
Was ist passiert?
Im Fürstentum Liechtenstein ist es zu einem grossen Diebstahl von potenziell sensiblen Daten gekommen. Eine unbekannte Täterschaft hat die Daten von rund 31'000 sogenannten Rechtsträgern aus dem Verzeichnis der wirtschaftlich berechtigten Personen erbeutet. Bei den Rechtsträgern handelt es sich um Stiftungen, Treuhandgesellschaften und Unternehmen, die im Fürstentum registriert sind.
Wie lief der Angriff ab?
Am Dienstagnachmittag informierte die liechtensteinische Regierung über den neusten Stand der Abklärungen. Der Angriff in der Nacht auf Donnerstag sei «gezielt und auf hohem technischem Niveau» erfolgt. Die Hacker nutzten eine für externe Abfragen vorgesehene Schnittstelle. Offenbar konnte die Täterschaft über mehrere Stunden hinweg unbemerkt Daten herunterladen.
Am Folgetag wurde das Eindringen bemerkt und das Verzeichnis sofort vom Netz getrennt. Trotz hoher Sicherheitsstandards sei man «Opfer eines kriminellen Cyberangriffs» geworden, betonte Regierungschefin Brigitte Haas. Die Strafverfolgungsbehörden haben Ermittlungen eingeleitet.
Wer sind die Täter?
Weder zur Identität noch zum Motiv der Täterschaft gibt es derzeit Hinweise. Bislang liege weder eine Lösegeldforderung vor noch seien die erbeuteten Daten im Darknet zum Verkauf angeboten worden.
Um welche Daten handelt es sich?
Das gehackte Verzeichnis wurde im Jahr 2021 eingeführt, um eine neue Geldwäscherei-Richtlinie der EU umzusetzen. Ziel ist es, internationale Standards bei der Bekämpfung von Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung einzuhalten.
Das entsprechende Gesetz verlangt, dass Name, Vorname, Geburtsdatum, Wohnsitzstaat und Staatsangehörigkeit der wirtschaftlich berechtigten Personen erfasst werden. Zugriff auf das Verzeichnis haben nur ausgewählte Behörden sowie unter strengen Auflagen Banken und Treuhänder.
Mit den gehackten Daten lässt sich herausfinden, welche wirtschaftlich berechtigten Personen hinter den Stiftungen und Treuhandgesellschaften stehen. In vielen Fällen ist dies öffentlich nicht bekannt. Persönliche Daten wie Adressen, Telefonnummern oder Kontostände sind nicht im gehackten Verzeichnis enthalten.
Was sind die Folgen des Angriffs?
«Der Datenklau dürfte die Reputation des Fürstentums als Finanzplatz sehr stark beschädigen», sagte Stiftungsexperte Thomas Sprecher gegenüber der NZZ.
Für den Inhalt der Daten könnten sich einerseits ausländische Steuerbehörden interessieren. Jahrzehntelang wurden in Liechtenstein ansässige Stiftungen auch zur Steuerhinterziehung genutzt. Obwohl das Fürstentum mit zahlreichen Staaten einen automatischen Informationsaustausch über Steuerdaten betreibt, sind solche Vergehen weiterhin möglich.
Andererseits könnten sich auch Kriminelle für die Daten interessieren, etwa um gezielt vermögende Personen für Betrugsmaschen oder Erpressungsversuche ins Visier zu nehmen.
Was bedeutet der Angriff für die Schweiz?
Zum einen gibt es ab Oktober auch in der Schweiz ein staatliches Register, das die wirtschaftlich Berechtigten an juristischen Personen auflistet. Kritiker des Schweizer Transparenzregisters sehen sich bestärkt, obwohl Stiftungen und Vereine nicht erfasst werden. In der NZZ sagte Stiftungsrechtler Thomas Sprecher, dass der Druck aus dem Ausland jetzt zunehmen könnte und die Schweiz auch die Berechtigten an Stiftungen auf die neue Liste setzen müsse.
Der Datenklau könnte den Schweizer Finanzplatz aber auch deshalb betreffen, weil das liechtensteinische Treuhandwesen seit jeher mit dem Schweizer Finanzplatz verwoben ist. Das Prinzip: Liechtensteiner Anwälte und Treuhänder traten als Organe von Stiftungen auf, der ausländische Kunde blieb verborgen. Die Vermögen dieser Strukturen wurden häufig bei Schweizer Banken platziert. Das System konnte für Steuerhinterziehung oder Mafia-Geldwäsche missbraucht werden.
Wie entstand das verschwiegene Liechtensteiner System?
Seine Grundlagen entstanden nach dem Ersten Weltkrieg. Laut dem Historischen Lexikon Liechtensteins war das Fürstentum «wirtschaftlich am Boden». In den Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie kam es zur Entwertung der Krone durch Hyperinflation. Die Folge: Liechtenstein kündigte 1919 den Zollvertrag mit Österreich und orientierte sich in Richtung Schweiz. Es kam zur engen Zusammenarbeit der Finanzplatz-Akteure.
Die Schattenseiten des Systems legte 1977 der Chiasso-Skandal der Schweizerischen Kreditanstalt offen, einer Vorgängerin der Credit Suisse. Über die in Vaduz gegründete Texon Finanzanstalt hatte die Filiale Chiasso der Grossbank 2,2 Milliarden Franken an italienischem Fluchtkapital angelegt. Die SKA erlitt einen Verlust von rund 1,4 Milliarden Franken.
Wäscht die Mafia heute noch Geld über Liechtenstein?
Ab 2000 und 2001 verschärfte Liechtenstein die Geldwäschereivorschriften. Die Offenlegung der wirtschaftlich Berechtigten gegenüber den Banken wurde zur Pflicht. Später folgten weitere Verschärfungen.
Trotzdem nutzt die kalabrische ’Ndrangheta laut dem Global Organized Crime Index 2025 unter anderem das liechtensteinische Finanzsystem für illegale Operationen. Ein konkretes Beispiel dafür findet sich in Akten einer schweizerisch-italienischen Ermittlungsoperation. Ein italienischer Finanzfachmann, der für die ’Ndrangheta arbeitete, gab gegenüber einem verdeckten Schweizer Ermittler an, er könne über eine regierungsnahe Bank in Liechtenstein zweistellige Millionensummen waschen. Das habe er unter anderem für einen Italiener aus Pfäffikon ZH gemacht. Das Geld werde in Diplomatenfahrzeugen nach Vaduz transportiert, behauptete er.
