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Kommentar

Was tun, wenn ein Präsident wie ein Terrorist klingt?

Wir haben uns daran gewöhnt: Donald Trump verschiebt nahezu täglich die Grenze des Sag- und Machbaren. Warum wir uns dem nicht ergeben müssen.

Jetzt hat sich Donald Trump also mit Jesus verglichen und Papst Leo als von seinen Gnaden bezeichnet. Kirchliche Würdenträger reagieren entsetzt, der Rest zuckt mit den Schultern: Na und?

Wann immer der US-Präsident sich äussert, gibt es zwei Arten von Reaktion: Die einen versuchen, Trumps Entgleisungen, Angriffe und absurde Behauptungen auszublenden: ein neuer Aufreger, der ihm Schlagzeilen beschafft - was solls? Die anderen erliegen der «Faszination des Grauens» oder, wie es in der klinischen Psychologie heisst, der Angstlust. Es ist wie in einem Horrorfilm oder beim Beobachten eines Unfalls: Es ist furchtbar, gleichzeitig kann man einfach nicht wegsehen. Doch selbst bei dieser Reaktion bleibt nach dem ersten ungläubigen, genervten, angewidertem Staunen nur ein «henusode».

Die Welt hat sich so sehr an den skandal(aus)lösen(den) US-Präsidenten gewöhnt, dass immer häufiger die Gleichgültigkeit obsiegt. Sogar dann, wenn dieser Präsident tönt wie Osama bin Laden. Der Vergleich ist ungeheuerlich und doch auch ungeheuerlich treffend: Seit Adolf Hitler 1939 die «Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa» ankündigte, drohten höchstens noch Terroristen mit der «Auslöschung» des Westens. Bis jetzt, als Trump dem Iran drohte: «Eine ganze Zivilisation wird heute sterben und nie mehr zurückkehren.»

UN-Diplomaten, Medien, politische Gegner und selbst Trump-Verbündete wie Moderator Tucker Carlson reagierten entsetzt. Doch gemessen daran, dass Trump mit einem Völkermord, einem Kriegsverbrechen, einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit drohte, war der Aufschrei ohrenbetäubend leise. Hier zeigte sich die Gleichgültigkeit einer zunehmend von Trump abgestumpften Welt.

Die Reaktion ist verständlich, ja allzu menschlich. Wir alle werden der Empörung müde. Um das Level der Aufmerksamkeit stabil zu halten, muss immer noch absurderes, empörendes gesagt werden. Und genau da liegt die Gefahr. Mit jedem Gesagten und schulterzuckend Hingenommenen verschiebt sich die Grenze des Sagbaren.

Die Gefahr beschränkt sich nicht auf die politische Sphäre, sondern schleicht sich wie ein Gift in unseren Alltag: Hetze im Netz belegt das eindrücklich. Schon ein Blick in die Kommentarspalten genügt: Diskussionen eskalieren schneller, der Ton wird schärfer, persönliche Angriffe ersetzen Argumente. Was früher Empörung ausgelöst hätte, wird heute oft einfach übergangen oder noch verstärkt. Das ist nicht allein Trumps Verschulden, aber wenn der US-Präsident schamlos jeden und alles beleidigen kann: Warum sollte ausgerechnet ich Hemmungen haben?

Wenn wir schon bei Hemmungen sind: Trump verschiebt nicht nur die Grenze des Sagbaren. Sondern auch jene des Machbaren. Ein weiterer ungeheuerlicher Vergleich: Der deutsche Sprachwissenschaftler Victor Klemperer hat in seinem 1947 erschienenen Werk «LTI» die «Lingua Tertii Imperii»‚ die Sprache des Dritten Reiches, untersucht und identifiziert, mit welchen Mitteln nationalsozialistische Sprache moralische Hemmschwellen abbaute.

Nein, Trump ist kein Nationalsozialist, die USA sind keine rassistische Diktatur. Doch viele von Klemperer identifizierte Mechanismen kommen uns heute wieder bekannter vor als auch schon. Am Tag vor seiner Auslöschungs-Drohung hatte Trump an die Adresse des Mullah-Regimes geschrieben: «Öffnet die verdammte Meerenge, ihr verrückten Bastarde, oder ihr werdet in der Hölle leben – schaut zu! Gelobt sei Allah.» Klemperer nannte Verhöhnung, Entmenschlichung, Emotionalisierung, ständige Wiederholung und Übertreibung als Mechaniken, die das Extreme alltäglich werden lassen. Damit das Extreme nicht mehr so extrem aussieht.

Was also tun? Sollen wir uns zwingen, uns jeden zweiten Tag zu empören? Das ist wohl machbar. Vielleicht reicht es schon, wenn wir bei jedem Schulterzucken kurz innehalten und uns fragen, ob «henusode» wirklich die richtige Reaktion ist - auch, wenn das anstrengt in einer ohnehin schon anstrengenden Welt.

Was wir sicher in unserer Hand haben, ist, im eigenen Umgang miteinander - als Kommentarschreiber, Social-Media-Post-Verfasserin - unsere Zeilen noch einmal durchzulesen, kritisch zu prüfen und vielleicht etwas abzuschwächen. Denn was solls: Wir brauchen keinen US-Präsidenten, der uns Anstand lehrt.

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