Reportage

«Wir haben vier Monate friedlich demonstriert – jetzt müssen wir etwas anderes probieren»

Junge Demonstranten in Albanien wollen Ministerpräsident Edi Rama stürzen. Auf den Strassen der Hauptstadt ist inzwischen ein Utensil besonders gefragt: die Gasmaske.

Eine Frau schützt mit einer Hand eine Kerze gegen den Herbstwind. Die Finger ihrer anderen Hand gleiten über die Perlen eines Rosenkranzes. «Ich bete dafür, dass heute niemand verletzt wird», sagt die Frau. «Und dafür, dass die jungen Leute Erfolg haben».

Sie steht etwas abseits der Menge auf dem Bulevardi Dëshmorët e Kombit im Zentrum Tiranas. Albaniens Ministerpräsident Edi Rama hat seinen Amtssitz in einem Monumentalbau an dem Boulevard. Die Rollläden sind an den Fenstern heruntergelassen.

Benzinbomben platzen mit einem Knall auf den Panzerwägen der Polizei auf. Flammen züngeln über den Asphalt. Ein Fahrzeug mit einer Kanone rollt in Richtung der Demonstranten. Dann fegt ein Strahl Wasser die vorderste Reihe von den Füssen. Ein Surren ist über den Köpfen zu hören. Es kommt von einer Drohne. Sie wirft etwas direkt in die Menge unter ihr ab. Nebel steigt auf und legt sich als Schleier über den Boulevard. Demonstranten fangen an zu husten, dann zu rennen.

Die Menschen fliehen in Richtung eines Parks. Die Menge fliesst von dort in die Innenstadt. Blendgranaten knallen zwischen ihren Beinen. Die Protestierenden johlen: «Ju erdhi fundi – Mit euch geht es zu Ende». Aber sie weichen zurück. Die Staatsmacht hat vorerst gesiegt.

Das kleine Land gegen die Trumps

Die Flamingos sind von den Strassen Tiranas verschwunden. Zehntausende hatten seit Ende Mai in Albanien mit pinken Pappmaché-Vögeln und Flamingo-Schwimmringen gegen ein umstrittenes Bauprojekt protestiert. Die friedliche Bewegung überraschte in einem Land, das nach dem Ende der kommunistischen Diktatur 1991 lange als Armenhaus Europas galt und 1997 am Rand des Staatszerfalls stand.

Auslöser waren die Pläne von Jared Kushner, Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. Er will für mehr als eine Milliarde Euro ein Luxusressort auf der Adria-Insel Sazan und in der gegenüberliegenden Narta-Lagune errichten. Das Feuchtgebiet beherbergt bis zu 4000 Flamingos und steht unter Naturschutz. Doch Anfang 2025 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das Grossinvestoren Bauprojekte in Schutzgebieten erlaubt.

Zusätzliche Empörung lösten Äusserungen von Trumps Tochter Ivanka aus, die Sazan als «private Insel» bezeichnete. Hinzu kommen Korruptionsvorwürfe: Die Sonderstaatsanwaltschaft ermittelt gegen einen albanischen Geschäftsmann, der für das Kushner-Projekt Eigentumsurkunden gefälscht und Geld aus dem Kokainhandel gewaschen haben soll.

Ministerpräsident Edi Rama hält dennoch an dem Projekt fest. Ein im Juli veröffentlichter Architekturband legt nahe, dass seine Regierung bereits 2022 ein grosses Hotel in dem damals noch streng geschützten Gebiet plante. Rama selbst schrieb das Vorwort.

Ohne Rücksicht auf das Gesetz

Viele Albaner sahen sich in ihrer Kritik an Ministerpräsident Edi Rama bestätigt. Der Sozialist war vor seinem Wechsel in die Politik ein international bekannter Künstler. Seit 2013 regiert er Albanien und macht im Westen als treuer Verbündeter in der Nato eine gute Figur. Weisse Sneaker zum Anzug sind auf Gipfeln von EU und Nato sein Markenzeichen. Seine Gegner sagen, er gestalte das Land ohne Rücksicht auf das Gesetz, als sei es eines seiner Kunstwerke.

Die Lage eskalierte, als sich am 13. Oktober Studenten und Schüler den Protesten anschlossen. Sie protestierten gegen Mängel im Bildungswesen und zündeten das Bildungsministerium an. Es folgten tagelange Strassenschlachten mit Hunderten Verletzten und bis zu 1000 Festnahmen. Demonstranten legten auch an weiteren Ministerien, am Obersten Gericht und im Rathaus Feuer. Sie demolierten mehr als hundert Geschäfte. Die Polizei feuert mit Gummigeschossen auf die Menge.

