Nach zwei Krawallnächten in Folge ist es am Dienstagabend in Lausanne ruhig geblieben. Etwa 30 Jugendliche versammelten sich friedlich im Quartier Prélaz, um an den Tod von Marvin zu erinnern. Für Samstag haben Freunde des 17-Jährigen einen Gedenkmarsch in der Stadt angekündigt.
Marvin stammt aus einer kongolesischen Familie und verunfallte am Sonntagmorgen früh tödlich mit einem Scooter, der am Vortag als gestohlen gemeldet worden war. Als Marvin eine Polizeipatrouille erblickte, die wegen eines Raubs ins Quartier ausgerückt war, fuhr er in hohem Tempo davon und prallte in einer Tempo-30-Zone gegen eine Mauer.
Julien (Name geändert) war 18 Jahre alt, als er versuchte, mit einem Scooter vor der Polizei zu flüchten. Er erzählt dieser Zeitung, was in seinem Kopf vorging, als er beschleunigte und die Gefahr ausblendete.
Wir feierten eine Geburtstagsparty bei einem Freund. Ich war mit dem Scooter gekommen und machte mir keine Gedanken darüber, wie ich später wieder nach Hause kommen würde. Der Alkohol floss in Strömen.
Gegen drei Uhr morgens gingen die Partygäste nach Hause. Eine Freundin nahm mir meine Schlüssel ab. Sie war vermutlich die einzige noch halbwegs nüchterne Person. Trotz hohem Alkoholpegel wollte ich unbedingt mit dem Scooter fahren. Würde ich ihn stehen lassen, wäre das ein indirektes Geständnis an die Eltern, dass ich zu viel getrunken habe.
Wir waren zu dritt und nahmen schliesslich ein Taxi. Zuhause schnappte ich den Ersatzschlüssel und fuhr zurück an die Strasse, an der ich den Scooter ein paar Stunden zuvor parkiert hatte. Obwohl ich betrunken war, drehte ich den Zündschlüssel und startete den Motor. Ich sah niemanden auf der Strasse, und ich dachte, mir könne nichts passieren. Dann realisierte ich, dass ich in einer Einbahnstrasse in die falsche Richtung fuhr. Genau in diesem Moment kam mir eine Polizeipatrouille entgegen.
Ich geriet in Panik und flüchtete. Ich war durch den Wind. Das Schlimmste erschien mir in diesem Moment nicht ein Unfall, sondern den Führerschein zu verlieren - und der Ärger mit meinen Eltern zu kriegen.
Als die Polizei wendete, bog ich in eine Seitenstrasse ein, die in ein Wohnviertel führte, und stellte den Scooter ab. Es sollte so aussehen, als ob dieses Fahrzeug ein beliebiger Scooter sei, der schon immer dort stand. Am Strassenende erblickte ich ein kleines Waldstück mit Gebüsch – das perfekte Versteck. Ich hoffte, die Polizei würde mich dort nicht finden.
Ich hörte Sirenen und das Bellen von Hunden. Sie suchten nach mir, aber entdeckten mich nicht. Ich weiss nicht, wie lange ich dort lag, aber es war lange genug, um innerlich zusammenzubrechen. Ich wollte nur noch nach Hause.
Dann merkte ich: Mein Rucksack war weg. Ich Dummkopf hatte ihn auf dem Scooter gelassen, samt Portemonnaie. Die Polizei konnte mühelos meine Identität feststellen. Wobei: Durch das Kennzeichen hätten sie mich sowieso gefunden.
«Sie legten mir Handschellen an»
Ich verliess mein Versteck und wusste, dass mir jetzt ernsthafte Konsequenzen drohten. Ich sagte mir: «Wenn ich die Polizei treffe, sage ich einfach die Wahrheit.» Und tatsächlich: Wenig später wurde ich kontrolliert, musste ins Röhrchen blasen. Die Party war schon mehrere Stunden vorbei, dennoch lag mein Promillewert weit über dem zulässigen Grenzwert. Die Beamten legten mir Handschellen an und brachten mich zur Ausnüchterung in Gewahrsam.
Am nächsten Morgen holten mich meine Eltern vom Polizeiposten ab. Es gab eine ordentliche Standpauke – vor allem von meiner Mutter, die mitten in der Nacht von der Polizei geweckt worden war. Die Beamten hatten meinen Scooter mit dem Rucksack gefunden und suchten mich im ganzen Viertel.
Ich war damals Student, hatte kein eigenes Einkommen. Ich musste den Ausweis für drei Monate abgeben und eine Busse von 300 Franken bezahlen. Es setzte eine bedingte Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 30 Franken ab mit einer zweijährigen Bewährungsfrist. Dazu kamen fast 2000 Franken Kosten für die Umtriebe.
Als ich floh und mich versteckte, verkannte ich die Tragweite meines Handelns. Alkohol, Polizei, Spürhunde ... Ich war nur auf Flucht programmiert. An das Risiko eines Unfalls habe ich damals keinen einzigen Gedanken verschwendet.
