notifications
Grossbritannien

Elizabeth II. nach zehntägiger Staatstrauer auf Schloss Windsor beigesetzt

Zum Staatsbegräbnis der verstorbenen Königin schaut die ganze Welt auf London. Die Beerdigung der Monarchin wird in die Geschichte eingehen.

Vom frühen Morgen an strömten die Briten an diesem – extra als Feiertag («Bank Holiday») ausgerufenen – Montag in ihre Hauptstadt. Schon um 5:30 Uhr waren die sonst um diese Zeit noch weitgehend leeren U-Bahnzüge gut besetzt. Dort gesellten sich die Neuankömmlinge zu jenen Unentwegten, die teilweise schon seit Tagen vor der königlichen Kirche und entlang der Trauerroute ausgeharrt hatten.

Sie mussten im Morgengrauen ihre Zelte abbrechen, der Platz entlang der Mall zwischen Trafalgar Square und dem Buckingham Palace hätte sonst nicht ausgereicht. Fliegende Händler boten Zimtschnecken und Croissants, dazu wohlschmeckenden Kaffee an. Pünktlich brach auch die Sonne durch den wolkenverhangenen Morgenhimmel.

Tradition und Moderne vereint

Wie immer mischten sich auch bei diesem royalen Ereignis Traditionen aus dem 19. Jahrhundert mit Anpassungen ans moderne Zeitalter. Der Sarg von George VI, dem Vater der Queen, war 1952 direkt von der Westminster Hall zum Bahnhof Paddington gefahren und von dort mit dem königlichen Zug nach Windsor überführt worden, wo damals die einzige Trauermesse in der Schlosskirche gefeiert wurde. Ein Beerdigungs-Gottesdienst für das verstorbene Staatsoberhaupt war in der Westminster Abbey zuletzt 1760 nach dem Tod von George II. zelebriert worden.

Diesmal legten Platzerwägungen und die globale Dimension des Ereignisses die Zweiteilung der kirchlichen Handlung nahe, eingebettet in das militärische Ehrengeleit. In feierlichem Geleit ihrer Kinder und Enkel, angeführt von König Charles III., zogen junge Marinesoldatinnen und -Soldaten den auf einem Kanonenwagen ruhenden Sarg von der Westminster Hall zur kaum mehr als 300 Meter entfernten Kirche, wo pünktlich um 11 Uhr Ortszeit die Messe begann.

Nach dem Staatsakt bewegte sich der Trauerzug von der Kirche zum Wellington-Triumphbogen am Eingang zum Hyde Park, ehe der Sarg die letzte Reise ins rund 40 Kilometer entfernte Windsor antrat.

In der Abbey gruppierte sich die Familie der Toten, die 1947 an gleicher Stelle ihren Mann Philip geheiratet hatte und 1953 gekrönt worden war, rechts vom Sarg. Wie schon bei vorherigen Anlässen trugen der König, seine Schwester Anne, sein Bruder Edward und der Thronfolger William Uniform.

Hingegen mussten der als Sexualverbrecher verdächtige Prinz Andrew (62) und der nach Kalifornien umgezogene Prinz Harry (38) mit Zivilkleidung vorliebnehmen, obwohl beide als Kriegsteilnehmer in den britischen Streitkräften gedient hatten. William und Kate hatten auch ihre älteren Kinder George (9) und Charlotte (7) zur Kirche mitgebracht. Der jüngste Sohn Louis (3) durfte erst später am Tag an den Feierlichkeiten teilnehmen.

Erzbischof von Canterbury spricht Mahnung aus

Auf der anderen Seite des Sarges durften jene gekrönten Häupter Platz nehmen, mit denen Elizabeth II ein enges Verhältnis verband: Königin Margrethe II von Dänemark, König Harald V von Norwegen, die frühere Königin der Niederlande, Beatrix, ebenso wie Carl XVI Gustav von Schweden.

Die versammelten Monarchinnen und Politiker aus aller Welt mahnte der Erzbischof von Canterbury in seiner gewohnt kurzen Ansprache zum Dienst an ihren Nationen. «Wenige Staatsführer erleben so eine gewaltige Welle von Liebe, wie wir sie in den vergangenen Tagen gesehen haben», sagte Justin Welby. «Die meisten werden im Leben bejubelt und sind im Tod vergessen.»

Dazu passend sang die Gemeinde am Ende der Messe die Worte aus dem letzten Vers des Gemeindeliedes «Göttliche Liebe, die alles übertrifft»: «Bis wir Dir unsere Kronen zu Füssen legen» – eine Mahnung an die versammelten Fürsten, dass nach dem Tod all ihre irdische Herrlichkeit nicht zählt.

Eine der handschriftlichen Einladungen zum Staatsakt in der Westminster Abbey hatten nicht nur, wie bei derartigen Anlässen üblich, Präsidentinnen und Premierminister aus aller Welt erhalten. Zur Trauergemeinde zählten auch die lebenden Träger der höchsten militärischen und zivilen Auszeichnungen, dem Victoria- und dem Georgskreuz. Hinzu kamen 183 Bürgerinnen und Bürger, die erst im Juni anlässlich des 70. Platinjubiläums der Königin für ihr ehrenamtliches Engagement mit dem Mitgliedsorden des britischen Empire (MBE) ausgezeichnet worden waren.

