Drohgebärde

«Die Welt wird staunen»: Iran bereitet sich auf nächsten Krieg vor

Iranische Militärs stellen sich öffentlich auf eine neue Runde im Krieg mit den USA ein. Sie drohen mit Angriffen weit über die Region hinaus – während Washington neue Optionen prüft und die Bevölkerung in Iran mit einer Rückkehr der Bombardierungen rechnet.

Fast neun Monate nach Beginn des Kriegs zwischen den USA, Israel und Iran herrscht eine fragile Pattsituation. Washington verweist auf die schweren Schäden, die Irans Militär und Führung zugefügt wurden, Teheran wiederum darauf, dass die Islamische Republik den Angriffen standgehalten habe. Eine politische Lösung ist weiterhin nicht in Sicht.

In den vergangenen Wochen haben iranische Kommandeure ihre Rhetorik deutlich verschärft. Sie behaupten, neue Waffen in grosser Zahl produziert und weitere Ziele identifiziert zu haben. Belegen lassen sich diese Angaben nicht. «Die Welt wird staunen», sagte Ende September der Sprecher der Revolutionsgarden, Hossein Mohebbi. Iran habe «neue Ziele, die noch nicht angegriffen wurden».

Iran droht mit einem viel grösseren Schlachtfeld

Teheran signalisiert, dass eine neue Kriegsrunde nicht auf Iran und seine unmittelbaren Nachbarn beschränkt bleiben müsste. Genannt wurden unter anderem Unterseekabel, Rechenzentren für künstliche Intelligenz sowie Öl- und Gasanlagen in der Golfregion. «Der Krieg ist nicht vorbei», so Mohebbi.

Nach Angaben von CNN bereiten sich die Revolutionsgarden auf einen längeren Konflikt vor. Gleichzeitig deutet sich eine Veränderung der iranischen Militärdoktrin an: Statt einen weiteren amerikanischen Angriff abzuwarten, könnte Iran bei einer unmittelbar erwarteten Attacke auch präventiv zuschlagen.

Bei jüngsten Übungen sollen die Revolutionsgarden unter anderem 30 ballistische Raketen gleichzeitig gestartet haben. Ob Iran zudem bereits über die von Militärs angekündigten neuen Fähigkeiten verfügt, ist unklar.

Auch Ziele in Europa könnten ins Visier geraten

Farzin Nadimi vom Washington Institute hält bei einer starken Eskalation sogar Angriffe auf amerikanische Einrichtungen in Europa für denkbar. Dazu könnten etwa US-Stützpunkte in Grossbritannien oder der wichtige Logistikstandort Ramstein in Deutschland gehören.

Anfang Oktober zogen die USA ihre in Grossbritannien stationierten B-1-Bomber von RAF Fairford ab. Hintergrund waren Sicherheitsbedenken nach einem mutmasslichen iranischen Komplott gegen den Stützpunkt. Iran weist eine Beteiligung zurück. Britische Behörden gehen jedoch von einer wahrscheinlichen Verbindung zu den Revolutionsgarden aus.

Auch technologisch könnte Teheran versuchen, seine Angriffe weiterzuentwickeln. Experten halten koordinierte Schwärme von mit künstlicher Intelligenz unterstützten Drohnen für möglich, die untereinander kommunizieren, ihre Flugbahnen anpassen und elektronische Störungen umgehen könnten. Demonstriert hat Iran solche Fähigkeiten bislang allerdings nicht.

USA prüfen «Mutter aller Bomben»

Auch Washington bereitet sich nach Angaben von CNN auf eine mögliche neue Kriegsphase vor. Berater im Weissen Haus hätten in den vergangenen Wochen verschiedene Optionen diskutiert. Trump erklärte zwar öffentlich, vor den US-Zwischenwahlen am 3. November keine neuen Schritte unternehmen zu wollen. Innerhalb seiner Regierung besteht laut CNN aber Unsicherheit darüber, wie verbindlich diese Aussage ist.

Das US-Militär hat demnach neue Angriffspläne ausgearbeitet. Dabei wird auch der mögliche Einsatz der GBU-43/B erwogen, der sogenannten «Mother of All Bombs». Sie ist die grösste nicht nukleare Bombe im amerikanischen Arsenal. Trump schloss zuletzt einen weiteren Angriff auf besonders geschützte iranische Nuklearanlagen nicht aus, betonte aber, keine Atomwaffen einsetzen zu wollen.

Ein iranischer Armeekommandeur bezeichnete solche Überlegungen als Einschüchterungsversuch. Teheran versucht mit seinen eigenen Drohungen gleichzeitig, den Preis eines weiteren amerikanischen Angriffs möglichst hoch erscheinen zu lassen.

Die Golfstaaten waren bereits massive Ziele

Schon in der bisherigen Kriegsphase hat Iran gezeigt, dass es den Konflikt auf Nachbarstaaten ausweiten kann. Im Verlauf des Kriegs wurden strategische Einrichtungen in mehreren Golfstaaten angegriffen – darunter Energieanlagen, Flughäfen und andere kritische Infrastruktur. Eine Reuters-Recherche dokumentierte mindestens 135 präzise iranische Raketen- und Drohnenangriffe auf 84 Infrastrukturziele in der Golfregion.

Besonders stark betroffen waren die Vereinigten Arabischen Emirate. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums der Emirate feuerte Iran mehr als 2500 Raketen und Drohnen auf das Land ab. Die meisten seien abgefangen worden.

Der iranische Sicherheitsfunktionär Mohsen Rezaei drohte zuletzt erneut mit Angriffen auf US-Einrichtungen in der Region. Bei einem neuen Krieg könnten unter anderem Unterseekabel, Rechenzentren und KI-Infrastruktur zerstört werden.

Die Golfstaaten wiederum versuchen, ihre Verteidigung auszubauen. Ein hochrangiger Vertreter der Vereinigten Arabischen Emirate erklärte, sein Land sei auf einen neuen Konflikt besser vorbereitet als zu Kriegsbeginn.

In Teheran wartet man auf die nächsten Bomben

Während beide Seiten öffentlich Stärke demonstrieren, beschreibt CNN eine völlig andere Stimmung unter der iranischen Bevölkerung. Mehrere Einwohner Teherans sagten dem Sender anonym, sie rechneten praktisch täglich mit einem Wiederbeginn der Luftangriffe.

Ein 70-Jähriger habe Powerbanks geladen, Wasser eingelagert und weitere Vorbereitungen getroffen. Eine Mutter schilderte ihre Angst, ihre Kinder jeden Morgen in die Schule zu schicken, während auf den Strassen Revolutionsgardisten präsent seien und militärische Einrichtungen weiter betrieben würden. «Man hat ständig im Hinterkopf: Ist es heute Nacht? Ist es morgen?».

Gerade diese Unsicherheit macht die derzeitige Lage besonders gefährlich. Beide Seiten versuchen mit militärischen Vorbereitungen und öffentlichen Drohungen abzuschrecken. Doch das könne auch das Gegenteil bewirken, warnt Ali Vaez von der International Crisis Group.

Iran wolle Washington zeigen, dass die nächste Runde breiter und verlustreicher würde als die bisherige. Gleichzeitig könnten genau diese Drohungen in den USA als Provokation verstanden werden – und damit ausgerechnet jenen Krieg wahrscheinlicher machen, den Teheran mit ihnen verhindern will. (watson.ch)