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Bildung

Finnland rüstet schon die Kleinsten für den Umgang mit Fake News

Kinder lernen früh, Falschmeldungen zu erkennen. Medien- und KI-Kompetenz sind fest im Lehrplan verankert – ein Konzept, das das nordische Land gegen Desinformation und Propaganda aus Russland und anderen Quellen wappnen soll.

Der Kampf gegen Fake News beginnt in Finnland bereits im Kindergarten. Seit Jahrzehnten ist Medienkompetenz, einschliesslich der Fähigkeit, Medienangebote zu analysieren und Desinformation zu erkennen, fester Bestandteil des finnischen Lehrplans – und das schon für Dreijährige. Der Unterricht ist Teil eines umfassenden Programms gegen Falschinformation, das die Finnen widerstandsfähiger gegen Propaganda und Falschmeldungen machen soll, insbesondere gegen solche, die aus dem benachbarten Russland verbreitet werden.

Medienkompetenz steht in Finnland bereits im Kindergarten auf dem Stundenplan.
Bild: Symbolbild: Jessica Hill

«Wir sind der Ansicht, dass gute Medienkompetenz eine wichtige staatsbürgerliche Fähigkeit ist», sagte die Pädagogik-Expertin Kiia Hakkala, die für die Stadt Helsinki arbeitet. «Sie ist von grosser Bedeutung für die Sicherheit unseres Landes und unserer Demokratie.»

Die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz bedeutet eine neue Herausforderung für die Lehrkräfte. Das betrifft nicht nur die verstärkte Desinformation aus Russland seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine, sondern auch den finnischen Nato-Beitritt 2023, der in Moskau Unmut hervorrief. Die Themen fanden sich in Desinformationskampagnen wieder, obwohl Russland jegliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder wiederholt bestritten hat.

KI-Kompetenz wird zur Schlüsselqualifikation

In den Schulen werden die neuen Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz in den Lehrplan aufgenommen. So auch an der Tapanila-Grundschule in einem ruhigen Viertel nördlich von Helsinki, wo Lehrer Ville Vanhanen einer Gruppe Viertklässler zeigt, wie man Fake News erkennt. Während auf einem Bildschirm die Frage «Fakt oder Fiktion?» erscheint, machen sich die Schülerinnen und Schüler Gedanken. «Es ist gar nicht so einfach», gibt der zehnjährige Ilo Lindgren zu.

Seine Schüler setzten sich schon seit Jahren mit Fake News und Desinformation auseinander, angefangen beim Lesen von Überschriften und kurzen Texten, erklärt Vanhanen. In einer Unterrichtsstunde kürzlich sollten die Viertklässler fünf Kriterien für den Konsum von Online-Nachrichten erarbeiten, um deren Vertrauenswürdigkeit zu überprüfen. Nun beschäftigen sie sich mit KI-Kompetenz, die sich rasant zu einer unverzichtbaren Fähigkeit entwickelt. «Wir haben untersucht, wie man erkennt, ob ein Bild oder ein Video von einer KI erstellt wurde», erläutert Vanhanen, der auch stellvertretender Schulleiter ist.

Auch die finnischen Medien leisten ihren Beitrag und veranstalten jährlich die «Zeitungswoche», in der Zeitungen und andere Nachrichten an junge Menschen verschickt werden. 2024 erarbeitete die in Helsinki ansässige Tageszeitung «Helsingin Sanomat» ein «ABC-Buch zur Medienkompetenz», das an alle 15-Jährigen des Landes zum Beginn der Oberstufe verteilt wurde.

Greifbarer Erfolg

«Es ist uns sehr wichtig, als Quelle für geprüfte und vertrauenswürdige Informationen wahrgenommen zu werden, die von bekannten und transparenten Personen bereitgestellt werden», sagt Chefredakteur Jussi Pullinen.

Medienkompetenz ist in Finnland seit den 1990er-Jahren fester Bestandteil des Lehrplans. Für ältere Erwachsene, die besonders anfällig für Fehlinformationen sind, werden zusätzliche Kurse angeboten. Mit Erfolg: Die Kompetenzen sind inzwischen so tief in der Kultur verankert, dass das nordische Land mit seinen 5,6 Millionen Einwohnern regelmässig im Europäischen Medienkompetenzindex an der Spitze steht.

«Ich glaube nicht, dass wir uns die Welt so vorgestellt haben», erklärt der finnische Bildungsminister Anders Adlercreutz. «Dass wir mit Desinformation bombardiert werden, dass unsere Institutionen – unsere Demokratie – durch Desinformation ernsthaft bedroht werden.»

Schwierige Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion

Angesichts der rasanten Entwicklung von KI-Tools bemühen sich Pädagogen und Experten verstärkt darum, Schülerinnen und Schülern sowie der breiten Öffentlichkeit beizubringen, wie man Fakten von Falschmeldungen unterscheidet. «Es ist im Informationsraum bereits deutlich schwieriger geworden, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden», sagt die Leiterin des Bereichs Hybride Einflussnahme am Europäischen Kompetenzzentrum zur Bekämpfung hybrider Bedrohungen in Helsinki, Martha Turnbull. Aktuell liessen sich KI-generierte Falschmeldungen noch relativ leicht erkennen, weil ihre Qualität noch nicht optimal sei.

Aber das ändere sich rasch. «Mit der Weiterentwicklung dieser Technologie, und insbesondere mit dem Übergang zu Dingen wie agentenbasierter KI, denke ich, dass es für uns viel schwieriger werden könnte, sie zu erkennen.» (dpa)

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