Kommentar

Die Kunst, zu bleiben

Was zehn Minuten vor einem blauen Gemälde mit uns machen können, wenn wir uns die Zeit nehmen im Moment zu verweilen.

Vielleicht verstehe ich nichts von Kunst. Letztens wurde ich gefragt, welches Kunstwerk ich gerne besitzen würde. Eine Lilie von Georgia O’Keeffe würde ich mir ins Wohnzimmer hängen. Oder doch eine Giacometti-Skulptur für den Garten? Am Ende war meine Antwort klar: ein Bild von Yves Klein. Blau. Einfach nur blau. Dieses satte, fast verschlingende Blau zieht mich seit Jahren in seinen Bann.

Unlängst stand ich wieder vor einem seiner Bilder. Irgendwann hatte ich Tränen in den Augen. Warum, weiss ich nicht genau. Vielleicht wegen des Meers, des Himmels, der Unendlichkeit. Vielleicht interpretiere ich auch zu viel in ein blaues Rechteck hinein. Aber spielt das eine Rolle?

Neben mir las ein Mann seiner Begleitung das Schild vor, zuckte mit den Schultern, beide gingen weiter. Das Bild hatten sie kaum angesehen. Ich musste daran denken, wie oft ich dasselbe tue. Besonders online.
Wenn über Social Media diskutiert wird, geht es meist um Jugendliche. Dabei sollten auch wir Erwachsenen darüber nachdenken, was das ständige Scrollen mit unserer Aufmerksamkeit macht. Wir urteilen schnell und bleiben immer seltener bei etwas. Gerade das kann Kunst: Sie verlangt nicht, dass ich sie verstehe. Das klingt banal. Aber zehn Minuten lang vor einem blauen Bild zu stehen, wirkt in einer Welt, in der ich nach drei Sekunden weiterwische, beinahe radikal.

Vielleicht täte es uns gut, einfach mal stehenzubleiben und die Wolken anzustarren, obwohl es kein Schild gibt, das erklärt, was wir darin erkennen sollen. Vielleicht verstehe ich tatsächlich nicht besonders viel von Kunst. Aber vielleicht ist das in Ordnung so.

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