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Crans-Montana

Die brandgefährliche Kombo in Nachtclubs: Pyrotechnik und leicht entzündliches Material

Der Brand in Crans-Montana reiht sich in eine Serie von fatalen Bränden in Diskotheken und Nachtclubs. Fast alle haben die gleiche Ursache. Sind die Brandschutzvorschriften zu lasch?

Die Schweiz steht unter massiver Kritik wegen lascher Brandschutzvorschriften. So bemängelte der italienische Brandschutzexperte Antonio Bandirali die Sicherheitsvorkehrungen der Bar «Le Constellation» unmittelbar nach dem Brand in Crans-Montana, bei welchem in der Silvesternacht 40 junge Menschen starben. «In Italien wäre ein solches Desaster nicht möglich gewesen, weil wir Normen haben, um solchen Ereignissen vorzubeugen», sagte er zu italienischen Medien.

Vor der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana gedenken Angehörige den Opfern des Brandes.
Bild: Keystone

Da er eine Ferienwohnung in der Nähe der Bar in Crans-Montana besitzt, kenne er die Räumlichkeiten. Er habe im «Le Constellation» oft einen Kaffee getrunken.

Gefährdete Partypeople: Die lange Liste des Grauens

Die Aussage ist aus verschiedenen Gründen problematisch. Auch die Schweiz kennt strenge Vorgaben, um Menschen vor Feuer zu schützen. Die entscheidende Frage ist, inwiefern die Vorgaben umgesetzt und kontrolliert werden. Die Tragödie von Crans-Montana reiht sich zudem in eine Serie von Brandkatastrophen in Nachtclubs ein – und zwar weltweit. Es ist eine Liste des Grauens:

  • Erst Anfang Dezember 2025 haben elektrische Knallkörper einen Brand in einem Nachtclub in der Nähe von Goa (Indien) ausgelöst. Die Funken sprangen auf hochentzündliche Innendekoration über. Dem Feuer fielen 25 Menschen zum Opfer, 50 haben sich verletzt.
  • Im März 2025 brach im nordmazedonischen Nachtclub «Pulse» ein Feuer aus. An der Bühne befestigte Feuerwerkskörper entzündeten das Dämmmaterial an der Decke, das sofort Feuer fing. In Kočani starben 62 Menschen, 160 wurden verletzt.
  • Im Oktober 2023 hat an einer Party im südspanischen Murcia eine Bühnenfontäne einen Brand verursacht: Sie sprühte Funken mehrere Meter in die Höhe. An der Decke bildete sich zunächst dichter Rauch. Fehlende Brandmelder sowie blockierte Notausgänge führten zu 13 Toten und 25 Verletzten im Club «Fonda Milagros».
  • Im Sommer 2022 starben 30 Menschen, als die Decke des thailändischen Nachtclubs «Mountain B» südlich von Pattaya brannte. Das Feuer wurde mutmasslich durch einen Kurzschluss ausgelöst.

Nachtclubs werden bei offenem Feuer zu Todesfallen

Grossbrände in öffentlichen Etablissements gab es bereits Anfang des 19. Jahrhunderts. Damals lösten Gaslampen und Kerzen die Feuer aus, etwa in Theatern. Heute sind es Wunderkerzen oder Bühnenfontänen.

Trotz wachsender Erfahrung und breitem Wissen über die Risiken starben alleine seit 2000 deutlich mehr als tausend Menschen wegen Bränden in Nachtclubs. An Partys oder Konzerten tummeln sich viele Menschen auf kleinem Raum. Wenn dann Fluchtwege zu eng oder versperrt sind, die Löschanlage nicht funktioniert oder die Räume überbelegt sind, steigt die Opferzahl rasant.

Zu den tödlichsten Bränden in Nachtclubs zählt jener in der brasilianischen Stadt Santa Maria 2013, wo im «Kiss» 242 Menschen starben. In Buenos Aires, Argentinien, kamen 2004 bei einem Brand im «República Cromañón» 194 Menschen ums Leben. Fünf Jahre später, 2009, starben in Russland 156 Menschen im «The Lame Horse». Und in Bukarest kamen 2016 bei einem Heavy-Metal-Konzert im Nachtclub «Colectiv» 64 Menschen ums Leben.

Bis auf den Brand des erwähnten Nachtclubs in Thailand verursachten jedes Mal sprühende Funken von Pyrotechnik den tödlichen Brand: Sie entzündeten leicht brennbares Dämmmaterial, Decken oder Innendekor. Wie schnell sich Funken von Pyrotechnik in Innenräumen ausbreiten, ist spätestens seit dem Feuer im Nachtclub «The Station» in West Warwick (USA) genau erforscht.

2003 entfachte eine Bühnenfontäne zu Beginn eines Konzerts einen Grossbrand: Funken sprangen auf das Dämmmaterial an Wänden und Decken über, innert 70 Sekunden hat sich das Feuer im Saal ausgebreitet, nach sechs Minuten stand das ganze Haus in Brand. 100 Menschen kamen ums Leben, 230 weitere wurden verletzt.

