Schülerproteste

«Friedlich zu demonstrieren ist nutzlos»: Frankreichs Schüler gehen auf die Barrikaden

Hunderte von Festnahmen, Dutzende von Verletzten: In Frankreich eskalieren die Proteste an den Mittelschulen. Auch Universitäten werden erfasst. Augenschein in einem Banlieue-Gymnasium.

An der Mittelschule in Cachan fällt der Unterricht an diesem Donnerstag aus: Der Eingang zu dem Lycée Polyvalent südlich von Paris ist um 8 Uhr morgens durch ein mannshohes Feuer versperrt. Schwarz gekleidete Jugendliche schaffen aus dem umliegenden Wohnviertel brennbares Material herbei: Kehrrichttonnen, Holzpaletten, Leihräder. Ab und zu knallt es ohrenbetäubend, wenn ein in die Flammen geworfener Feuerwerkskörper explodiert. Dann rennen die vielen hundert Gymnasiasten schreiend und kreischend los.

Nach ein paar Minuten kehren sie vor das Schulportal zurück, das sie nicht den Polizeikräften überlassen wollen. «Wir sperren die Schule, bis wir mehr Mittel und Lehrer erhalten», erklärt eine Schülerin der Terminale-Klasse, der letzten vor der Matura. Die schwer ausgerüsteten Bereitschaftspolizisten warten oben an der Avenue du Président Wilson, unten wartet die Feuerwehr.

Ähnliche Szenen wiederholen sich seit einer Woche vor rund 400 der insgesamt 3700 französischen Gymnasien. Am Donnerstag griffen die Proteste erstmals auf 30 Universitäten über. Begonnen hatten die Demos letzte Woche in einem Lycée in Créteil. Rasch erfassten sie andere Vorortsschulen wie in Cachan.

Eine andere Gymnasiastin in Cachan erklärt, ihre Klasse warte seit dem Schulbeginn vor einem Monat auf ihre erste Spanischstunde – mangels Lehrpersonal. «Unser Lycée hatte noch vor zwei Jahren einen guten Ruf, die Erfolgsquote lag höher als in der Umgebung», sagt die Teenagerin mit einer US-Flagge auf dem Pullover. «Jetzt ist die Matura-Quote auf unter 90 Prozent gesunken. Wegen des Lehrermangels sind wir in einzelnen Fächern bis zu 40 in einer Klasse – und neuerdings oft bei mehr als 30 Grad.»

Das Klassenzimmer sei völlig heruntergekommen, berichtet ihre Kollegin. Direkt über ihrer Schulbank klaffe ein grosses Loch in der Decke. «Ich habe Angst, dass mir ein Stück auf den Kopf fällt.» Die Dritte im Bund sagt, am schlimmsten seien die Ratten auf dem Schulareal.

Erstaunlicherweise hat die Protestwelle auch gut betuchte Pariser Gymnasien erfasst, wo bessere Unterrichtsbedingungen herrschen. Im bekannten Lycée Colbert in Paris hätten die Schüler mit Spruchbändern ihre Solidarität mit den Banlieue-Gymnasien erklärt, freut sich ein Mittelschüler in Cachan. Dort richtet sich ein einziges Kartonschild gegen Parcoursup. So heisst die umstrittene Hochschul- und Ausbildungs-Plattform, die der breiten Masse an Schulabgängern meist nur schlechte Perspektiven zu bieten hat. In Frankreich liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 20,7 Prozent, höher als in Deutschland, Grossbritannien oder Italien.

Und die Brandstiftung, die Gewalt? «Nur wer auf den Putz haut, erreicht in Frankreich etwas», meint ein 18-Jähriger vor dem blockierten Lycée von Cachan. «Friedlich zu demonstrieren ist nutzlos.» Mit vermummten Brandstiftern und Rädelsführern zu sprechen, ist für Journalisten zu riskant: Diverse TV-Teams sind bei den Protesten schon angegriffen worden.

In der «heissen» Banlieue im Nordosten von Paris hat der Mob Lehrer tätlich angegriffen oder mit dem Tod bedroht. In Toulouse wurde ein Lehrer zu Boden geworfen und malträtiert, als er mit dem Feuerlöscher einen Brand löschen wollte. Das Video ging viral. In Cachan will es niemand gesehen haben.

Kommt es zum Verbot der Linkspartei?

Bildungsminister Edouard Geffray verurteilt die «unsägliche Gewalt» gegen schulische Einrichtungen und Lehrer. Polizeigewerkschafter behaupten, nicht alle Randalierer seien Mittelschüler. Der Fernsehsender TF1 verortete einige Trittbrettfahrer in der ultralinken Szene und der Partei La France insoumise (LFI) des Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon. Der beklagt die «Rohheit der Polizei» gegen die Schüler, im offenen Versuch, die Proteste für seine Wahlkampagne zu vereinnahmen. Im Pariser Vorort Saint-Denis mischte sich LFI-Bürgermeister Bally Bagayoko unter die Protestierenden – und er sagte unumwunden: «Gewaltanwendung kann auch legitim sein.»

Der Präsidentschaftskandidat der konservativen Republikaner, Bruno Retailleau, verlangte darauf ein Verbot der Partei LFI. Die Rechtspopulistin Marine Le Pen warf Mélenchon vor, er ziehe im Hintergrund die Fäden dieser «urbanen Gewalt».

Vor dem Lycée in Cachan bekennt sich niemand zu Mélenchon. «Wir können selber denken», sagte am Donnerstag ein Gymnasiast. «Dafür brauchen wir keine Politiker.»

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