Edelmetall

Brisanter Gerichtsfall in London: Mittendrin ist auch eine Schweizer Goldraffinerie

Die Familien zweier toter Mineure klagen an: Hätte die weltweit wichtigste Gold-Organisation intervenieren müssen, auch bei einer Tochterfirma einer Genfer Raffinerie?

Ihren letzten grossen Auftritt hatte die Genfer Goldraffinerie MKS-Pamp im Weissen Haus. Das war im November 2025, als das «Team Switzerland» Donald Trump mit einem 1-Kilo-Goldbarren und einer Rolex umschwärmte. Vor dem US-Präsidenten sass damals auch Marwan Shakarchi, Chef der MKS-Pamp-Gruppe. Die Firma ist eine der führenden hiesigen Goldraffinerien.

Nächsten Mittwoch steht Shakarchis Firma erneut im globalen Rampenlicht – diesmal allerdings nicht mehr im glänzenden Oval Office, sondern im Londoner High Court. Die Genfer Raffinerie-Gruppe ist zwar selbst nicht angeklagt. Dennoch spielt eine ihrer Tochterfirmen eine wichtige Rolle in einem bisher einmaligen Gerichtsfall. Darin geht es um die wichtigste Gold-Organisation der Welt, die London Bullion Market Association (LBMA). Und um die Frage: Hätte sie den Tod zweier Kleinmineure in Tansania verhindern können?

Brutale Polizeigewalt

Die Ereignisse, die nun verhandelt werden, fanden rund 7000 Kilometer von London entfernt statt. Dort, in Tansania, Region Mara, betreibt der kanadische Minenkonzern Barrick zusammen mit der tansanischen Regierung eine Goldmine. Sie gilt als Hochrisiko-Gelände. Immer wieder kommt es zu gewaltsamen Konflikten.

Diese rühren daher, dass viele Bewohner in dieser Region Gold auf dem Minengelände schürfen. Sie taten dies bereits vor Ankunft des kanadischen Konzerns und des Vorbesitzers der Mine. Doch nun sind solche Suchexpeditionen illegal. Wobei: In der Praxis lassen Polizisten oder auch Minenarbeiter die Kleinschürfer gerne aufs Gelände – gegen ein Bestechungsgeld.

Am 1. Juli 2019 zeigte die Polizei weniger Rücksicht. An diesem Abend stieg der 23-jährige A. – in der Anklage ist sein Name anonymisiert – in die Mine, um nach Goldresten zu suchen. Um 22 Uhr tauchten Polizei sowie Sicherheitsleute auf, um die Goldsucher zu vertreiben. Die Männer schossen in die Menge und setzten Tränengas ein.

A. konnte fliehen, doch die Polizisten verfolgten ihn. Als sie ihn stellten, misshandelten sie ihn brutal. Zudem erlitt er eine Schusswunde. A. starb schliesslich an Blutverlust. Dasselbe Schicksal ereilte B., ebenfalls ein 23-jähriger Kleinmineur auf der Suche nach Gold. Im Dezember 2019 schossen ihm die Sicherheitskräfte bei einer ähnlichen Aktion in den Rücken.

Hätten die Todesfälle verhindert werden können?

Was haben diese beiden Todesfälle nun mit der weltweit wichtigsten Gold-Organisation und mit der Schweiz zu tun? Sehr viel, finden die Kläger. Die Familien der Opfer argumentieren mithilfe einer renommierten Anwaltskanzlei, die LBMA hätte die Gewalttaten verhindern können.

Die Argumentation ist mehrstufig und geht grob so: Die Organisation hätte die Raffinerie, die das Gold aus Mara verarbeitete, nicht mehr mit ihrem Qualitätslabel «Good Delivery» versehen dürfen. Das hätte dazu geführt, dass die Minenbetreiber wie die Raffinerie ihre Produkte nicht mehr auf den Markt hätten bringen können. Und das hätte schliesslich genügend Druck auf die Firmen erzeugt, die Gewalt in Mara zu stoppen oder die Mine so lange zu schliessen, bis sich die Situation verbessert hat.

Da aber die LBMA an der Zertifzierung festhielt, fordern die Familien jetzt Schadenersatz. Sie sind überzeugt: Wenn die Organisation durchgegriffen hätte, wären die beiden Kleinmineure noch am Leben.

