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Crans-Montana

«Aussagen haben uns zutiefst schockiert»: Opferanwältin übt scharfe Kritik an Gemeinde

Die Gemeinde Crans-Montana räumt Versäumnisse und Unwissenheit im Umgang mit der Unglücksbar ein – doch einige Aussagen des Gemeindepräsidenten stossen den Angehörigen sauer auf. Eine weitere Opferanwältin äussert scharfe Kritik.

Die Aussagen des Gemeindepräsidenten von Crans-Montana, Nicolas Féraud, an der Medienkonferenz vom Dienstag sorgen weiter für Kritik und teilweise Empörung bei den Angehörigen von Opfern.

Nicolas Féraud, Gemeindepräsident von Crans-Montana.
Bild: Keystone

Bereits kurz nach der Medienkonferenz äusserte sich ein Anwalt von mehreren Opfern kritisch. Insbesondere die Aussage Férauds, dass sich die Gemeinde ebenfalls als Opfer der Tragödie sehe, sorgt für Empörung. Nun hat sich die Anwältin Nina Fournier, die die Eltern eines Brandopfers vertritt, der Kritik angeschlossen. Gegenüber dem «Blick» sagt Fournier: «Einige Äusserungen haben uns zutiefst schockiert.»

Zwar habe sich die Gemeinde an der Medienkonferenz «bemüht», doch dass sie sich selbst als Opfer bezeichne, sei nur schon aufgrund der rechtlichen Definition des Begriffs in der Schweiz schwer akzeptabel. «In der aktuellen Situation, in der Familien trauern, Kinder ihr Leben verloren haben und Menschen schwer verletzt sind und lebenslange Folgen erleiden werden, erscheinen solche Aussagen unangemessen.»

Sie hätte sich mehr Zurückhaltung und Feingefühl erhofft, so Fournier. Da die Ermittlungen zur Ursache des Unglücks noch laufen, seien Férauds Aussagen problematisch. Vor allem auch, weil nicht ausgeschlossen ist, dass die Gemeinde eine Mitverantwortung trägt.

Anwältin: Gemeinde entzieht sich jeglicher Verantwortung

Féraud hatte zuvor an der Medienkonferenz eingeräumt, dass es zu Versäumnissen kam. Die Unglücksbar wurde seit sechs Jahren nicht mehr kontrolliert, das mutmasslich mangelhafte Schallschutzmaterial, das in Brand geriet, wurde nie beanstandet, obwohl der Umbau der Bar bereits 2015 erfolgt war. Féraud verwies hierbei darauf, dass die Überprüfung von Baumaterialien rechtlich nicht vorgeschrieben sei. Laut dem Gemeindepräsidenten hatten die Behörden zudem weder von den ausgebliebenen Kontrollen noch von den laschen Alterskontrollen und den in der Bar verwendeten Wunderkerzen gewusst.

Gemäss Anwältin Fournier seien die betroffenen Familien «überrascht», dass die Gemeinde offenbar «beabsichtigt, sich jeglicher Verantwortung zu entziehen und ein solches Spektakel inszeniert».

Die Medienkonferenz gab auch sonst Anlass zu Kritik. Schon am Tag vor dem Auftritt wollte eine Opferfamilie diesen verhindern. Die Angehörigen und ihr Anwalt, der SVP-Politiker Jean-Luc Addor, hielten es wegen möglicher Versäumnisse der Gemeinde für nicht tragbar, dass sich die Behörden ausserhalb eines offiziellen Verfahrens verteidigen können.

In den Tagen nach dem Unglück waren zudem Rufe nach nationaler Unterstützung bei der Aufarbeitung des Falles laut geworden. Die Walliser Staatsanwaltschaft beabsichtigt nach aktuellem Stand, den Fall selbst zu behandeln. Ob ausserkantonale Staatsanwälte und Ermittler einbezogen werden, wie Experten den Behörden raten, ist unklar.

Gemeindepräsident Féraud drückte an der Medienkonferenz nebst den umstrittenen Aussagen auch mehrfach seine Betroffenheit aus. Unter anderem sagte er: «Ich werde die Last und die Trauer der Familien mein ganzes Leben lang tragen.» Einen Rücktritt schloss er aus, man verlasse ein Schiff nicht in der «Mitte des Sturms». (con, watson)