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Landwirtschaft

Gen-Technik spaltet die Schweiz – Männer und Frauen sind sich nicht einig

Umweltminister Albert Rösti will ein Spezialgesetz für neue Gen-Technologien. Eine Umfrage zeigt: Bis dahin ist es noch ein langer Weg.
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Bild: Getty Images/Anadolu

Seit mehr als zwanzig Jahren gilt in der Schweiz ein Gentech-Moratorium. Es stammt aus einer Zeit, als Genmais und Bilder von mutierten Mäusen für Angst und Schrecken sorgten und das Klonschaf Dolly zum Symbol einer neuen Technik-Hoffnung wurde.

In der Zwischenzeit hat sich viel getan: Die Wissenschaft erzielte im Bereich der Crispr-Technologie grosse Fortschritte. Dabei werden mittels einer sogenannten Gen-Schere Eigenschaften eines Erbguts in ein anderes eingepflanzt, ohne dabei verschiedene Arten zu kombinieren. Befürworter – zu ihnen zählt Umweltminister Albert Rösti – erhoffen sich davon positive Effekte in der Landwirtschaft, etwa bei der Resistenz von Nutzpflanzen gegen Schädlinge und Krankheiten.

Das Gentech-Moratorium wird wohl verlängert. Vor rund zwei Monaten stellte der SVP-Bundesrat deshalb ein neues Spezialgesetz vor, das den Einsatz des technischen Fortschritts bedingt zulassen soll. An einer Pressekonferenz Anfang April sprach er davon, Kartoffeln resistenter gegen die Kraut- und Knollenfäule zu machen. Und redete dabei lieber von neuen Züchtungstechnologien.

Auch der zunehmenden Trockenheit aufgrund des Klimawandels wolle man mit den neuen Forschungserkenntnissen begegnen. Im ersten Quartal des nächsten Jahres will die Regierung die Vorlage ans Parlament überweisen.

Unter FDP- und GLP-Anhängern ist die Zustimmung am grössten

Nun zeigen Zahlen erstmals: Das Thema polarisiert. In einer Studie des Umfrageinstituts Sotomo heisst es: «Eine knappe Mehrheit der Bevölkerung begegnet den neuen gentechnischen Verfahren mit Skepsis.» 51 Prozent der Bevölkerung sprechen sich demnach klar oder eher gegen die Pläne von Bundesrat und Parlament zur Zulassung gewisser Pflanzen aus neuen gentechnischen Verfahren aus.

Wichtigstes Argument der Kritiker: Die Risiken dieser neuen Technologie liessen sich für Mensch und Umwelt zu wenig abschätzen. Viele Befragte teilen überdies die Ansicht, Konsumentinnen und Konsumenten würden dadurch in eine stärkere Abhängigkeit durch Agrarkonzerne gelangen. Die Artenvielfalt, so das Argument, würde darunter leiden. Ethische Bedenken spielen indes höchstens eine untergeordnete Rolle.

Vor allem Frauen stehen einem möglichen neuen Spezialgesetz ablehnend gegenüber. Gerade einmal 34 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus. Bei den Männern hingegen sind es 49 Prozent. «Auch parteipolitisch gibt es klare Unterschiede: Die Skepsis gegenüber Crispr-Technologien ist bei den Anhängerinnen und Anhängern der Grünen, der SP und der SVP am grössten. Die grösste Zustimmung kommt von den Anhängerschaften von FDP und GLP», heisst es in der Studie von Sotomo.

Initiative in den Startlöchern

In Auftrag gegeben hat die Umfrage der Verein für gentechnikfreie Lebensmittel. Dieser steht mit einer eigenen Volksinitiative in den Startlöchern. Sie verlangt, dass gentechnisch veränderte Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen auf Risiken geprüft, bewilligt und gekennzeichnet werden müssen. Ausserdem müsse der Bund sicherstellen, dass eine gentechnikfreie Landwirtschaft und die Wahlfreiheit der Konsumenten erhalten bleiben.

Stand jetzt würden gemäss Umfrage 59 Prozent der Bevölkerung dem Volksbegehren zustimmen. Für Initiativen ist eine hohe Zustimmungsrate in der Sammelphase nicht unüblich. Ob die Lebensmittelschutz-Initiative je zur Abstimmung gelangt, ist allerdings fraglich. Damit soll wohl vor allem Druck auf das Parlament ausgeübt werden, dass im neuen Spezialgesetz eine klare Deklarationspflicht für Crispr-Gemüse und -Obst verankert wird.

1733 Personen bilden die Basis

Die Befragung wurde vor der Bekanntgabe der bundesrätlichen Pläne. Die Grundgesamtheit der Befragung bildet die Stimmbevölkerung der Deutschschweiz und der französischsprachigen Schweiz. Die Befragung erfolgte online über das Panel von Sotomo. «Nach Bereinigung und Kontrolle der Daten konnten die Angaben von 1733 Personen für die Auswertung verwendet werden», heisst es dazu in der Studie.