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Silvestertragödie

Die Katastrophe von Crans-Montana: 40 Tote, 119 Verletzte, und immer drängendere Fragen nach den Verantwortlichen

Die Brandkatastrophe in der Bar Le Constellation in Crans-Montana forderte mindestens 40 Tote, in Spitälern liegen 119 teils schwerst Verletzte, davon 71 Schweizer. An Champagnerflaschen montierte Wunderkerzen sollen die Katastrophe ausgelöst haben. Die Suche nach den Verantwortlichen hat begonnen.
Ein Dorf trauert: Blumen, Plüschtiere und viele Briefe wurden auf dem Platz vor der Bar niedergelegt. Bei Unglück haben vermutlich viele junge Menschen ihr Leben verloren.
Bild: Jean-Christophe Bott / Keystone

Es herrscht eine fast gespenstische Ruhe am frühen Nachmittag des 1. Januar in der Rue Centrale in Crans-Montana, einer sonst lauten und belebten Strasse mit vielen Geschäften. Jetzt ist fast alles geschlossen, Musik ist keine zu hören. Passanten hat es nur wenige, das Bild wird dominiert von Medienleuten, die in diesen Stunden aus aller Welt eintreffen.

Die Walliser Kantonspolizei hat ein etwa 100 Meter langes Stück der Strasse vollständig abgesperrt. Die Polizisten lassen nur bestimmte Personen und Fahrzeuge durch: Anwohnende, Behördenmitglieder, Krankenwagen. Und immer wieder fahren an diesem Nachmittag dunkle Fahrzeuge von Bestattungsunternehmen aus der Region langsam die Rue Centrale hinauf.

Aktuell prallen im Dorf zwei Welten aufeinander: Einerseits verbringen viele Menschen ihre Ferien dort und gehen auf die Skier, andererseits trauert das Dorf.
Bild: Jean-Christophe Bott / Keystone

Stunden zuvor sind am oberen Ende der Strasse, in der Lounge-Bar Le Constellation an der Hausnummer 35, zahlreiche Menschen bei lebendigem Leib verbrannt oder schwer verletzt worden. Sie versuchten verzweifelt, dem Flammeninferno im Untergeschoss zu entkommen.

Die aktualisierte Zwischenbilanz, welche die Behörden des Kantons Wallis am Freitag bekanntgaben, ist schrecklich: 40 Tote und 119 Verletzte. 71 Verletzte stammen aus der Schweiz, 14 aus Frankreich, elf aus Italien, die restlichen aus einer Reihe von anderen Staaten. Zur Nationalität der Todesopfer wurde noch nichts bekannt, die formelle Identifizierung laufe noch. Die Mehrheit der Opfer war laut Angaben der Behörden zwischen 16 und 24 Jahren alt.

Stunden nach dem Drama steht eine Familie aus dem Jura an der Absperrung an der Rue Centrale. Die Mutter deutet die Strasse hinauf zu dem grossen weissen Sichtschutz, den die Polizei vor der Unglücksbar angebracht hat. «Dort ist es», sagt sie leise, sichtlich erschüttert. Es sei wie ein Wunder, sagt sie, dass sie hier stünden. Dass sie alle fünf noch gesund seien. Ihre Tochter habe nach Mitternacht per WhatsApp im Le Constellation angefragt, ob noch ein Tisch frei sei. Die Tochter bestätigt: «Um 1.14 Uhr erhielt ich die Nachricht, es sei alles voll.»

Das war etwa eine Viertelstunde vor dem explosionsartigen Ausbruch des Feuers. Um 1.28 Uhr habe er die Polizei alarmiert, erzählte ein junger Passant später dem Westschweizer Fernsehen. Man habe durch die grossen Scheiben des Lokals eine Explosion gesehen, die Flammen entfachte. «Leute rannten, man sah ihre Schatten. Sie versuchten, mit Stühlen die Scheiben einzuschlagen.»

Ausgebrochen war das Feuer in der Bar im Untergeschoss, es breitete sich explosionsartig aus. Die Besitzer des Le Constellation, ein französisches Paar aus Korsika, hatten das zuvor längere Zeit geschlossene Restaurant umgebaut und 2015 neu eröffnet. Laut Medienberichten erlitt die Frau Verbrennungen am Arm. Der Mann sei nicht vor Ort gewesen, sondern in einem anderen Lokal des Paars.