Zu letzteren zählte Barbara Crellin aus der mittelenglischen Grafschaft Rutland. «Warum denn ich?» fragte die 71-Jährige den Anrufer aus dem Kabinettsbüro, der ihr zwei Tage nach dem Ableben der Monarchin die Einladung zum Staatsakt ankündigte. Nach ihrer Ruhestandsversetzung liess sich die Schuldirektorin in erster Hilfe ausbilden und arbeitet seit zehn Jahren regelmässig als unbezahlte Sanitäterin in ihrer Heimat, wo die medizinische Versorgung dünn gesät ist.

«Ich will Ihrer Majestät gern Danke sagen»

Vorbildlich für andere verhielt sich auch Natalie Queiroz aus Sutton Coldfield, einem Vorort von Birmingham. Neun Minuten lang hatte 2016 ihr damaliger Lebensgefährte auf die Hochschwangere eingestochen, ihr insgesamt 24 Stichwunden beigebracht, dabei die ungeborene gemeinsame Tochter nur um zwei Millimeter verpasst. «Ich sollte eigentlich gar nicht mehr hier sein», berichtet die 46-Jährige lachend der BBC. Tatsächlich gab ihr der Notarzt im Rettungshubschrauber kaum eine Überlebenschance. Doch die Trauma-Chirurgen im Queen Elizabeth-Spital von Birmingham retteten Mutter und Kind das Leben.

Bald nach ihrer Genesung begann Queiroz mit Vorträgen in Schulen. «Ich rede mit den Jugendlichen darüber, wie man sich als Opfer eines Messerangriffs fühlt. Hoffentlich lernen sie etwas daraus.» Die Einladung nach London empfand sie als hohe Ehre: «Ich will Ihrer Majestät gern Danke sagen».

Ähnlich haben viele Tausende von Bürgern ihre Bereitschaft erklärt, seit Mittwochabend bis zu 20 Stunden in der Schlange auszuharren, die in den Zugang zur Westminster Hall ermöglichte. Dort war der Sarg der toten Monarchin aufgebahrt, bewacht von Soldaten der königlichen Leibgarde. Weil ausdrücklich Filmen und Fotografieren verboten war, herrschte in der Halle eine für viele Teilnehmerinnen überraschende und eindrucksvolle Stille.

Mindestens genauso wichtig schien vielen aber das Erlebnis des gemeinsamen Anstehens zu sein. «Am Anfang war die Prozession das Ereignis. Dann wurde die Menschenmenge selbst das Ereignis», resümiert Psychologieprofessor Stephen Reicher von der Universität St. Andrews. «Fragen Sie nicht, ob sich das Anstehen gelohnt hat», schrieb die normalerweise nüchterne «Financial Times». «Das Warten machte es lohnend.»

Am frühen Montagmorgen, nach durchwachter Nacht, defilierten die letzten von rund 750'000 Menschen aus aller Welt am Sarg vorbei. Hatten sie so etwas wie Tröstung erfahren aus der gemeinsamen Trauererfahrung, die so vielen während der Covid-Pandemie verwehrt geblieben war?

Persönliche Begräbnismesse in Windsor

Dazu gehörte vor siebzehn Monaten auch die jetzt Verstorbene. Bei der Totenmesse für ihren mit knapp 100 Jahren verstorbenen Prinzgemahl Philip musste die trauernde Witwe im April 2021 gemäss der damals geltenden Coronaregeln allein in der Kirchenbank der Georgskirche von Windsor Platz nehmen. Am Montagnachmittag war auch dieses Gotteshaus bis auf den letzten Platz gefüllt – diesmal nicht mit Staatsgästen aus aller Welt, sondern vor allem mit den Angehörigen der königlichen Haushalte, Verwandten und Freunden.

Dementsprechend wies diese eigentliche Begräbnismesse deutlich persönlichere Züge auf. So erklang Musik eines früheren Organisten der Kirche, William Harris, der einst der jungen Prinzessin Elizabeth das Klavierspiel beigebracht hatte. Der Chor sang einen Teil der Trauer-Liturgie der orthodoxen Kirche – eine Verbeugung vor Prinz Philip, der 1921 als griechischer Prinz zur Welt gekommen war.

Gegen Ende kam der symbolische Moment, an dem der Verstorbenen die Bürde ihres Amtes abgenommen wurde: Der königliche Juwelier löste die Krone vom Sarg. Domdekan David Conner legte sie mit dem Zepter und dem Reichsapfel auf den Altar seiner Kirche. Der Lord Chamberlain, Chef des Hofes von Elizabeth II, zerbrach seinen Amtsstab und legte ihn auf den Sarg, ehe dieser in der königlichen Gruft und damit aus den Augen der Öffentlichkeit verschwand.