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WEF

Die schrägen Vögel, die seltene Flieger beobachten

Das WEF ist für Spotter, was das Filmfestival Cannes für Paparazzi: ein Paradies. Selten zu sehende Regierungs- und Businessjets landen dann auf dem Flughafen Zürich. Wir wagten mit den Spottern einen Rundgang.

Whiskeyplatz - so die Bezeichnung jener Ecke auf dem Flugvorfeld des Zürcher Flughafens, wo die beiden Frachtmaschinen der russischen Regierung stehen. Riesige Vögel des Typs Iljuschin 76: schwere Maschinen aus Sowjetzeiten. «Die flickt man mit dem Schraubenschlüssel», wird etwas später einer der Planespotter spotten, die an diesem kalten Vormittag schlotternd auf Regierungsjets und andere Raritäten warten. Die Jäger der Kennzeichen auf den Fliegern oder wollen ihre Fotosammlung erweitern. Iljuschin-Maschinen - sie sind zwar schwer und laut, dafür aber zuverlässig. «Der Mietlaster unter den Frachtflugzeugen gewissermassen. Kein Zufall, dass UNO und Hilfsorganisationen diese Maschinen mieten», erklärt der Mann mit dem Schraubenschlüssel.

Eines der beiden Flugzeuge lädt kostbare Fracht: Staatskarossen verschwinden in seinem dicken Rumpf. Medwedew und dessen Gefolge reisten in den eigens eingeflogenen Limousinen durch die Ostschweiz ans World Economic Forum nach Davos.

Mit Bleistift und Notizblock

Die Spotter - zu dieser Stunde ausnahmslos Männer - sind mit Mützen, Winterstiefeln, mit Spiegelreflexkameras und Feldstechern ausgerüstet. Manche sind von weither nach Zürich angereist. Denn das WEF ist für Spotter, was das Filmfestival von Cannes für Paparazzi ist. Warum, weiss niemand besser als Frank Bucher, der in seinem Laden in Glattbrugg vom Modellflugzeug bis zum Flugfunk-Empfänger alles anbietet, was das Spotter-Herz begehrt. «Die meisten Politiker und Wirtschaftsführer, die ans WEF kommen, fliegen nach Zürich», erklärt Bucher im kleinen Büroraum auf der Zuschauerterrasse, die den Spottern als Basis dient. Weil die Zürcher Flughafenbehörde weniger restriktiv als anderswo mit den Aviatik-Fans umgehe, sei es für diese hier besonders attraktiv. «An einer G20 oder G7 - da werden die Spotter nur schon weggescheucht, wenn sie an den Zäunen stehen», erklärt Bucher.

Sein Hobby hat sich Bucher in den Achtzigern zum Beruf gemacht. Bis heute bietet er während des WEF Rundfahrten «von Spottern für Spotter» auf dem Flugvorfeld an. Sie kosten 30 Franken, dauern zwei Stunden und sind gut ausgebucht. Wir haben Glück und dürfen eine bereits volle Gruppe auf ihrer Tour begleiten. 45 Männer mit Kameras, Notizblock, Bleistift, Mützen und Schals steigen in einen kalten Flughafenbus.

Der Flieger aus Mexiko

Auf dem Flugvorfeld sind strenge Auflagen zu erfüllen. «Bleiben Sie in der Gruppe und berühren Sie keine Flugzeuge. Den Tourguides ist unbedingt Folge zu leisten», sagt einer der Guides eindringlich durchs Mikrofon. VIPs interessieren die Spotter nicht. Fotos von aussteigenden Passagieren sind ein Tabu. Wo schwarze Limousinen auftauchen, suchen die Spotter das Weite. Den Männern ist die Vorfreude ins Gesicht geschrieben. Mit einem Zischen öffnen sich die Bustüren. Der Duft nach Kerosin steigt in die Nase. Langsam rollt die startklare russische Iljuschin frontal auf die Gruppe zu. Diszipliniert bleiben die Männer hinter einer nicht zu übertretenden Bodenmarkierung stehen. Dann dreht die Maschine ab, die Kennzeichnung RA-76686 ist zu erkennen. Knipsende Apparate, dann ist der Spuk vorbei. Ehe die Iljuschin abhebt, ist die lustige Schar zum Bus zurückgezottelt. Die Männer haben, was sie wollen: die «Registrationsspotter» die Nummer, die Fotografen das Erinnerungsbild. Krachend hebt ein Airbus A380 ab - vor ein paar Jahren war er noch DAS Sujet der Spotter. Heute interessiert er hier unten niemanden mehr.

Der Bus fährt die Spotter von Spot zu Spot. Zwischen den Jets der Österreicher, Amerikaner und Tansanier findet sich auch einer der «Armada de México», das persönliche Highlight eines Portugiesen, der seine Ferientage auf dem Zürcher Flughafen verbringt.

Die Russen klotzen

Doch in Zürich sind es weder die Amerikaner noch die Mexikaner oder die Tansanier, die mit Fluggerät klotzen. Es sind die Russen. Mit sechs Maschinen waren sie da. Bereits hebt die zweite Iljuschin 76 ab und der Guide kündigt die Passagierversion derselben Maschine an. Die Spotter freuts. Oder wie es der Zürcher Marcel Hagen sagt: «Iljuschin-Maschinen kriegt man in Europa nicht alle Tage zu sehen. Überall werden sie ausgemustert.»

Eine BBJ - ein Regierungsjet von Boeing - der South African Airforce «mit VIP-Ausstattung», wie Hagen erklärt, hebt ab, dann kehren die Registrationsnummernsammler und Fotojäger zufrieden in den Hangar zurück. Zuhause werden sie die Nummern mit bereits gesammelten vergleichen. Denn es gilt, was ein Holländer so ausdrückt, der sein Büro kurzerhand in die Cafeteria auf der Zuschauerterrasse verlegt hat: «Versuche so viele Flugzeuge wie möglich zu sehen.» In 30 Jahren will er 36000 Registrationsnummern gesammelt haben. Das sind fast so viele Flugzeuge, wie Frank Bucher auf seinen Reisen gesichtet hat: 40000 - einmal mit dem Spotter-Virus infiziert, ist Bucher es nie mehr losgeworden. Seine Augen funkeln dabei.