Crans boomt, es geht um Geld und Umsatz

Das Paar führte zumindest einen weiteren Betrieb in der Region und baute auch diesen aufwändig aus. Doch wurden im Keller des Le Constel, wie die Bar kurz genannt wurde, alle Vorschriften in Bezug auf Sicherheit und Brandschutz eingehalten?

An diesem Nachmittag bleibt ein Ehepaar aus Deutschland an der Absperrung stehen. Es besitzt seit Jahren eine Wohnung in Crans. Dass so etwas in der Schweiz passieren könne, erstaune ihn sehr, sagt der Mann. Die Frau aber sagt, auch viele andere Lokale in der Nähe hätten in den letzten Jahren ihren Betrieb ins Untergeschoss ausgeweitet, um mehr Umsatz und Gewinn zu erzielen. Auch dort frage man sich, wie es um die Sicherheit stehe. Aber Crans boome derzeit, es werde überall gebaut, die Zahl der Touristen steige stark. Es kämen vor allem viel mehr Amerikaner, sagt der Mann. Sie stiegen in den USA schon im Skidress in den Flieger und hätten fast kein Gepäck dabei.

Die Silvestertragödie in Crans-Montana lockte Medienvertreter aus dem In- und Ausland an.
Bild: Jean-Christophe Bott / Keystone

Vor etwa 20 Jahren steckte die einstige Premiumdestination Crans-Montana in einer Krise. Sie galt im Vergleich etwa zu St. Moritz als altmodisch, teils sogar als heruntergekommen. 2023 schrieb die Fachpublikation Travelnews: «Der Walliser Ferienort ist im Wandel und lässt das schlechte Image, das wegen der vielen Zweitwohnungen lange an der Destination haftete, hinter sich.» Es gebe neu Hotels und neue Restaurants. Und mit dem US-Konzern Vail Resorts habe Crans-Montana einen neuen Investor bei den Bergbahnen. 2027 finden in Crans-Montana die alpinen Skiweltmeisterschaften statt.

Heute ist Crans-Montana wieder in. Rund drei Millionen Besucherinnen und Besucher und etwa 900’000 Übernachtungen zählt die Destination jedes Jahr. Die Einwohnerzahl stieg seit 1960 von rund 5000 auf über 10’000, nahm in den letzten paar Jahren wieder leicht ab.

Bevor sie von einem Polizisten zu ihrer Wohnung begleitet wird, sagt eine ältere Anwohnerin zur «Schweiz am Wochenende», das Le Constellation habe den Ruf gehabt, es mit der Sicherheit nicht allzu genau zu nehmen. «Es war nicht in bestem Zustand», drückt sie sich aus.

Auf Fotos, die die Betreiber vor Jahren ins Internet stellten, ist eine einzige, relativ schmale und steile Zugangstreppe in die Bar zu sehen. Sie war gleichzeitig als Notausgang beschriftet. Ein weiterer Notausgang ist nicht sichtbar.

Werbespot mit Wunderkerzen

Auf YouTube ist ein Werbespot für das Nachtlokal zu finden. Er zeigt zwei junge Frauen mit Motorradhelmen, die durch das Lokal gehen. Sie halten Champagnerflaschen in die Höhe, an denen brennende Wunderkerzen angebracht sind. Mit dieser Art von Spektakel machte das Lokal Werbung.

Wunderkerzen, die an Champagnerflaschen montiert wurden, sollen den Brand ausgelöst haben. Hier ein in sozialen Medien gepostetes, aber nicht datiertes Bild, das möglicherweise kurz vor der Explosion entstanden ist.
Bild: BiInago

Eine vom französischen Nachrichtensender BFM verbreitete Aufnahme zeigt eine Gruppe von Personen, die in der Bar mehrere Champagnerflaschen mit hell brennenden Wunderkerzen gegen die Decke halten. Unter der Decke ist in der dunkelgrünen Dämmung ein Brandherd zu erkennen. Die Walliser Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud sagte am Freitag vor den Medien, es sehe tatsächlich so aus, als sei der Brand durch Wunderkerzen und bengalische Streichhölzer verursacht worden.

