass sie keiner mehr anguckt, wenn ich gerade hinter oder vor ihnen bin», ulkt Braun zum «Hamburger Abendblatt».
Das Vergnügen war jedenfalls nicht billig. In China kostete die voll ausgestattete Allradversion bei Brauns Bestellung umgerechnet knapp 37'000 Franken. Nach Transport, Zoll, Steuern und der aufwendigen Zulassung in Deutschland waren es fast 83'000 Franken. Vier Monate dauerte allein die technische Prüfung, der sich sein Gefährt beim Import unterziehen musste.
Dafür hat jetzt Braun reichlich Technik unter und über der Haube. Das Auto beschleunigt in 3,4 Sekunden auf Tempo 100, fährt mit Strom bis zu 650 Kilometer weit und lädt die leere Batterie in nur 17 Minuten. Dazu besitzt es ein riesiges Display und Kameras statt Aussenspiegeln.
Allerdings weist der Exot auch Schwächen auf, wie Braun feststellen musste: Das Navigationssystem funktioniert in Deutschland nicht, die Uhr zeigt die chinesische Zeit an, und ohne Internet versteht der Wagen nur Bahnhof respektive Chinesisch.
Das Auto sei für ihn «kognitive Dissonanz zum Anfassen», sagt Braun der «Hamburger Morgenpost». Übersetzt: Er will zeigen, welches Tempo Chinas Autoindustrie inzwischen vorlegt. Bei Fahrkomfort und Verarbeitung sieht er zwar die deutschen Modelle noch immer vorn, beim Design und bei einzelnen technischen Lösungen seien die Chinesen aber viel mutiger.
Autobauer Audi ist «not pleased»
Genau hier fangen die Probleme an: Audi selbst findet den importierten Hightech-Wagen weniger lustig. Der Konzern erwirkte vor dem Landgericht München I eine einstweilige Verfügung gegen den Importeur Auto China. Dieser darf unter anderem die Zeichen «Audi», «E5» und «Vorsprung durch Technik» im geschäftlichen Verkehr in der EU nicht mehr verwenden.
Es geht um einen Streitwert von 275'000 Franken. Der Importeur hat Widerspruch eingelegt. Immerhin: Braun als Privatbesitzer soll juristisch unbehelligt bleiben. Allenfalls hat der Wunderland-Guru mit Spätfolgen zu rechnen: Audi weist darauf hin, dass es ausserhalb Chinas keine Garantie für Service und Ersatzteile gebe.
Braun fährt seinen seltenen Stromer trotzdem mit Begeisterung, wie er der Lokalpresse verrät: «Der Wagen macht mich glücklich, von morgens bis abends», schwärmt er dem «Abendblatt» vor.
Vielleicht gibt ihm diese Glückseligkeit auch den nötigen Schub für die Arbeit, die in den kommenden Tagen auf ihn wartet: Am 9. November eröffnet das Miniatur Wunderland nach vier Jahren Bauzeit seinen neuen Südamerika-Abschnitt «Der Regenwald – Amazonas, Anden und Atacama».
Auf mehr als 170 Quadratmetern gibt es Amazonas-Urwälder, Machu Picchu, Atacama-Wüste und einen Iguazú-Wasserfall mit echtem Wasser zu bestaunen. 250 Züge werden für die Eröffnung getestet. Und selbst winzige Flusskrabben bekommen noch ihren Platz, wie das Miniatur Wunderland mitteilt.
Apropos winzig: Im Massstab 1:87 wäre Brauns China-Audi kaum mehr als fünf Zentimeter lang. Es dürfen Wetten angenommen werden, dass der Superschlitten bereits irgendwo in der Modellstadt «Knuffingen» oder sonst auf einer der Miniaturwelten in der Hamburger Speicherstadt herumkurvt.

