
Politisches Engagement auf sozialen Netzwerken wie Facebook treibt seltsame Blüten: Politiker jagen im Internet «Gefällt mir»-Klicks, fangen dabei aber nicht nur Wähler, sondern sogar ihre Kollegen auf der anderen Seite des politischen Spektrums ein.
So staunten Facebook-Nutzer am vergangenen Samstag nicht schlecht, als auf den Profilen von Linkspolitikern stand, dass ihnen die Facebook-Site des FDP-Nationalrats Filippo Leutenegger gefällt.
Mit der Sympathiebekundung verlinkt: Leuteneggers Kandidatur für das Zürcher Stadtpräsidium im nächsten Jahr.
Nicht einmal Zürichs amtierende Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) war davor gefeit. Auf ihrem von der Partei bewirtschafteten Profil stand bis gestern Abend zuoberst unter den «Gefällt mir»-Angaben der Name ihres Herausforderers.
Das, obwohl weder Mauch noch ihre Helfer den «Gefällt mir»-Button betätigt hatten. «Die Stadtpräsidentin hat Filippo Leuteneggers Facebook-Site nicht aktiv ‹geliked›», sagt Nat Bächtold, Sprecher der Zürcher Stadtpräsidentin.
Keine Absicht Leuteneggers
Unter Leuteneggers «Fans» tauchen auch die SP-Nationalrätinnen Bea Heim (SO), Nadine Masshardt und Evi Allemann (beide BE) auf.
Was ist passiert? Ist der FDP-Nationalrat, der Stapi werden will, auf Klickfang statt Stimmenfang?
Die Antwort liegt in einer Änderung, die Leutenegger Ende Woche vorgenommen hat. Bekannte Personen wie Leutenegger haben unverschämt viele Freunde auf Facebook.
Erreicht ihre Zahl aber 5000, schiebt Facebook den Riegel.
Der Ausweg: Nutzer können eine Site einrichten. Freunde haben sie in der virtuellen Welt dann zwar keine mehr, dafür aber Fans, die ihre Anhängerschaft mit «Gefällt mir»-Klicks zeigen.
Facebook wandelt die ehemaligen Freunde also in Anhänger um, ohne diese vorher zu informieren – was wiederum in deren Profil mit einem «Gefällt mir» auftauchen kann.
«Facebook-Freundschaften sind etwas anderes als ‹Gefällt mir›-Bekenntnisse», protestiert Evi Allemann, ehe sie auf «Gefällt mir nicht mehr» klickt. Allemann und Leutenegger kennen sich zwar nicht nur virtuell, sondern auch im realen Leben.
Für die SP-Politikerin ist ein «Gefällt mir»-Klick aber etwas anderes: Während die «Freundschaft» etwas über das gemeinsame Netzwerk aussage, sei ein «Gefällt mir» ein einseitiges Bekenntnis.
«Es suggeriert anderen, dass man aktiv einen Inhalt unterstützt. Ich aber würde Leuteneggers Stapi-Kandidatur nicht unterstützen», sagt Allemann. Niemals, so Allemann, würde sie von sich aus Leute zu ihren Facebook-Fans hinzufügen.
«Das war gar keine Absicht», sagt Leutenegger. Im Gegenteil: Leute hätten reklamiert, weil er ihre Freundschaftsanfragen nicht mehr bestätigen konnte.
Kein Einzelfall
In jüngerer Zeit haben mit Filippo Leutenegger gleich drei bürgerliche Politiker ihre Profile zugunsten einer Site geschlossen, weil die Limits ihrer virtuellen Freundschaftskreise erreicht worden waren.
So tauchen nicht nur unter Leuteneggers «Gefällt mir»-Rubrik Namen wie diejenigen der SP-Politikerinnen auf, sondern auch auf den Sites von Ruedi Noser (FDP) und Natalie Rickli (SVP).
«Wenn man sein Profil in eine Site umwandelt, funktioniert das halt so. Wenn einer kein Fan sein will, kann er sich ja unkompliziert abmelden», findet Rickli.
Ebenfalls kein Problem sieht Ruedi Noser: Er selber habe während der 1:12-Kampagne Beiträge von Cédric Wermuth auf seinen Facebook-Auftritt verlinkt, in dem er sie «geliked» habe. «Wer das Spiel Facebook mitspielt weiss im Übrigen, auf was er sich einlässt», so Noser.
Nadine Masshardt sieht auch eine Pflicht auf Seiten von Facebook. Sie fände es richtig, wenn Facebook vor dem Upgrade von «Freund» zu «Fan» informieren würde. Eine Anfrage um Stellungnahme bei Facebook blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
So bleibt Facebook-Nutzern, die nicht ungewollt in den Fängen von Politikern landen wollen, der Trost: Unliebsame «Gefällt mir»-Klicks können jederzeit rückgängig gemacht werden. Also: Regelmässig das eigene Aktivitätsprofil danach durchforsten.