Die sich wiederholenden Tragödien in Nachtclubs veranlassten die US-Brandschutzbehörde (National Fire Protection Association, NFPA), die Ursachen des Feuers genauer anzuschauen – und die Brandschutzvorgaben zu überprüfen.

Die Parallelen der tödlichen Brände sind frappant, in allen Fällen zeichnet sich das gleiche Muster ab: eine offene Flamme, brennbare Innenausstattung, unzureichende Fluchtwege und Überbelegung des Lokals. «Diese Umstände führten zu grossen Verlusten an Menschenleben», schliesst der NFPA-Bericht - und gibt zehn Empfehlungen ab. Darunter Sprinkleranlagen für Nachtclubs, ein Verbot entflammbarer Innendekoration, eine stark eingeschränkte Nutzung von Pyrotechnik in Innenräumen, schärfere Regeln für die Belegung und bessere Fluchtwege.

Das sehen die Schweizer Brandschutznormen vor

Ist dieses Wissen etwa nicht über den Atlantik geschwappt? Eine Umfrage von CH Media zeigt, Experten kennen die besonderen Brandrisiken in Nachtclubs. Sie nennen offene Feuer, brennbare Dekoration und Überbelegung.

Laut den kantonalen Gebäudeversicherungen, die in der Schweiz auf Behördenseite für den Brandschutz zuständig sind, verfüge die Schweiz «grundsätzlich über eines der weltweit höchsten Sicherheitsniveaus im Brandschutz», wie sie auf Anfrage angeben.

Wie das inhaltlich aussieht, zeigen 18 Richtlinien, die den Brandschutz schweizweit regeln:

  • Die Brandschutzrichtlinie Flucht- und Rettungswege gibt vor, wie viele Ausgänge ein Raum abhängig von der Personenbelegung haben muss. Bis maximal 50 Personen reicht in einem Raum ein Fluchtausgang von 0,9 Metern. Bis maximal 100 Personen braucht es mindestens zwei Fluchtausgänge. Ab 100 Personen braucht es einen zweiten unabhängigen Fluchtweg. Ab 200 Personen müssen die Notausgänge breiter sein (1,2 Meter).
  • Die Brandschutzrichtlinie Brandverhütung gibt vor, dass pyrotechnische Gegenstände nur so abgebrannt werden dürfen, dass für Personen und Sachen keine Gefährdung entsteht. Für die meisten Feuerwerkskörper braucht es für die Verwendung in Innenräumen eine Bewilligung der zuständigen Behörde.
  • Weiter macht die Brandschutzrichtlinie Baustoffe Vorgaben zu der Verwendung brennbarer Materialien für den Innenausbau. Diese dürfen nur verwendet werden, wenn sie nicht zu einer unzulässigen Gefahrenerhöhung führen. Als Gefahren werden namentlich genannt: Brennendes Abtropfen, gefährliche Brandgase, hohe Personenbelegung.

Weitere Brandschutzrichtlinien regeln die Löscheinrichtungen sowie Sprinkler- und Brandmeldeanlagen. Diese Brandschutzvorschriften sind schweizweit gültig und enthalten klare sicherheitstechnische Vorgaben für unterschiedliche Gebäudearten und deren jeweilige Nutzung. Je nach Zahl der Gäste (Personenbelegung) kann die Brandschutzbehörde weitere Massnahmen verlangen wie eine Evakuationsorganisation oder eine Brandmeldeanlage.

Die Gefahren sind bekannt: Es folgt das grosse Aber

Während die Vorgaben nationale Gültigkeit haben, fallen Umsetzung und Kontrolle in Kantons- oder Gemeindehoheit. Und das ist der springende Punkt. Der Gemeindepräsident von Crans-Montana räumte ein, die Kontrollen vernachlässigt zu haben. Damit ist die Gemeinde nicht alleine, wie Recherchen zunehmend ans Licht bringen: Auch andere Behörden kommen den Vorgaben nicht nach.

Darum ist die erste Empfehlung der amerikanischen Brandschutzbehörde: eine «aggressive und wirksame» Umsetzung der Vorgaben, eine sorgfältige Dokumentation von Baugesuchen und Umbauten sowie genügend Personal für die Inspektionen sicherzustellen.

Der Brand in Crans-Montana ist insofern ein Weckruf: Die zuständigen Schweizer Behörden werden genauer hinschauen müssen - und ihren Pflichten endlich nachkommen.

Ob das genügt? Dass die tragischen Brände und die vielen Todesfälle meist auf dieselben Versäumnisse zurückzuführen sind, lässt auch die amerikanische Behörde ratlos: Seit Generationen gebe es klare Vorschriften und solide Schutzprinzipien. Ein Jahr nach dem Brand in den USA starben fast 300 Menschen in Argentinien in einem Nachtclub. Trotz Fortschritten ist der Kampf gegen die tödlichen Brände noch lange nicht gewonnen.

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