Deutschland

Weg vom Softie-Image: Bei den Grünen sind Männer mit Muskeln und BMW plötzlich erwünscht

Ein neues «Männermanifest» der deutschen Grünen bejaht auch starke Typen, die pumpen. Damit wollen sie jungen, rechten Wählern ein Angebot machen. Nicht alle in der Partei sind einverstanden.
Feminist mit Muskeln: Grünen-Politiker Theo Löcker aus Wien.
Bild: Tageszeitung Heute

Die Anstrengung sieht man Theo Löcker auf seinen Videos in sozialen Medien gelegentlich an. Aber, wie heisst es so schön: «Ohne Schweiss kein Preis.» An seinem Training lässt der Grüne Landtags- und Gemeinderatsabgeordnete aus Wien auch die Öffentlichkeit teilhaben.

Immer wieder postet der 22-Jährige, wie er im Fitnessstudio sein Workout durchzieht. Dazu spricht Löcker über Feminismus, der für ihn eine Selbstverständlichkeit ist.

Das kommt nicht nur bei jenen gut an, die ihm folgen. Auch einigen deutschen Grünen gefiel diese Kombination und so haben sie Löcker eingeladen, an ihrem neuen Manifest für «moderne Männlichkeit» mitzuarbeiten.

Nun ist das Papier der 15 Abgeordneten erschienen, und es wirbt für einen neuen Blick auf Männer. Weg vom Softie-Image wollen die Grünen, weg vom Klischee, dass Grüne Männer zwar aufs Lastenfahrrad steigen, aber keine Langhantel in die Hand nehmen.

«Wir wollen moderne Männlichkeit. Moderne Männlichkeit ist keine Absage an Stärke», heisst es im Manifest. Ob auf Grünen Wahlplakaten bald «Muckis & Müsli» beworben werden, fragte das Satiremagazin quer vom BR (Bayerischer Rundfunk) augenzwinkernd und machte noch einen weiteren Vorschlag für einen neuen Slogan: «Pain ist Temporary, Climate is Forever.» (Schmerz ist vergänglich, das Klima bleibt für immer)

Der österreichische Grünen-Abgeordente Theo Löcker beim Training - er inspirierte auch seine deutschen Parteifreunde.
Bild: zvg

Darüber kann sich auch Löcker amüsieren. Doch ihm ist es ernst mit seiner Botschaft. «Ich will zeigen: Auch Männer mit Muskeln sollen Feministen sein. Ich selbst pumpe gerne und bin selbstverständlich Feminist», sagt er.

Auch im Manifest, das von Parteichefin Franziska Brantner unterzeichnet worden ist, werden (vermeintliche) Gegensätze angesprochen: «Moderne Männlichkeit ist inklusiv.» Sie sagt: «Es gibt unendlich viele Wege, ein Mann zu sein. (...) Du kannst Muskeln aufbauen oder Poetry Slams schreiben. Du kannst Fußball schauen oder tanzen gehen, und sogar beides.» Co-Parteichef Felix Banaszak erklärte im «Playboy»: «Du kannst Lastenrad fahren oder BMW X3.»

«Echte Männer sind rechts, dann klappt es auch mit der Freundin»

Entstanden ist das Manifest, weil die Grünen eineinhalb Jahre nach der Bundestagswahl immer noch auf der Sinnsuche sind. Im Februar 2025 sanken sie, im Vergleich zur Wahl 2021, von 14,7 auf 11,6 Prozent.

Besonders schmerzhaft für sie: Junge wandern ab, die AfD hingegen konnte bei diesen punkten. Während die Grünen in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen bei der Bundestagswahl nur von zehn Prozent gewählt wurden, konnte die AfD dort 21 Prozent erreichen.

«Viele junge Männer driften nach rechts ab. Diese sind für Grüne eine Zielgruppe, die schwierig zu erreichen ist», sagt Löcker. Bei der AfD quält man sich mit dem Männerbild nicht so wie bei den Grünen. «Echte Männer sind rechts, echte Männer haben Ideale, echte Männer sind Patrioten, dann klappt es auch mit der Freundin», hat es der AfD-Bundestagsabgeordnete Maximilian Krah einmal formuliert.

«Wir haben vergessen, ein Angebot zu machen, was Männlichkeit stattdessen sein kann. Wir haben ein Vakuum geschaffen, und in dieses Vakuum strömen jetzt die alten Bilder zurück», klagen hingegen die Grünen.

Der Grüne Bundestagsabgeordnete Anton Hofreiter, der jetzt boxt, beschreibt das Dilemma seiner Partei im «Spiegel» so: «Im progressiven Lager wird Männlichkeit automatisch mit dem Begriff toxisch verbunden. Männer werden pauschal für das, was sie sind, abgelehnt und nicht für das, was sie sagen oder tun. Es gibt im linken Lager kein positives Bild moderner Männlichkeit.»

Das aber soll sich nun ändern. «Mir folgen in den sozialen Medien zum Grossteil junge Männer. In deren Bubble will ich hineinwirken. Wir Grüne dürfen diese jungen Männer bei ihrer Suche nach einer positiven Männerrolle nicht den Rechten überlassen», meint Löcker, der dreimal wöchentlich Calisthenics, also Training mit dem eigenen Körpergewicht, praktiziert.

Er berichtet von grossem Zuspruch: «Mir schreiben Menschen, die viel mit jungen Burschen mit verkapptem Männlichkeitsbild arbeiten, dass sie mit ihnen über meine Fitnessvideos zu Diskussionen über Feminismus kommen.»

Er wurde auch schon gefragt, ob Männer mit Muskeln bei den Grünen überhaupt willkommen seien. Löckers Antwort: «Ja selbstverständlich, wenn ihr euch für Gleichberechtigung und Frauenrechte einsetzt.»

Heftige Kritik aus den eigenen Reihen

Der «Spiegel» allerdings berichtet, dass das Manifest in der Sitzung der Grünen Bundestagsfraktion heftig diskutiert worden sei. Mehrere Teilnehmerinnen und Teilnehmer hätten Kritik geübt. Tenor: Man müsse junge Männer in Sportvereinen und Kraftsportzentren erreichen – aber nicht mit solchen Papieren.

Der «Spiegel» schreibt, es hätten sich unter anderem die Grünenparlamentarierinnen Lena Gumnior, Ulle Schauws und Kirsten Kappert-Gonther geäussert. «Die Mehrheit der Meinungsäusserungen war so zu verstehen, dass das nicht unser Männerbild ist, was da niedergeschrieben wurde», habe es in der Fraktion geheissen. Und: «Jetzt wollen wir über unser Männerbild reden, das ist neben der Spur.» Das Papier sei «gut gemeint, aber zu kurz gedacht».

Beklagt wurde auch, dass das Manifest möglicherweise Frauen abschrecken könnte. Und dass es generell vor den Landtagswahlen im Osten (Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin im September) schaden würde, da das Land andere Probleme habe als ein neues Männerbild. Etwa die Zukunft der gesetzlichen Krankenversicherung, den Klimawandel und die wirtschaftliche Lage Deutschlands.

Möglicherweise haben sich einige an die Debatte zum «Veggie-Day» vor der Bundestagswahl 2013 erinnert. Damals forderten die Grünen einen fleischlosen Tag pro Woche in öffentlichen Kantinen, was ihnen – Stichwort Bevormundung – viel Kritik eintrug. Bei der Bundestagswahl verloren sie und kamen nur noch auf 8,4 Prozent.