Interview

«Einen solchen Grossbrand kann man kaum beherrschen»

Experte Johann Georg Goldammer ordnet ein, warum Europas Waldbrände ausser Kontrolle geraten und wie gross die Gefahr für die Schweiz ist.
Im Südwesten Frankreichs brennen die Wälder weiterhin lichterloh.
Bild: EPA

Selbst die Tour de France musste den Flammen weichen. Weil Sicherheitskräfte zur Bekämpfung der Waldbrände benötigt wurden, musste die letzte Etappe am Sonntag in Paris verkürzt ausgetragen werden. Währenddessen packen Urlauberinnen und Urlauber im Südwesten Frankreichs ihre Koffer, um den Urlaubsort zu verlassen.

Rund um Bordeaux sind bereits etwa 220’000 Menschen evakuiert worden. Das Feuer ist bis auf rund 15 Kilometer an die Metropole herangerückt. Tausende suchen Schutz in Notunterkünften oder bei Angehörigen. Einige könnten erneut weiterziehen müssen, sollte sich der Brand weiter ausbreiten.

Rund 2500 Feuerwehrleute kämpfen in der Gironde Tag und Nacht gegen die Flammen. Unterstützung kommt auch aus der Schweiz: 34 Feuerwehrleute aus der Romandie sind vor Ort, zudem sollen drei Super-Puma-Helikopter auf Korsika helfen.

Anhaltende Trockenheit und wiederkehrende Hitzeperioden haben Wälder und Böden ausgedörrt. Auch in Spanien und anderen Teilen Europas brennt es. Doch ist der Klimawandel die einzige Ursache? Weshalb geraten die Feuer immer häufiger ausser Kontrolle? Und wie lässt sich ein Brand dieser Grösse eindämmen?

Antworten darauf gibt Johann Georg Goldammer, Feuerökologe, Waldbrandexperte und Leiter des Global Fire Monitoring Center in Freiburg im Breisgau.

Von einem Löschfahrzeug aus versucht die Feuerwehr mit Wasserwerfen die meterhohen Flammen einzudämmen.
Bild: EPA

Der Brand bei Bordeaux breitet sich trotz tausender Einsatzkräfte rasant aus. Was macht dieses Feuer so schwer beherrschbar?

Johann Georg Goldammer: In Frankreich ist die Situation ähnlich wie auf der Iberischen Halbinsel. Über Wochen haben sich extreme Trockenheit und Hitze aufgebaut. Heisse Luftmassen aus Nordafrika ziehen bis nach Mitteleuropa. Dadurch sind Wälder, Buschland und landwirtschaftliche Flächen ausgetrocknet und besonders leicht entzündlich. Starke, teilweise wechselnde Winde treiben die Flammen zusätzlich an. Diese Kombination macht die Brände so schwer kontrollierbar.

Lässt sich ein Brand dieser Grösse noch löschen?

Frankreich und andere südeuropäische Länder verfügen über gut ausgebildete und erfahrene Feuerwehren. Doch bei extremer Trockenheit, Hitze und Wind stossen auch sie an ihre Grenzen. Drohnen, Helikopter und Löschflugzeuge können die Einsatzkräfte dabei nur unterstützen.

Wasserabwürfe aus der Luft kühlen die Feuerfront für kurze Zeit ab. Dadurch können sich die Einsatzkräfte am Boden den Flammen nähern und das Feuer direkt bekämpfen. Auch die Schweizer Super-Puma-Helikopter dienen vor allem dazu, die Bodenkräfte zu unterstützen.

Bei einem solchen Grossbrand müssen zudem Prioritäten gesetzt werden. Zunächst geht es darum, Menschen zu retten und kritische Infrastrukturen zu schützen. Erst danach wird versucht, Wälder, Naturschutzgebiete oder wirtschaftlich wichtige Flächen wie die Weinbaugebiete bei Bordeaux zu sichern. Einen solchen Grossbrand vollständig zu beherrschen, ist oft nicht mehr möglich.

Ist diese extreme Lage allein eine Folge des Klimawandels?

Dass solche extremen Wetterlagen mit lang anhaltender Hitze und Trockenheit häufiger auftreten, ist eine Folge des Klimawandels. Die aktuelle Situation lässt sich klar damit in Verbindung bringen.

Welche weiteren Faktoren begünstigen solche Brände?

Europas Landschaften sind seit Jahrhunderten bewirtschaftete Kulturlandschaften. Doch in vielen Regionen gehen Landwirtschaft, Weidewirtschaft und Forstwirtschaft zurück. Junge Menschen ziehen in die Städte, Dörfer überaltern und Flächen werden nicht mehr genutzt.

Früher wurde pflanzliches Material durch Ernte, Viehhaltung oder Holzgewinnung entfernt. Heute bleibt mehr davon zurück und steht dem Feuer als Brennstoff zur Verfügung. Das gilt auch für wenig bewirtschaftete Wälder. Bei extremer Trockenheit können sich Brände dadurch besonders stark ausbreiten und die Ökosysteme schwer schädigen.

Inmitten von Rauch und Funken kämpfen die Feuerwehrleute ohne Pause gegen die Brände an.
Bild: EPA

Könnte ein solcher Grossbrand auch die Schweiz treffen?

Ein Grossbrand wie in dem zusammenhängenden Waldgebiet bei Bordeaux dürfte sich in der Landschaft der Schweiz kaum in demselben Ausmass entwickeln. Die besondere Gefahr liegt hier in den Bergregionen und vor allem an steilen, schwer zugänglichen Hängen.

Dort können Einsatzkräfte und Löschfahrzeuge nur schwer ins Gelände gelangen. Die Schweiz ist deshalb stark auf Helikopter angewiesen. Sie können auch in enge Täler und an Steilhänge fliegen, während Löschflugzeuge dort rasch an ihre Grenzen stossen.

Doch bereits ein Brand von wenigen Hektaren kann in der Schweiz erhebliche Folgen haben. Nach dem Feuer drohen bei Starkregen zusätzlich Steinschlag und Hangrutsche. Dadurch können Ortschaften, Strassen und andere kritische Infrastrukturen gefährdet werden.

Für die kommenden Tage ist erneut grosse Hitze angekündigt. Wie gefährlich ist die Lage jetzt?

Die gesamte Gesellschaft muss jetzt extrem vorsichtig sein. Die meisten Brände in Europa werden durch Menschen verursacht. Blitzschläge können insbesondere in den Hochlagen der Schweiz Brände auslösen, doch die meisten Feuer entstehen durch Fahrlässigkeit, Unachtsamkeit oder teilweise auch durch Vorsatz.

Mögliche Ursachen sind Grillfeuer im Wald, Fahrzeuge mit heissen Katalysatoren auf trockenem Gras oder heissgelaufene Maschinen. Gerade Landwirte und Forstwarte müssen sich bewusst sein, dass bei dieser extremen Trockenheit etwa Mähmaschinen, Mähdrescher und Traktoren Brände auslösen können. Zurzeit kann bereits ein kleiner Funke einen Brand auslösen.

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