Gasmasken finden seit Mitte Oktober reissenden Absatz in Tirana. Es heisst, findige Geschäftsleute im benachbarten Kosovo schicken sie in Lastwagen über die Grenze.

Die gelbe Fassade des Bildungsministeriums ist russgeschwärzt. Davor versammeln sich Demonstranten mit Gasmasken, Motorradhelmen und schwarzen Kapuzenpullis. Einige wirken sehr jung, kaum älter als 16. Sie schauen grimmig und blasen Dampfwolken aus ihren Vapes in die Luft. Noch hat die Polizei die Strasse vor dem Bildungsministerium nicht geräumt.

Der Regierungschef macht die Antifa verantwortlich

Gersi hat sich seine Gasmaske in Tirana besorgt. «Inzwischen gibt’s die überall zu kaufen», sagt der 21-jährige Informatik-Student. Er will nur seinen Vornamen verraten. Seine Stimme klingt blechern durch die Maske. Er findet Gewalt legitim. «Wir haben vier Monate friedlich demonstriert und sie haben uns ignoriert. Jetzt müssen wir etwas anders probieren», sagt der Student.

Rama spricht von einer linksextremen Antifa, die Gewalt ausübe. Donald Trump hat 2025 auch europäische Antifa-Gruppen auf die US-Terrorliste gesetzt. Nun soll eine Antifa laut Ramas Aussage mit Unterstützung Russlands und Irans in Albanien für eine Spur der Verwüstung sorgen.

Gersis Freund schüttelt mit dem Kopf. Er will nicht einmal seinen Vornamen nennen. «Ich bin nicht linksextrem. Ich würde mich eher mitte-rechts einordnen», sagt er. Viele junge Demonstranten seien überhaupt nicht politisch. Das unterscheide den Aufstand in Albanien vom Jugendprotest in anderen europäischen Ländern. «Ich glaube, das sind linke Gruppen, die unzufrieden sind. Wir wollen einfach ein normales Land ohne Korruption und Polizeigewalt», sagt er.

Eine Gummigeschoss habe ihn am Fuss gestreift. Er sei auch schon verprügelt worden. Die Demonstranten drehten mit Brandstiftung nur den Spiess herum, findet er. Tirana sehe modern aus. Überall glänzt moderne Architektur. Sein Land wirke nicht mehr arm. Aber junge Menschen aus normalen Familien ohne Verbindung zum Staatsapparat hätten keine Chance auf gut bezahlte Jobs. «Wir kämpfen darum, überhaupt eine Zukunft in diesem Land zu haben», sagt Gersis Freund.

«Entweder Rama geht oder wir verlieren die Jugend»

Kritiker werfen Rama vor, ein Patronage-System geschaffen zu haben, in dem nur Investoren mit Verbindungen zur Macht zum Zug kämen, während junge Albaner ihr Glück im Ausland suchten. Der Politologe Afrim Krasniqi warnt: «Entweder Rama geht oder wir verlieren die Jugend in diesem Land.»

Anhänger der grössten Oppositionspartei im Land gehen inzwischen auch in Tirana auf die Strasse. Die älteren Damen und Herren schwenken die rote Nationalflagge Albaniens mit dem Doppeladler wie bei einem patriotischen Sonntagsspaziergang.

Die Demokraten-Partei PD des früheren Ministerpräsidenten Sali Berisha hatten das Kushner-Projekt lange unterstützt. Auch gegen Sali Berisha gibt es Korruptionsvorwürfe. Die Demokaten wollen später gemeinsam mit den Studierenden protestieren. Willkommen scheinen sie nicht zu sein, wie zu hören ist. Studierende rufen im Stakkato «Rama n`burg, Berisha n`burg - Rama ins Gefängnis, Berisha ins Gefängnis».

Die unabhängige Parlamentsabgeordnete Marjana Koçeku fordert Politiker der Parteien auf, den Protesten fernzubleiben. «Ich finde, die Bühne gehört den Studierenden», sagt sie. Sie mache selbst von ihrer Regel manchmal eine Ausnahme. «Ich bin bei den Protesten willkommen», sagt Koçeku.

Sie reibt sich in einem Café in Tiranas Szeneviertel Blloku den Schlaf aus den Augen. Koçeku ist von einer Reise nach Serbien zurückgekehrt, um in Tirana die Demonstrationen zu verfolgen. Die im Jahr 2000 geborene Politikerin trat im Juni aus Rama Sozialisten-Partei aus. Sie teilte in den sozialen Medien das Bild eines Flamingos. Nach dem Austritt aus Ramas Partei hätten Kriminelle sie bedroht, sagte sie im Sommer. Sie zeigte sich dennoch bei den Flamingo-Protesten.