Die Gäste in Crans kommen aus aller Welt. Zwei Drittel der Hotelübernachtungen entfallen laut der Nachrichtenagentur Reuters jedoch weiterhin auf Gäste aus der Schweiz. Rund sieben Prozent kommen aus Frankreich, je etwa vier Prozent aus Italien und Grossbritannien, knapp unter drei Prozent aus den USA, den Golfstaaten, Belgien und Deutschland.

Ein Belgier, etwa 40, lässt sich Mitte Nachmittag von einem Kollegen vor der Absperrung mit dem Handy abfilmen. Im Hintergrund der Ort des traurigen Geschehens. Er erzählt, wie er gegen halb zwei Uhr Zeuge des Dramas geworden sei. Junge Leute, nur mit luftigem Stoff bekleidet, seien aus dem Lokal gerannt, schreiend, brennend. Vor der Bar seien verbrannte Menschen gelegen, erzählt der Belgier.

Auf dem Bundeshaus hängen die Fahnen auf Halbmast.
Bild: Anthony Anex / Keystone

Verantwortliche geraten in Fokus

Die Frage der Verantwortlichkeiten rückt in den Fokus. Wurden die Brandschutzvorschriften eingehalten? Warum fing die Akustik- oder Brandschutzdämmung an der Decke Feuer? Ist diese Dämmung überhaupt zulässig?

In der Schweiz gelten einheitliche Brandschutznormen mit klaren Vorgaben. In der Branche und bei Innenarchitekten ist jedoch auch bekannt, dass nicht brennbarer Akustikschaumstoff teuer ist und mitunter auf günstigere, minderwertige Dämmstoffe ausgewichen wird. Spottbillig erhältlich zum Beispiel auf chinesischen Online-Plattformen.

Gesamtschweizerische Vorschriften zu Brandschutz

Auf der Webseite des Kantons Wallis findet sich eine «Information für Gemeinden». Dort heisst es: «Der Brandschutz orientiert sich an den gesamtschweizerischen Vorschriften.» Diese stammen von der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen (VKF) und gelten in der heutigen Form seit 2015. Neu wurde damals unter anderem ein verbindliches Brandschutzkonzept mit Nachweis eingeführt. Im gleichen Jahr nahm auch das Le Constellation seinen Betrieb auf.

Im Wallis delegierte der Staatsrat den Vollzug des Brandschutzes an das Kantonale Amt für Feuerwesen und an die Gemeinden. Unterschieden werde zwischen drei grossen Schutzmassnahmen: baulichem Brandschutz wie Tragwerken, Brandabschnitten und Türen; technischem Brandschutz wie Sicherheitsbeleuchtung, Brandmeldern und Sprinkleranlagen; sowie organisatorischem Brandschutz wie Evakuierungs- und Einsatzplänen und der Umsetzung des Brandschutzkonzepts.

Die Untersuchungen müssen zeigen, ob im Le Constellation die gültigen Vorschriften und Normen eingehalten wurden und wer für die Kontrollen zuständig war. Auf die Besitzer der Bar, aber auch auf die Behörden von Gemeinde und Kanton kommen unangenehme Fragen zu.

Die Walliser Generalstaatsanwältin Pilloud kündigte am Freitag an, dass die strafrechtliche Verantwortlichkeit abgeklärt werde. Sollte sich diese gegen Personen ergeben, die noch am Leben seien, würden Strafverfahren wegen fahrlässiger Verursachung einer Feuerbrunst, fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung gegen die eingeleitet.

Mittlerweile ist die Zufahrt zur Strasse wieder offen, das Gebiet rund um die betroffene Bar ist aber immer noch grossräumig abgesperrt.
Bild: Antonio Calanni / AP

Gegen Abend versucht ein älterer Belgier, an der Absperrung vorbeizukommen. Er sei heute aus Belgien angereist und wolle zu seiner Wohnung. Was hier passiert sei? Es habe einen Brand gegeben, mit Toten und Verletzten, sagt der Polizist. «C’est pas possible», sagt der Belgier. Der Polizist lässt ihn nicht durch, weil der Mann seine Wohnung auch über eine Seitengasse erreichen kann. Der Gast wirkt verstört. Ein Brand, viele Tote und Verletzte? «C’est pas possible», sagt er.

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