
Je höher die Temperaturen, desto kühler der Kopf? Fast könnte man es meinen. Vor zwei Wochen, als die Schweiz noch bei deutlich angenehmeren Temperaturen über die 10-Millionen-Initiative abstimmte, zeichneten manche Kommentatoren das Bild eines gespaltenen Landes: Stadt gegen Land, links gegen rechts, Moderne gegen Tradition.
Von einer Dauererregung wie in den USA – und zunehmend auch in Deutschland – sind wir jedoch weit entfernt. Was wir sahen, war vor allem ein leidenschaftlich geführter Abstimmungskampf. Dazu gehören Zuspitzung und Polemik.
Ausgerechnet jetzt, wo die Schweiz eine der intensivsten Hitzewellen der letzten Jahre erlebt, zeigt sich eine andere Seite unseres Landes: eine fast mediterrane Coolness, eine erstaunliche Gelassenheit. Vielleicht ist sie sogar ausgeprägter als noch vor ein paar Jahren.
Da ist zunächst die Fussball-Nati. Vor acht Jahren löste der Doppeladler von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri einen Sturm der Entrüstung aus. Als Xhaka die Geste vor dieser WM erneut zeigte, zuckte das Land mit den Schultern. Auch die christlichen Zeichen von Ruben Vargas und Johan Manzambi provozieren kaum Reaktionen. Kein Kulturkampf-Alarm.
Und dann ist da noch das Eidgenössische Jodlerfest in Basel. Die urbane Kulturstadt als Hochburg des Brauchtums? Aber sicher. Tradition und Weltoffenheit vertragen und vermischen sich. Nicht jeder Jodler ist konservativ. Nicht jede Baslerin progressiv. Die helvetischen Milieus sind ausgesprochen durchlässig.
Natürlich öffnen sich Gräben, Heerscharen von Politologen befassen sich damit. Allerdings gab es erbitterte Abstimmungskämpfe schon immer, siehe EWR 1992. Entscheidend ist: Im Alltag funktioniert das Zusammenleben besser, als es die grossen Diagnosen vermuten lassen.
Begünstigt wird diese Entspannung durch ein globales Phänomen: das Ende der Wokeness. Die Zeit, in der jede Geste, jedes Symbol und jede unbedachte Wortwahl sofort zum Politikum wurden, scheint vorbei. Die Toleranz gegenüber Andersdenkenden wächst wieder. Der Liberalismus mag als politisches Konzept unter Druck stehen. Umso bemerkenswerter ist, dass die liberale Gesellschaft an Stärke gewonnen hat: Sie hält unterschiedliche Überzeugungen und Lebensentwürfe besser aus. Sogar in der Gluthitze.

