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Dresscode und Trauerfeier

Ein kurzer Rock kann für eine Beerdigung genau richtig sein

Dresscode und Auftreten auf Beerdigungen sind nicht nur für Royals eine Pflicht. Stilkolumnistin Henriette Kuhrt über Dos and Don'ts der demokratischsten aller Feiern.

Am Montag war das offizielle Begräbnis der Queen. Kann man sich eine formalisiertere Beerdigung überhaupt vorstellen?

Keine Familie, keine Dynastie Europas steht so sehr für Rituale und Tradition und vermeintlich gute Manieren wie die Windsors; es ist der Sockel, von dem aus sie auf uns Zivilisten herabschauen und das Mass, das Adelsmagazine und wir an sie anlegen. Ohne ihre Symbole und ihre Riten wäre es einfach nur eine steinreiche Familie mit mässig sympathischen Mitgliedern. Zudem dient die Oberfläche zum Schutz: Sie zeigt die Verbundenheit mit dem Land, die Verschmelzung der Dynastie mit der britischen Kultur und funktioniert als Ablenkung von anderen Fragen, die viel tiefgreifender sind. Woher hat die Familie eigentlich das viele Geld? Wären nicht Reparationszahlungen an die Nachfolger von versklavten Nationen angemessen? Wie zeitgemäss ist es noch, wenn sich reiche Weisse Stammestänze im Common Wealth vorführen lassen? Wie lange noch möchten die Windsors zum Thema Kolonialismus schweigen?

Die Etikette wird also hoch gehalten. Ist es trotzdem noch möglich, einen Stil-Fauxpas zu begehen für die königliche Familie?

Um die Garderobe der Anwesenden mache ich mir wenig Sorgen, ebenso wenig wie um Ausrutscher, dumme Kommentare, Ausbrüche oder Ähnliches. Möglicherweise werden Journalisten irgendetwas an Herzogin Meghan finden, womit sie sich vermeintlich oder nicht in den Vordergrund schiebt. Aber das sind ja nur Kinkerlitzchen im Verhältnis zu Prince Andrew: Der ist mit seiner Ebstein-Nähe radioaktiv, neben dem sollte sich niemand fotografieren lassen. Das ist weniger Frage der Kleidung als des Charakters.

Bei uns Normalsterblichen gehören Beerdigungen ebenfalls zu den formalisierteren Anlässen. Heisst das auch, dass man besonders viel falsch machen kann?

Eigentlich sind Beerdigungen so strukturiert, dass man gar nicht so viel falsch machen kann: Also schwarze (oder dunkle) Kleidung, je näher man dem Toten stand, desto wichtiger ist die Qualität des Outfits. Über die Toten nur Gutes, Händeschütteln auf dem Friedhof ist erlaubt. Jeder hat seinen eigenen Weg, sich zu verabschieden, das muss man respektieren.

Was ist die grösste Stilsünde, die Sie an einer Beerdigung erlebt haben?

Ich bin kein grosser Fan davon, auf angebliche Benimm- oder Garderobenfehler von anderen Menschen zu zeigen. Einmal habe ich eine Dame erlebt, die in knallrot zu einer Beerdigung kam, ein anderes Mal war ich auf einer Beisetzung, bei der ein Enkel mit per iPhone via Facetime teilnahm.

Bei einem klassischen Begräbnis sind Männer einigermassen sicher unterwegs - mit einem schwarzen Anzug, weissem Hemd und schwarzen Schuhen. Haben sie es einfacher als die Frauen?

Der Anzug ist die Uniform des bürgerlichen Mannes, das ist Ent- und Belastung zugleich: Einerseits verringert er Optionen, gleichzeitig verlangt er normiertes Verhalten. Aber ob das ein Vorteil ist? Eine Frau muss nur ein schwarzes Kleid und schwarze Strümpfe anziehen und ist ebenfalls angemessen gekleidet, das ist ja auch keine so grosse Herausforderung.

Wenn man sich für eine Beerdigung anzieht, woran soll man sich orientieren?

Die Beerdigung ist die demokratischste aller Feiern. Deshalb reicht es ausserhalb von Adelsbeerdigungen auch aus, die Kritierien Farbe (schwarz), Zustand (gepflegt), Qualität (gehoben) und Sitz (bitte passend) anzulegen. Auf dem Land oder in gehobenen Kreisen tut es auch gerne ein Damenhut. Insgesamt ist die Stadtbevölkerung progressiver, das spiegelt sich in der Kleidung wieder. Auf dem Land wird eine stärkere Bindung an die Tradition erwartet.

Ist eher der Willen des Verstorbenen oder die Anspruchshaltung der Angehörigen massgeblich?

Da gibt es kein Entweder-Oder. Man weiss ja ungefähr, was sich der Verstorbene gewünscht hätte. Doch gleichzeitig ist die Beerdigung für die Lebenden: zum Trauern, zum Verabschieden. Da findet jeder erwachsene Mensch einen Mittelweg, sonst fragt man die Person, die die Feier ausrichtet.

Ein erheblicher Teil der Bevölkerung ist Agnostiker. Sie wählen Beerdigungen ausserhalb des kirchlichen Rahmens. Macht es der offene Rahmen schwieriger oder einfacher sich adäquat zu kleiden?

Die Entformalisierung bringt immer Diskussionsbedarf mit sich; wenn alte Rituale wegfallen, müssen die Neuen verhandelt werden. Das ist anstrengend, aber das sollte uns die Freiheit wert sein. Aber manche Dinge werden nie angemessen sein; so ziemlich alles, was als locker, casual und freizeithaft angesehen wird: Athleisure, Caps, T-Shirts, Partykleidung, zu sexy zu sein.

Waren Sie selbst mal an eine Beerdigung eingeladen und hatten Schwierigkeiten zu entscheiden, was Sie anziehen sollen? Was haben Sie gemacht?

Bei der Beerdigung meines Vaters habe ich lange gebraucht, um die richtige Garderobe zu finden, und bin dann doch beim schwarzen Hosenanzug gelandet. Eigentlich hätte ich genau so gut ein schwarzes Kleid anziehen können, aber irgendwie hatte ich die Idee, es müsse jetzt was Neues her.

Gehen wir zum Schluss noch ein paar konkrete Kleidungsstücke durch. Ja, Nein, oder in welchen Umständen: Offene Schuhe?

Nein, zu leger.

Freie Schultern?

Nein, vor allem nicht in kirchlichem Zusammenhang.

Manschettenknöpfe?

Warum nicht, wenn der Rest des Outfits ähnlich elegant gehalten ist. Es gibt schöne Modelle in schwarz, vielleicht auch Symbole, die die beiden Menschen verband (Tennisball).

Einstecktüchlein?

Gerne, aber nicht in bunten Farben oder Mustern.

Weniger als knielange Röcke?

Ach, da bin ich nicht so streng, auch wenn ich den Eindruck habe, dass junge Frauen gar keine Miniröcke mehr tragen. Aber vielleicht ist die Frau eine ehemalige Geliebte und der Mann hat sich an ihren Beinen erfreut? Dann ist dieser kurze Rock ein Ding zwischen den Beiden und somit für den Anlass genau richtig.

Kurze Hosen?

Nein, so weit ist die Klimakrise noch nicht vorangeschritten. Aber vielleicht diskutieren wir das in zehn Jahren anders.

Nasenring?

Wenn er dazugehört: Klar.

Clogs?

Nein, also ein Paar ordentliche Schuhe, möglichst aus Leder, sollten schon drin sein.