Der Fall machte Anfang September Schlagzeilen: Die Direktion des Eiffelturms hatte einer konservativen hinduistischen Gemeinschaft schriftlich erlaubt, die Eröffnung eines Tempels im Grossraum Paris im privaten Kreis auf dem Eiffelturm zu feiern – und dies unter Ausschluss weiblicher Angestellter. «Frauen unerwünscht auf dem Eiffelturm», titelte «Schweiz heute».
In der Folge recherchierte die angesehene Zeitung «Le Monde» wochenlang rund um die weltberühmte Eisenkonstruktion. Das Ergebnis bezeichnet sie in einem zweiseitigen Beitrag als … «niederschmetternd».
Das von Gustave Eiffel 1889 errichtete Pariser Monument offenbart mehr und mehr die gleichen Schwächen, die heute Frankreich kennzeichnen: Kostenexplosion und Misswirtschaft, Schlendrian und Günstlingswirtschaft der Pariser Eliten. «Ein Wunder, dass der Turm noch steht!», lautete ein Kommentar in den Social Media.
Das 330 Meter hohe Monument wird von der staatlichen Gesellschaft SETE (Société d’Exploitation de la Tour Eiffel) gemanagt. 2024 erwirtschaftete sie einen Umsatz von 140,1 Millionen Euro – und einen Reinverlust von 8,5 Millionen. Dabei kostet der Eintritt mit Lift bis in die dritte Etage für Erwachsene immerhin 36,70 Euro, für Jugendliche die Hälfte.
Bei rund sechs Millionen Besuchern im Jahr hätte man einen satten Reingewinn erwartet. Zumal die Marketingeinnahmen gewaltig sind: Für jedes nächtliche Postkartenbild mit dem erleuchteten Turm – tagsüber ist sein Ablichten unentgeltlich – bezieht die SETE einen Beitrag.
Der Verlust erklärt sich laut «Le Monde» in erster Linie durch die rasante Zunahme der Lohnkosten in zwölf Jahren von 18,9 auf 32,4 Millionen Euro. Die Zahl der Beschäftigten ist in diesem Zeitraum um 25 Prozent auf 402 gestiegen – obwohl die Einführung des Ticketverkaufs per Internet eigentlich weniger Kassierer erfordert.
Vor allem aber zahlt die SETE ihren Chefs immer grosszügigere Löhne. Der aktuelle Direktor Patrick Branco Ruivo, der von der früheren sozialistischen Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo ernannt worden war, verdient 199'237 Euro im Jahr. Seine diversen Lohnerhöhungen wurden vom Stadtrat jeweils ohne Nachfragen durchgewinkt.
Sieben seiner zehn Direktoren holte sich der Turmchef aus der Pariser Stadtverwaltung, wo er selbst tätig gewesen war. Generaldirektorin des Eiffelturms ist Anne Yannic, Ehefrau eines Kommunikationsagenten des Turmes. «Le Monde» bezeichnet das «Mitbringen ehemaliger Berufskollegen aus dem Pariser Rathaus» als «consanguinité»; auf Deutsch etwa: Blutsverwandtschaft.
Die Vetternwirtschaft erinnert die Franzosen an das Gebaren ihrer Pariser Eliten. Frankreich kommt auf die höchste Abgabequote Europas: 46 Prozent des Bruttosozialproduktes gehen an den Staat. Trotz dieser opulenten Einnahmen ist Frankreich hoch verschuldet. Der Hauptgrund ist laut dem französischen Rechnungshof, dass die Zahl der Staatsbeamten – heute über fünf Millionen – und die Ausgaben der Verwaltung überdurchschnittlich zunehmen.
Angst vor Terroranschlag
Für die bauliche oder technische Sanierung des Eiffelturmes und seine Sicherheit fehlt dagegen das Geld. Die Überwachungskameras «sind schlecht konzipiert und fallen ständig aus», hält «Le Monde» fest. Am amerikanischen Nationalfeiertag am 4. Juli kletterte ein Luftikus das Turmgerüst hoch und hisste auf halber Höhe eine US‑Flagge. Das Pariser Blatt fragt konsterniert: «Und wenn es ein Terrorist gewesen wäre?»
2022 erfolgte an der Turmspitze ein Brandalarm, ohne dass es irgendwo brannte. Der Turm wurde aufwendig evakuiert. Drei Jahre später erlitten sechs Angestellte Rauchvergiftungen, als wirklich ein Brand ausbrach. Der Alarm war ausgeblieben. Hauptsache, der Turm von Babel steht noch.
«Le Monde» veröffentlicht ein Bild mit flächendeckenden Rostflecken an den Bögen zwischen den vier Grundpfeilern. An sich sollte dies undenkbar sein, wurden doch seit dem Bau des Turmes 20 Malschichten aufgetragen, die meisten mit rostfreier Farbe. Um sich die Mühe oder das Geld zu sparen, wurden die jeweils unteren Schichten nicht abgekratzt.
Für die Olympischen Spiele von 2024 wurden die oberen Schichten erstmals entfernt. Bei dieser diffizilen Arbeit erlitten mehrere Angestellte Bleivergiftungen. Die SETE wurde wegen Verheimlichung und Gefährdung der Maler verurteilt. Offen bleibt die Frage, ob andere Angestellte oder gar die täglichen Besuchermassen «auch Bleipartikel einatmen».
Die Turmbediensteten lassen jedenfalls auch am Boden Vorsicht walten: Sie durchqueren die Grundfläche des Turmes zwischen den Pfeilern aus Prinzip nie, sondern umgehen das Geviert. Aus Aberglaube?
Nein. Vielmehr wissen sie, dass dort regelmässig Werkzeuge, Bolzen, vom Wind gelöste Leuchtbildschirme oder sogar Eisenplatten aus höheren Stockwerken herunterfallen. Die zahllosen Besucherinnen und Besucher, die unten aus der Turmmitte die ansteigende Perspektive filmen, wissen das offensichtlich nicht.


