Der Schweizer Winter wird immer wärmer. Daten von Meteo Schweiz zeigen: Die Wintermonate Dezember bis Februar – früher Garant für Temperaturen unter dem Nullpunkt – sind nicht mehr so kalt, wie sie waren. 1990 lag das Temperaturmittel im Schweizer Winter erstmals über 0 Grad (symbolisiert durch die erste rote Säule in der nachfolgenden Grafik), nachdem es seit Messbeginn 1864 niemals im positiven Bereich lag, meist nicht mal in die Nähe kam.
Im neuen Jahrtausend kamen bereits drei Winter hinzu, in denen das Thermometer im Schnitt über die Null-Grad-Grenze stieg: 2007, 2016 und zuletzt 2020 mit dem bisher höchsten gemessenen Schnitt von 0,7 Grad.
Ich will es genauer wissen: Was ist das Schweizer Temperaturmittel?
Die Temperaturen in der Schweiz unterscheiden sich stark. Um trotzdem eine Temperatur zu erhalten, die für das ganze Land als Mittelwert eines Jahres oder einer anderen Zeitperiode fungieren kann, werden Daten von verschiedenen Stationen kombiniert.
Dieses Mittel ist vor allem für die Vergleichbarkeit des Klimas über längere Zeit nützlich. Weitere Informationen zum Schweizer Temperaturmittel sind bei Meteo Schweiz zu finden.
Weil einzelne Jahre immer Ausreisser sein können – wie die obige Grafik zeigt –, betrachten Meteorologen längere Zeiträume, um Aussagen über das Klima und seine Veränderung zu treffen. Bei Temperaturen wird dabei auf einen 30-Jahres-Schnitt abgestellt. Man nimmt also den Schnitt von 30 Zeitperioden, die man untersucht. In diesem Fall: 30 Winter.
Vor allem in tiefen Lagen wird es im Winter deutlich wärmer
Betrachtet man diesen 30-Jahres-Schnitt des Winters über den Zeitverlauf, zeigt sich deutlich: Es wird wärmer. In der nachfolgenden Grafik können drei von Meteo Schweiz definierte Gebiete und die Schweiz als Ganzes angewählt werden, um diese Entwicklung anzuschauen.
Bemerkenswert in der obigen Grafik ist vor allem die Entwicklung in tieferen Lagen im Norden. Der erste langjährige Schnitt 30 Jahre nach Messbeginn lag 1894 noch unter –1 Grad Celsius.
Zwar steigt der Schnitt danach schon bald etwas an und erreicht schon 1939 ein erstes Mal die Null-Grad-Grenze, doch erst ab den 1990er-Jahren überschreitet der 30-Jahres-Schnitt diese nachhaltig.
Ich will es genauer wissen: Was sind das für Gebiete?
Gemäss Meteo Schweiz sind im langjährigen Vergleich der Temperaturentwicklung in der Schweiz «Unterschiede zwischen der Alpennord- und Alpensüdseite sowie in den verschiedenen Höhenlagen interessant». Wie schon für das Schweizer Temperaturmittel (siehe oben) werden deshalb auch für die Alpennordseite unter 1000 Metern über Meer, für die Alpennordseite über 1000 Metern über Meer und für die Alpensüdseite Temperaturmittel erstellt.
Weitere Informationen zu den Klimaregionen der Schweiz sind bei Meteo Schweiz zu finden.
Im Schnitt zwei Grad wärmer als zu Messbeginn
Der Temperaturanstieg lässt sich auch in absoluten Zahlen ausdrücken. Gemäss Meteo Schweiz berechnet man die Veränderung seit Messbeginn, indem man den aktuellsten 30-Jahres-Schnitt mit der Periode 1871 bis 1900 vergleicht. Für die Entwicklung der Wintertemperatur zeigen die Daten kurz zusammengefasst:
Die Wintertemperatur stieg in der ganzen Schweiz seit Messbeginn um 1,97 Grad Celsius.
In tiefen Lagen im Norden ist der Anstieg mit +2,35 Grad Celsius am deutlichsten.
In höheren Lagen im Norden (+1,70 Grad Celsius) und im Süden (+1,54 Grad Celsius) fiel der Anstieg leicht geringer aus.
Für Skigebiete kann es kritisch werden: Der Schnee fehlt
Wenn der Winter wärmer wird, ist das insbesondere ein Problem für Orte, die vom Wintersport leben. Das lässt sich gut am Beispiel von Elm illustrieren. Die Talstation des Skigebiets und damit das Ziel der Talabfahrt liegt auf 1020 Metern über Meer.
Wenige Meter tiefer, auf 958 Metern über Meer, registriert in Elm eine Messstation seit den 1950ern die Schneehöhe. Der langjährige Vergleich der Winter zeigt: Die Schneehöhe sinkt.
Bei den Sportbahnen Elm ist die Veränderung des Klimas deshalb durchaus ein Thema, wie Direktor Stefan Elmer sagt. «Nicht akut, aber es beschäftigt uns zum Beispiel in der Investitionsplanung.» Er stelle vor allem fest, dass die Wetterereignisse extremer würden.
Man habe das Glück, dass einerseits die Exposition des Skigebiets gut sei. Die Talstation liege bis fast Mitte Januar im Schatten. Deshalb könne auch die Talabfahrt immer wieder den ganzen Winter über geöffnet bleiben. Der Sportbahnen-Direktor sagt allerdings:
«Sperrungen der Talabfahrt häufen sich gegenüber früher aber sicher.»
