
Die Warnung des Schweizer Geheimdienstes in seinem neusten Lagebericht «Sicherheit Schweiz 2026» ist brisant. Es sei «realistisch», dass chinesische Dienste Daten erhielten, die moderne chinesische Fahrzeuge während ihrer Nutzung produzieren – etwa via Autohersteller oder Schnittstellen.
«Diesen Aspekt müssen Personen und Organisationen in der Schweiz bei der Beschaffung chinesischer Fahrzeuge berücksichtigen», hält der Nachrichtendienst des Bundes NDB unter seinem neuen Direktor Serge Bavaud, 52, fest. Insbesondere gelte dies «für Personen und Organisationen, die zu den Hauptaufklärungszielen in der Schweiz zu zählen sind».
Heisst: Staatliche Behörden und Institutionen, die Armee, aber auch Forschungseinrichtungen, die Hightech-Industrie, Telekom- und IT-Firmen sowie internationale Organisationen sollten sich die Beschaffung chinesischer Fahrzeuge gut überlegen. Das kann nach der Logik des NDB auch für Mitarbeitende solcher Organisationen relevant sein.
Vor den Medien drückte sich Bavaud noch anschaulicher aus: «Daten aus modernen chinesischen Fahrzeugen - Standort, Fahrverhalten, verbundene Mobiltelefone - können über die Hersteller an chinesische Nachrichtendienste fliessen.» Er nannte die Autos «Smartphones auf Rädern», sie mit «zahlreichen Kameras und Sensoren ausgerüstet sind und beispielsweise ihre Umgebung aufzeichnen.» In China seine diese solche Fahrzeuge der neusten Generation in der Nähe kritischer Infrastrukturen verboten. «Das ist kein Zufall», sagt der Geheimdienstchef.

Aber bei uns? Da gibt es selbstverständlich keine solchen Beschränkungen. Im Gegenteil: Die Zulassungszahlen chinesischer Autos stiegen zuletzt, wie Zahlen von Auto Schweiz zeigen, die Marktanteile nahmen zu. So konnten etwa die Hersteller BYD oder Leapmotor, an dem der europäische Konzern Stellantis beteiligt ist, deutlich zulegen.
Russische Desinformation nimmt zu
Weiterhin die «grösste und akuteste Bedrohung für Sicherheit, Stabilität und Frieden in Europa» bleibe aber Russland. Dessen «hybride Konfliktführung» werde aggressiver. Der Putin-Staat nutze die Schweiz «mutmasslich als Operationsraum für Sabotage im europäischen Ausland». Und nehme die Schweiz mit Beeinflussung und Desinformation, Spionage und Cyberangriffen «direkt ins Visier».
Als Beispiel für Desinformation nannte er das russische Staatsmedium RT, das 2025 rund einen Viertel mehr Schweiz-Beiträge veröffentlicht habe als im Vorjahr. Das Narrativ: «Die Schweiz sei im Niedergang», so Bavaud.

Stärker als in den Vorjahren hebt der Nachrichtendienst in seinem Lagebericht auch die zunehmend problematische Rolle der USA unter Präsident Donald Trump hervor. «Die USA, Russland und China streben eine andere Weltordnung an», steht im Lagebericht. «Washington sucht den eigenen Vorteil und hat sich von der regelbasierten Ordnung abgewandt», sagte Bavaud vor den Medien. Die amerikanische Aussen- und Sicherheitspolitik sei «unberechenbar und weniger verlässlich geworden». Das Fazit des Geheimdienstchefs: «Europa ist heute die einzige verbliebene grössere Macht, die für die regelbasierte Ordnung einsteht.»
Einige Einschätzungen des Nachrichtendienstes:
Cyber: Die Schweiz sei «Ziel und Plattform». Staatliche Akteure aus Russland, China, Iran oder Nordkorea griffen Behörden, Forschung und Spitzentechnologie an. «Oder sie mieten Schweizer Server an, um militärische und politische Ziele in Drittstaaten» auszuspionieren.
Proliferation: Die Schweiz diene vor allem Russland als Beschaffungsort für Güter und Technologien für seine Rüstungsproduktion, so der Geheimdienst. Beispielsweise gelangten über Drittstaaten in der Schweiz erworbene Werkzeugmaschinen nach Russland.
Terror: Diese Bedrohung sei nach wie vor erhöht. Dschihadistisch inspirierte Einzelpersonen prägten die Szene. Im Fokus stehe die Online-Radikalisierung. Als Beispiel nennt der NDB den Messerangriff in Winterthur. Terroristische Akteure setzten gezielt auch auf Künstliche Intelligenz, um insbesondere Jugendliche zu radikalisieren.
Gewalttätiger Extremismus: Das Gewaltpotenzial der linksextremistischen Szene bleibe hoch, befeuert durch den Nahostkonflikt. Auch die rechtsextremistische Szene bleibe gefährlich. Deren Exponenten träten aber «unscheinbarer und verbal überlegter» auf als früher, was ihnen zu mehr Anhängern verhelfe.
«Erfreuliche Nachricht»: Mehr Geld in Sicht
Er könne also «keine Entwarnung» geben, im Gegenteil, so Bavaud. Der Nachrichtendienst sei «die erste Verteidigungslinie» der Schweiz, und diese Linie müsse gestärkt werden. Bavaud fordert mehr Mittel, mehr Personal und mehr Kompetenzen. Hier gebe es eine gute Nachricht. Dem Bundeshaushalt gehe es besser, und der Bundesrat habe am Mittwoch mitgeteilt, dass die zivilen Ämter mit Sicherheitsaufgaben mehr Geld erhalten sollen. «Also auch der NDB», so der Geheimdienstchef. chm

