USA

Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens: Gelten für Demokraten und Republikaner unterschiedliche Massstäbe?

Präsident Donald Trump übersteht sämtliche Anschuldigungen weitgehend schadlos, beim politischen Gegner führen sie regelmässig zu Rücktritten. Eine Auswertung zeigt, wie gross der Unterschied tatsächlich ist.
Demonstranten protestieren gegen Donald Trump und die Vorwürfe sexueller Nötigung.
Bild: EPA / Keystone

Bis vor Kurzem war er demokratischer Kandidat für einen Sitz im US-Senat in Maine. Dann warf ihm eine frühere Partnerin Vergewaltigung vor. Graham Platner bestreitet den Vorwurf, beendete jedoch seine Kampagne und zog seine Kandidatur zurück.

Er ist nicht der erste Demokrat, dessen politische Karriere nach Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens ins Wanken gerät. Ein Blick auf vergleichbare Fälle zeigt, dass die Parteien mit solchen Anschuldigungen nicht immer gleich umgehen. Donald Trump ist das bekannteste Beispiel: Ihm wird von zahlreichen Frauen sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen, von unerwünschtem Küssen bis zu sexuellen Übergriffen. Trump weist die Vorwürfe zurück.

Die Autorin E. Jean Carroll wirft ihm vor, sie Mitte der 1990er sexuell angegriffen zu haben - eine Ziviljury befand ihn 2023 für schuldig. Der Supreme Court lehnte seine Berufung Ende Juni 2026 ab, nun hat Carroll rund 5,6 Millionen Dollar Schadenersatz erhalten.

Neben Platner traten in den vergangenen Jahren unter anderem auch Al Franken (2017, nach Vorwürfen ungewollten Küssens und Begrapschens) und Andrew Cuomo (2021, nach einer Untersuchung der New Yorker Generalstaatsanwältin zu mindestens elf betroffenen Frauen) zurück. Auf republikanischer Seite wurde dagegen Pete Hegseth trotz eines gegen ihn erhobenen und von ihm bestrittenen Übergriffvorwurfs als Verteidigungsminister bestätigt. Roy Moore blieb zwar bis zuletzt offizieller Kandidat der Republikaner, verlor aber 2017 seine Senatswahl in Alabama. Das zeigt, dass auch die Wählerschaft der Republikaner reagiert.

Vor allem aufgrund von Trump entsteht der Eindruck, Republikaner stritten solche Anschuldigungen häufiger ab und blieben politisch im Amt, während Demokraten schneller zurückträten oder ihre Kandidatur beendeten. Doch stimmt dieser Eindruck?

Der demokratische Kandidat für den US-Senat, Graham Platner, hält während einer Wahlparty eine Rede.
Bild: AP

Was die Zahlen zeigen

Ein Blick auf öffentlich dokumentierte Fälle aus den vergangenen 30 Jahren zeigt, ob Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens für Demokraten und Republikaner unterschiedliche politische Folgen haben. Berücksichtigt wurden national relevante US-Politiker, Amtsträger und Kandidaten – darunter Präsidenten, Kongressmitglieder, Gouverneure sowie Kabinetts- und Senatskandidaten. Politiker auf tieferen Ebenen wurden nicht erfasst.

Einbezogen wurden ausschliesslich Vorwürfe, die ein nicht einvernehmliches, sexuelles Fehlverhalten beinhalteten. Einvernehmliche Affären blieben ausgeschlossen. Die Auswertung umfasst 40 Fälle zwischen 1996 und 2026. Die Anzahl der Vorwürfe ist nahezu ausgeglichen: 19 Fälle betreffen Demokraten, 21 Republikaner. Bei den Konsequenzen aber klafft eine Lücke: Zwei Drittel der demokratischen Fälle endeten mit einem Rücktritt oder Rückzug, bei den Republikanern war es gut ein Drittel. Der auffälligste Unterschied liegt somit nicht in der Zahl der Vorwürfe, sondern im Umgang damit.

Die Politologin Claudia Brühwiler sieht den Grund zunächst bei den Wählerinnen und Wählern. Unter Demokraten sei die Zustimmung zur #MeToo-Bewegung deutlich höher: Rund 70 Prozent unterstützen sie. Entsprechend gross sei der Druck auf Partei und Kandidaten, sich bei mehreren Vorwürfen rasch zu distanzieren. Viele Republikaner hielten die Bewegung dagegen für übers Ziel hinausgeschossen und fragen stärker nach Art und Beweislage der Anschuldigungen.

Das zeigt sich auch in einer Umfrage des Public Religion Research Institute aus dem Jahr 2018: 81 Prozent der Demokraten gaben an, einen Kandidaten, dem mehrere Personen sexuelle Belästigung vorwerfen, definitiv nicht zu wählen. Unter den Republikanern würden dagegen 56 Prozent eine Wahl weiterhin in Betracht ziehen. Dies prägt die Erwartungen an die Parteien und ihren Umgang mit solchen Vorwürfen.

Warum reagieren die Parteien so unterschiedlich?

Der zweite Teil der Erklärung liegt in der Struktur der Parteien. Die Republikaner verfügen über eine vergleichsweise homogene Basis. Sie besteht zu einem grossen Teil aus weissen, konservativen Christen und ist zunehmend männlich geprägt. Trägt diese Basis eine Kandidatur mit, folgt oft auch der Rest der Partei – trotz interner Lager wie MAGA, traditionelle Konservative oder Libertäre.

Die Demokraten sind dagegen eine Koalition sehr unterschiedlicher Gruppen: weisse Liberale, Schwarze Wählerinnen und Wähler, Latinos, Gewerkschafter und urbane Akademiker. Weil sich diese Milieus demografisch und ideologisch stark unterscheiden, müssen demokratische Spitzenpolitiker bei Vorwürfen schneller und sichtbarer reagieren. Zögern kann eine Wählergruppe verprellen, auf deren Unterstützung die Partei angewiesen.

Wie passt es zusammen, dass sich eine Partei als christlich versteht und dennoch an beschuldigten Kandidaten festhält? Brühwiler verweist auf ein kulturelles Muster: «Hate the sin, not the sinner.» Ihr zufolge werde die Tat verurteilt, nicht zwingend der Täter – besonders dann, wenn er öffentlich Reue zeige. Solche Auftritte könnten Vergebung ermöglichen, ohne einen Rücktritt zu erzwingen. Vor einfachen Erklärungen warnt Brühwiler dennoch. Für jeden Republikaner, der einen Skandal überstehe, finde sich laut ihr ein Gegenbeispiel. Auch die mediale Aufmerksamkeit sei ungleich verteilt.

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