In dieser Argumentation spielt die Genfer MKS-Pamp-Gruppe eine zentrale Rolle. MMTC-Pamp, ein Zusammenschluss der Genfer Firma und eines indischen Staatskonzerns, verarbeitet seit 2013 Gold aus der Mine in Tansania. Die Firma erhielt ab dem Folgejahr jährlich das «Good Delivery»-Gütesiegel der LBMA. Es ist gewissermassen der Goldstandard für Goldbarren: Neben Gewichts- oder Reinheitsvorgaben gehören auch Abklärungen zu Menschenrechtsverletzungen dazu.

Mit dem Segen der LBMA gelangte gemäss Klageschrift somit Gold aus Mara, raffiniert in Indien, auf den Weltmarkt, auch nach den Vorfällen im Jahr 2019. Der Vorwurf der Kläger lautet deshalb, dass die LBMA dem schweizerisch-indischen Konsortium das Label hätte entziehen müssen. Oder zumindest damit drohen müssen.

Für die renommierte Institution LBMA, deren Ursprünge bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen, steht viel auf dem Spiel. Denn ihr Qualitätszeichen für handelbare Goldbarren à 400 Unzen (12,4 Kilogramm) ist nicht nur weltweit anerkannt. Es ist auch der Türöffner zum wichtigen Goldhandelsplatz in London. Nur wer das Siegel besitzt, kann dort mitmachen. Jede Woche wird in London Gold im geschätzten Wert von 230 Milliarden Dollar gehandelt.

Es droht eine Klagewelle

Die LBMA sieht sich nun in ihrer Existenz bedroht, sollten die Kläger aus Tansania erfolgreich sein. Dann könnte, so fürchtet die Institution, eine regelrechte Klagewelle anrollen. Jede Person, die in einer Mine zu Schaden kommt, könnte demnach gegen die LBMA vorgehen. Und das, obwohl sie selbst gar keine Minen zertifiziert, nur Raffinerien. Tatsächlich gibt es bereits 30 Personen, die sich einer weiteren Klage angeschlossen haben, wie die britische Anwaltskanzlei Leigh Day mitteilt. Ihre Forderungen sind zurückgestellt, bis der aktuelle Fall abgeschlossen ist.

Grundsätzlich stellt sich die LBMA auf den Standpunkt, sie könne keine Verantwortung für Vorgänge in einer Mine übernehmen, die Tausende Kilometer entfernt sei. Zudem bestreitet sie, dass sie durch den Entzug des «Good Delivery»-Status etwas hätte bewirken können. Die Kausalkette der Kläger findet sie nicht überzeugend.

Die schweizerisch-indische Raffinerie MMTC-Pamp schreibt auf Anfrage, man folge den Vorgaben der LBMA. Diese bestünden aus einem fünfstufigen Verfahren der Staatengemeinschaft OECD, um verantwortungsvolle Lieferketten sicherzustellen und Konfliktmineralien zu identifizieren. Zudem werde man jährlich von einer unabhängigen Stelle kontrolliert. Gemäss der Klageschrift ist dies die Firma EY in Genf.

Die Raffinerie blieb auch nicht gänzlich untätig. Sie beauftragte 2020 eine unabhängige Beratungsfirma, um die Situation in der Mine zu überprüfen. Diese empfahl MMTC-Pamp und dem Minenbesitzer Massnahmen. Diese führten zu Verbesserungen, wobei die Polizeigewalt ein Problem blieb. Die Raffinerie versprach, weitere Massnahmen zu ergreifen, gleichzeitig aber weiterhin Gold aus der Mine zu beziehen. Die LBMA begrüsste dieses Vorgehen und behielt die Raffinerie auf der «Good Delivery»-Liste.

Der Prozess in London ist bis zum 20. November angesetzt. Er dürfte weit über die Goldwelt hinaus Beachtung finden. Denn es geht auch um die grundsätzliche Frage, welche Verantwortung Rohstofflabels bei Menschenrechtsverletzungen tragen. Solche Zertifizierungen gibt es nicht nur in der Goldindustrie, sondern auch bei Kakao, Palmöl oder Kaffee.