Zum Beispiel jüngst, als der Wärmeeinbruch zum Jahreswechsel den Schnee zu schnell schmelzen liess.
Andererseits liege der Hauptteil des Skigebiets auf einer Höhe von über 1500 Metern über Meer. Und dort habe man bisher keine grösseren Probleme festgestellt. «Aber wir investieren in die Schneesicherheit», sagt Elmer und spricht damit die technische Beschneiung der Skipisten an.
Für die tiefgelegenen Skilifte wird's noch schwieriger
Gravierender dürften die Probleme für all jene Orte mit Skiliften sein, die tiefer liegen. Der Lift vor der Haustüre, an dem die Einwohnerinnen und Einwohner das Skifahren üben, ist in Gefahr.
Stellvertretend zeigt das die Messstation St.Gallen. Sie liegt auf 776 Metern über Meer. Über die Jahre fällt hier deutlich weniger Schnee. Der langjährige Schnitt der Neuschneemenge pro Jahr fiel in den 1990ern bereits einmal unter 150 Zentimeter pro Jahr, aktuell liegt er leicht darüber, wie ein anderer Datensatz von Meteo Schweiz zeigt .
Der St.Galler Skilift Beckenhalde, dessen Talstation leicht tiefer als die Messstation liegt, gibt an, dass für die Pistenpräparation mindestens Neuschnee in der Höhe von 20 Zentimetern nötig ist. Wenn im ganzen Jahr zusammengezählt nur rund 150 Zentimeter fallen, dürfte dieser Wert nicht mehr allzu oft erreicht werden. Die Schneehöhe liegt denn im Winter im langjährigen Schnitt auch nicht einmal mehr bei zehn Zentimetern.
Über 1000 Metern über Meer scheint das Problem nicht gleich ausgeprägt. Stellvertretend dafür kann die Messstation in Davos auf 1594 Metern über Meer dienen. Die Schneehöhe schwankt zwar beträchtlich, und Jahre mit wenig Schnee scheinen jüngst öfter vorzukommen, doch im langjährigen Schnitt lag 2021 sogar mehr Schnee als zu Beginn der Messungen.
Das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) schreibt auf seiner Website denn auch, der Trend zu schneearmen Wintern sei vor allem an den meisten Stationen unterhalb von 1300 Metern über Meer signifikant. Und ergänzt: «Die Veränderungen werden umso deutlicher, je niedriger eine Station gelegen ist.»
Der Schnee schmilzt früher
Oberhalb von 2000 Metern über Meer sei kein eindeutiger Trend bei den Schneehöhen festzustellen. Aber die Dauer der Schneebedeckung würde dort ebenso wie in tieferen Gebieten zurückgehen. Das liege in erster Linie an einer früheren Schneeschmelze.
Dieses Bild bestätigen die Daten des SLF zur Schneemenge. Das Institut erfasst diese seit 1971 für fünf verschiedene Höhenlagen jeweils im Monat März. Dafür verwendet sie das sogenannte Schneewasseräquivalent. Dieses bezeichnet die Wassermenge, die beim Schmelzen einer Schneedecke entstehen würde.
Ich will es genauer wissen: Wie misst das SLF?
Die Methode wird auf der Seite des Bundesamts für Umwelt (Bafu), das die Daten des SLF verwendet, beschrieben. Direkte Messungen des Schneewasseräquivalents gibt es in der Schweiz demnach nur wenige. Zusätzlich werden darum Daten zur Schneehöhe umgerechnet. Für die räumliche Verteilung werden schliesslich Modelle basierend auf Faktoren wie Höhe und Topografie verwendet.
Die Zahlen geben also gewissermassen an, was nach dem Winter vom Schnee noch übrig bleibt. Das Bild des linearen Trends, das vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) mit diesen Daten gezeichnet wird, ist eindeutig: In allen Höhenlagen geht die Schneemenge zurück. Unter 1000 Metern über Meer schwindet er fast gänzlich.
Das Bafu schreibt denn auch: «Die Variabilität von Jahr zu Jahr ist sehr gross, aber der negative Trend ist auf allen Höhenstufen eindeutig erkennbar. Mit fortschreitendem Klimawandel dürfte sich dieser Trend in Zukunft fortsetzen.»
Der Frühling beginnt früher
Wenn im März schon deutlich weniger Schnee liegt, überrascht es nicht, dass die Vegetationsentwicklung früher einsetzt. Im Frühlingsindex von Meteo Schweiz ist das deutlich erkennbar: Seit 2014 begann der Frühling immer früher als im Mittel der Referenzperiode 1981–2010.
Schon ab Ende der 1980er-Jahre zeigt sich ein solcher Trend. Dann also, wenn auch die Temperaturen deutlich zu steigen beginnen. Der Frühlingsindex fungiert gewissermassen als unabhängiger, natürlicher Indikator der gleichen Entwicklung.
Die länger zurückreichenden Beobachtungsreihen bestätigen das. Sowohl der Blattausbruch der Rosskastanie in Genf, der seit 1808 erfasst wird, als auch die Blüte des Kirschbaums in Liestal, die seit 1894 registriert wird, geschehen in der Tendenz früher.
