Protestwelle

«Dann ist mein Volk verloren»: Mina bangt um ihre Schwester im Iran – warum sie trotzdem Hoffnung hat

Ihre Schwester ging mehrere Nächte auf die Strasse, der Kontakt zu ihr war zu der Zeit fast unmöglich – und gefährlich. So erlebten zwei junge Frauen die Proteste.
Über Wochen demonstrierten Zehntausende Menschen im Iran gegen das Regime.
Bild: AP

Die Sorge um ihre Schwester Leila, ihre Eltern und ihre Freunde im Iran hielt Mina nächtelang wach. Anfang Januar hat das Regime das Internet im Land abgestellt. Vom einen Tag auf den anderen hörte die junge Frau nichts mehr von ihren Liebsten.

Minas Angst ist auch deshalb so gross, weil Leila, die in der iranischen Hauptstadt lebt, in den letzten Wochen fast täglich auf die Strasse gegangen ist. Für ihre Teilnahme an Protesten oder das Nichttragen eines Kopftuchs wurde sie bereits mehrfach von den Revolutionsgarden festgenommen. Die Namen der beiden wurden aus Sicherheitsgründen geändert.

Dass Leila mutig ist, weiss Mina. Sie plötzlich gar nicht mehr zu erreichen, während Berichte von Massakern auf den Strassen Teherans die Runde machen, habe sie aber dennoch überwältigt. Mehrere Nächte sei sie wach geblieben, in der Hoffnung, ein Lebenszeichen zu erhalten.

Die Menschenmengen in den Strassen iranischer Städte wuchsen im ganzen Land über Wochen zu Rekordzahlen an. Begonnen haben sie Ende Dezember, als Reaktion auf den Verfall der iranischen Währung, Rial. Die Demonstrationen richteten sich je länger, desto mehr gegen das islamistische Regime.

Dieses schlug die Proteste blutig nieder - ohne Internet blieben die Gräueltaten der Sicherheitskräfte tagelang verdeckt. Nach Angaben von Aktivisten kamen mindestens 6159 Menschen ums Leben. Die tatsächliche Opferzahl, so die Befürchtung, liegt jedoch bei über 30'000. Unabhängig prüfen liessen sich die Zahlen wegen des Internet-Blackouts bisher nicht.

Die Mehrheit sieht die Revolutionswächter als Terroristen

Vor zwei Jahren ist Mina mit ihrem Ehemann nach Deutschland gezogen, um dessen Militärdienst zu entkommen. «Im Iran bedeutet Militärdienst, sich den Revolutionsgarden anzuschliessen, einer Gruppe von Terroristen. Das wollen die meisten nicht», sagt sie. Auch die EU hat die iranischen Revolutionsgarden in dieser Woche wegen ihres grausamen Vorgehens gegen die regierungskritischen Proteste als Terrororganisation eingestuft.

Nach tagelanger Funkstille, meldeten sich Minas Mutter und Schwester diese Woche. Die Aussage ihrer Mutter am Telefon sei knapp gewesen: «Wir leben noch», so Mina. «Als ich die Stimme meiner Mutter und meiner Schwester gehört habe, habe ich nur noch geweint – und sie auch.»

Von einigen Freunden habe sie jedoch bis heute noch nichts gehört. Was mit ihnen passiert sein könnte, daran will Mina gar nicht denken.

Selbst mit ihrer Familie kann sie nicht frei kommunizieren. Einerseits wegen der seltenen und schlechten Verbindung, andererseits aus Angst. «Jedes Mal, wenn du mit jemandem telefonierst oder Nachrichten schreibst, musst du daran denken, dass jemand dich beobachten könnte oder dir zuhört», so Mina.

Dennoch habe ihr ihre Schwester einige Details zu den Protesten erzählt. An einem Abend hätten Leila und ihr Ehemann sich einer grossen Menschenmenge im Zentrum von Teheran angeschlossen. «Sie hat mir erzählt, die Revolutionsgarden hätten Tränengas in die Menge geschossen, um die Menschen auseinanderzutreiben», sagt Mina.

Nachdem sich die Menschen in den Gassen verteilt hatten, schossen Scharfschützen auf sie – teils von den Dächern der Moschee. «Dann kamen Basij-Milizen und Soldaten in die Gassen, um Menschen mitzunehmen», sagt sie weiter. Wer sich ihnen widersetzte, sei erschossen worden. «Die ganze Situation fühlt sich an wie ein Horrorfilm, der Realität geworden ist.»

Die Sittenwächter kennen die Schwestern persönlich

Mehrere Mitglieder der Basij kennen Mina und Leila. Es sind Nachbarn, ehemalige Schulkollegen und sogar ein Cousin. «Wir haben den Kontakt zu ihm schon vor Jahren abgebrochen. Ich hasse dieses System, dieses Regime und alles, was damit zu tun hat.»

Trotz Ängsten ist Mina überzeugt, dass die Revolution bald gelingen wird. «Ich bin sehr optimistisch, was ein militärisches Eingreifen durch die USA betrifft. Vielleicht klingt das für Menschen in Europa seltsam, dass ich mir wünsche, ein fremdes Land würde meines angreifen», sagt sie. Es sei jedoch der einzige Weg. Die iranische Bevölkerung stehe mit leeren Händen einer vollständig bewaffneten Armee gegenüber. «Wir müssen gewinnen. Wir haben keine andere Möglichkeit», so Mina.

Mittlerweile haben die Demonstrationen nachgelassen. Verhaftungen und Exekutionen – teils ohne richtiges Strafverfahren - dauern jedoch noch an.

Mina liebt ihr Land, wie sie immer wieder betont. Aber: «Wenn wir dieses verdammte islamistische Regime nicht abschütteln können, dann ist mein Volk verloren.»

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema: