Haakon VIII. hat sich jahrzehntelang auf den norwegischen Thron vorbereitet. Doch die letzte Zeit hat die Monarchie derart durcheinandergewirbelt, dass der 53-Jährige nun weit mehr zu tun hat, als die grossen Fussstapfen seines am Freitagmorgen verstorbenen Vaters Harald auszufüllen. Er muss eine Institution stabilisieren, die sich in der Krise befindet.
Sein Stiefsohn Marius Borg Høiby wurde nach einem aufsehenerregenden Gerichtsprozess in Oslo verurteilt, weil er schlafende Frauen vergewaltigt und gefilmt hat und in Drogendelikte verwickelt war. Høiby hat zwar keinen royalen Titel und keine offizielle Funktion, doch er war, seit er mit Haakons Frau Mette-Marit an den Hof kam, Teil der Familie. Der 29-Jährige hat Berufung eingelegt – der Prozess wird also noch einmal als grosses Medienspektakel aufgerollt.
Gleichzeitig kam Mette-Marit, die neue Königin, wegen ihres bisweilen sehr persönlichen Mailkontakts zum Sexualverbrecher Jeffrey Epstein unter massiven Druck. Sie nannte ihn «Sweetheart» und übernachtete in seinem Haus, obwohl sie von seiner Strafe wegen sexueller Ausbeutung Minderjähriger wusste. Haakon wusste von der Freundschaft, hinterfragte sie aber offenbar genauso wenig.
Während das Ansehen der Monarchie in der Öffentlichkeit litt, verlieh sein Vater Harald der Krone weiterhin Statur. Der ruhige, humorvolle und pflichtbewusste «Grossvater Norwegens» war enorm beliebt: Die emotionalen Reaktionen Tausender und das wachsende Blumenmeer vor dem Schloss sprachen am Freitag Bände. Jetzt fragen sich viele in Norwegen, ob Haakon mit seiner Familie – zu der auch Kronprinzessin Ingrid Alexandra und Prinz Sverre Magnus gehören – die neue Rolle ausfüllen kann.
Unpopulär sind der neue Monarch und seine Kinder keinesfalls. Er gilt als klug und nahbar, strahlte Ruhe aus, als Mette-Marit zusehends einem Sturm ausgesetzt war. Zuerst wegen der Epstein-Geschichte, danach wegen ihrer lebensbedrohlichen Lungenerkrankung, die im Juni eine Transplantation erforderte. In überzeugenden Statements berichtete Haakon der Presse, wie es seiner Frau ging, und bat um Zurückhaltung.
Schon mit 18 Jahren an Sitzungen mit der Regierung
Jetzt wird er ohne Übergangszeit auf ganz andere Weise sichtbar. Haakon wurde, als sein 89-jähriger Vater im Spital friedlich eingeschlafen war, automatisch neuer König. So sieht es die norwegische Verfassung vor. Dennoch ist die Aufgabe nicht völlig neu: Haakon hat die Pflichten des Staatsoberhauptes seit vielen Jahren immer wieder übernommen, wenn Harald dazu nicht in der Lage war.
Bereits als 18-Jähriger nahm Haakon nach dem Tod seines Grossvaters 1991 als Kronprinz an den Sitzungen mit der Regierung teil. Seine Ausbildung genoss er an hervorragenden Adressen: An der Marineakademie wurde er zum Offizier ausgebildet, diente später als Vizekommandant auf einem Kriegsschiff. Er studierte Politikwissenschaft in Berkeley sowie Entwicklungspolitik an der London School of Economics und durchlief ein Ausbildungsprogramm des Aussenministeriums.
Darauf folgten Aufgaben als UNO-Botschafter, und er galt in New York und Genf als angesehener Gesprächspartner für Klima- und Entwicklungsfragen. König zu sein, sagte er einmal, sei mehr als ein Job: «Es ist ein ganzes Leben». Zu Hause blieb er indes norwegisch-bodenständig: Skifahren, Surfen, Hüttenwochenende mit der Familie und Romanen von Kafka und Dostojewski.
Seine Beziehung zu Mette-Marit begann unter schwierigen Vorzeichen. Die alleinerziehende Mutter mit einem wegen Kokainbesitzes verurteilten Ex-Mann – das war auch für das liberale Norwegen dicke Post. Doch Haakon hielt, mit starker Unterstützung seiner Eltern, dem Druck der Öffentlichkeit stand. Mette-Marit entschuldigte sich vor der Hochzeit für ihre «rebellische Jugend», in der Partys und Drogen wichtig waren. Sie engagierte sich zunehmend für soziale Themen, und aus dem «Aschenputtel» wurde mit den Jahren eine beliebte Kronprinzessin. Umso schwerer wog später die Epstein-Affäre.
Immerhin hinterliess Haakon zuletzt als Kronprinz einen unbeschwerten und positiven Eindruck. Nach der erfolgreichen Fussball-WM der Norweger feierte er im Juli mit 80'000 Menschen auf dem Schlossplatz. Mit Trommelschlägen gab er den Takt für das gemeinsame Rudern der Fans vor. Doch jetzt muss er als König beweisen, dass er auch eine angeschlagene Krone tragen kann.



