Familienpolitik

36 Wochen Elternzeit: Initiative steht – und soll für mehr Kinder sorgen

Eine überparteiliche Allianz hat genügend Unterschriften zusammen, um ihre Familienzeit-Initiative einzureichen. Die Initianten sind überzeugt, dass sich die Investition lohnt. Doch Widerstand gibts auch von links.

Zuletzt sah es so aus, als könnte es knapp werden: Einen Monat vor Schluss fehlte der Familienzeitinitiative noch eine beträchtliche Zahl von  Unterschriften. Nun aber vermeldet das überparteiliche Komitee einen ersten Erfolg. 136'000 Unterschriften sind zusammengekommen – und auch wenn noch nicht alle geprüft seien, stehe fest, dass das Minimum von 100'000 gültigen Unterschriften erreicht worden sei. Am Mittwoch will das Komitee das Begehren einreichen.

Die Initiative fordert eine für beide Elternteile gleich lange Familienzeit von je 18 Wochen. Das wäre massiv mehr als die heutigen 14 Wochen Mutterschaftsurlaub und zwei Wochen Vaterschaftsurlaub. Die 18 Wochen müssen die Eltern nacheinander beziehen, maximal viereinhalb Wochen dürfen sie gemeinsam daheim bleiben.

Familienpolitische Anliegen haben es in der Schweiz bekanntermassen schwer. Die Allianz, welche die Familienzeitinitiative trägt, ist deshalb breit abgestützt und erhofft sich, dadurch mehrheitsfähig zu sein. Zur Trägerschaft gehören Alliance F, die Grünen, Travail Suisse, die Grünliberalen und die Mitte Frauen. Im Initiativkomitee sitzt auch die ehemalige BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf.

Was die Elternzeit mit dem Gotthard zu tun hat

Die Initiantinnen und Initianten sind überzeugt, dass sich eine solche Familienzeit auch für die Wirtschaft letzten Endes auszahle. Der Schwyzer Mitte-Nationalrat Dominik Blunschy, auch er Teil des Komitees, vergleicht die Elternzeit mit Investitionen in die Infrastruktur, beispielsweise den Gotthardtunnel: «Sie bringen langfristig einen vielfachen Nutzen von dem, was sie am Anfang kosten.»

Menschen der mittleren Generation würden am meisten zum Wohlstand der Schweiz beitragen, sagt er. Sie seien erwerbstätig, finanzierten die Sozialwerke, zögen die künftige Generation gross und betreuten oft gleichzeitig pflegebedürftige Angehörige. «Sie brauchen bestmögliche Unterstützung nach der Geburt eines Kindes, wenn Weichen im Beruf und der Familie neu gestellt werden», findet Blunschy.

Sinkende Geburtenrate stoppen

Die Allianz verweist auf eine Studie, die sie beim Forschungsunternehmen Ecoplan in Auftrag gegeben hat. Laut der Studie würde eine Familienzeit, wie sie die Initiative fordert, den Staat gut eine Milliarde Franken pro Jahr kosten. Nach zwanzig Jahren soll sie refinanziert sein, weil jedes Jahr 2500 Vollzeitbeschäftigte mehr im Arbeitsmarkt tätig wären, was zu mehr Steuereinnahmen und Einzahlungen in die Sozialwerke führen würde. Dabei handle es sich um Mütter, die früher und in höheren Pensen in den Beruf zurückkehrten – oder die überhaupt wieder erwerbstätig werden.

Das Initiativkomitee geht davon aus, dass der Vorschlag dazu beitragen könnte, den Rückgang der Geburtenrate zu bremsen. Sie befindet sich gemäss Zahlen des Bundesamts für Statistik auf dem historischen Tief von 1,28 Kindern pro Frau. Anders veranschaulicht: Auf hundert Menschen der Elterngeneration folgen noch 62 Kinder, 38 Enkel und 24 Urenkel.

Dies, obwohl sich gemäss den Statistikern die überwiegende Mehrheit der Unter-30-Jährigen zwei oder mehr Kinder wünscht. Studien aus Ländern, die mit der Schweiz vergleichbar sind, zeichnen ein ähnliches Bild: Frauen sind eher bereit, Kinder zu bekommen, wenn sich Familie und Beruf vereinbaren lassen, und Väter sich mehr in der Familienarbeit engagieren.

Die Familienzeit trage die Schweizer Gesellschaft in die Zukunft, findet Kathrin Bertschy, GLP-Nationalrätin und Co-Präsidentin von Alliance F. «Ein Land, das Kinder und Arbeitskräfte will, muss in dieses Generationenwerk investieren.»

Feministinnen sind dagegen

Doch nicht nur aus Kostengründen ist die Initiative umstritten. Während der Support für die Initiative bis ins bürgerliche Lager reicht, ist die Skepsis gegenüber dem 18-Wochen-Modell ausgerechnet in feministischen Kreisen gross. «Streng paritätische Elternzeitmodelle sind für viele Lebensentwürfe ungeeignet, deshalb unterstützen wir sie nicht», hält die Eidgenössische Kommission «dini Mueter» fest, eine Gruppierung, die aus dem Frauenstreik entstanden ist.

Ausserdem ist es aus ihrer Sicht richtig und wichtig, zwischen Müttern, die gebären, und dem Vater (oder der Ehefrau der Mutter) zu unterscheiden. Ein flexibles Elternzeitmodell sei deshalb vorzuziehen.

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