
Dalia hat das typische Leben einer Schweizer Milchkuh gelebt. Sie kam am 27. November 2015 als Tochter der Delphine zur Welt, die mit Spermien des Zuchtmunis Shark besamt worden war. Knapp zwei Jahre dauerte die Aufzuchtzeit als Kalb und Rind, das war ihre Kindheit und Jugendzeit.
Mitte 2017 wurde sie erstmals besamt. Nach etwas mehr als 9 Monaten Tragezeit gebar sie am 27. April 2018 ihr erstes Kalb – fortan lieferte sie Milch. Und das nicht zu knapp: 27 bis 28 Kilo pro Tag, etwa 8500 Kilo pro Jahr. Rund alle 400 Tage brachte Dalia ein weiteres Kalb zur Welt, um weiter Milch zu liefern. Insgesamt gegen 65'000 Kilo, rund 63'000 Liter.
Das ist ihre Lebensleistung.
«Nun muss ich Dalia beim Metzger anmelden», sagt Christoph Haefely. Er sagt das schweren Herzens. Der 34-jährige Landwirt steht im Stall im solothurnischen Hägendorf und krault Dalia am Kopf. Soeben ist der Futterroboter vorbeigefahren und hat eine Mischung aus Heu, Maissilage und Gras abgeladen. Die Kuh frisst entspannt. «Sie hat einen guten Charakter, hat sich in der Herde gut verhalten», sagt Haefely.
Klar: Am Ende wird jede Kuh geschlachtet, es ist das Schicksal sämtlicher Nutztiere. Doch im Fall von Dalia kommt der Gang zur Schlachtbank früher als geplant. «Eine oder zwei Laktationen hätte sie noch gehabt», sagt Haefely, «ein bis zwei zusätzliche Jahre.»
Viele Kühe landen bei Mc Donald's
Auf seinem Betrieb produziert der junge Landwirt so viel Futter wie möglich selbst: mit Naturwiesen und auf Feldern mit Fruchtfolge, wo er Kulturen mit Luzerne und gehaltvollen Futtergräsern ansät. Doch nun macht ihm die Trockenheit einen Strich durch die Rechnung. Wie so viele andere Bäuerinnen und Bauern sieht er sich gezwungen, seinen Tierbestand zu reduzieren.
«Wir haben hier zwischen 10 und 30 Zentimeter Erde, danach kommt der Fels», erklärt Haefely auf dem Feld vor dem Stall, «aber jetzt ist alles staubtrocken». Die Grashalme sind welk, wo kein Bewuchs ist, wirkt der Boden wie zubetoniert. Bloss ein paar Löwenzahnblätter sind noch grün, «Tiefwurzler ohne nennenswerten Nährwert».
Seit Wochen konnte Haefely kein Gras mehr schneiden. Immerhin verfügt er noch über Reserven im Silo und auf dem Heustock, zukaufen musste er bisher nicht. «Im Vergleich zu den Betrieben auf den Jurahöhen sind wir trotz allem gut dran.» Für Betriebe, die ausschliesslich Naturwiese haben, ist die Lage noch viel prekärer, dort stellt sich die Frage: «Futter zukaufen oder Tiere abgeben?» noch dringender.
In den Zahlen der Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft Proviande finden sich Hinweise, wie dramatisch die Lage ist. Im Juli wurden in der Schweiz 16'889 Kühe geschlachtet, über 5000 mehr als im Juli 2025, plus 45,7 Prozent. Und die Wochenzahlen im August zeigen, dass die Entwicklung so weitergeht. Wobei für die Zunahme nicht allein die Trockenheit der Grund ist, wie ein Sprecher bei Proviande sagt: Es besteht ein Überangebot an Milch, der Milchpreis ist tief – auch das veranlasst viele Bauern, ihren Bestand zu reduzieren.
Immerhin: Beim Fleischpreis sind die Auswirkungen bisher überschaubar. 10,20 Franken pro Kilo Lebendgewicht erhält ein Bauer für eine Kuh wie Dalia. Das sind zwar 10 Rappen weniger als in der Vorwoche, im langjährigen Vergleich sei es aber ein sehr guter Preis, heisst es bei Proviande. Zu verdanken ist das der hohen Nachfrage nach Schweizer Rindfleisch, nicht zuletzt von Fastfoodketten: Gerade ältere Tiere landen oft in Hamburgern. Mc Donald's setzt möglichst auf Schweizer Fleisch – und für Big Mac & Co. ist günstiges Kuh-Ghackets bestens geeignet.
Haefely, dessen Hof am Jurasüdfuss liegt, hofft weiterhin auf Regen. Die Wetterprognose für nächste Woche stimmt ihn optimistisch. Er hat bereits mehrere Felder bearbeitet, die Oberfläche leicht aufgekratzt, damit das Regenwasser – wenn es denn fällt – versickern kann und nicht oberflächlich abfliesst. «Wenn es regnet, kann ich auf den Matten mit Luzerne schon in drei Wochen wieder Futter ernten, auf den Naturwiesen braucht es zwei bis drei Monate», erklärt er, «allerdings hatten wir bereits mehrmals Gewitter in Aussicht, und dann ist es doch trocken geblieben.»

Zuletzt wurden Bauern kritisiert, dass sie zu viele Tiere hielten und viel zu intensiv produzierten – deshalb seien sie jetzt nicht krisenresistent. Haefely hat es auch gehört, «aber es stimmt nicht». Auf seinem Betrieb hält er 1,3 Grossvieheinheiten pro Hektare, eine Grossvieheinheit entspricht einer Kuh. Würde er voll auf Viehwirtschaft setzen, wären bis drei Grossvieheinheiten möglich. «Das sieht bei anderen Betrieben ähnlich aus», sagt er, und betont: «Normalerweise kann ich Futter verkaufen.»
Klaue am Hinterbein ist Dalias Verhängnis
«Normalerweise», das Wort fällt mehrmals. «Normalerweise» ersetze er in seiner sechzigköpfigen Herde pro Jahr zwölf alte Milchkühe durch Jungtiere. Nun gibt er vorerst zwei zusätzliche Tiere vorzeitig ab: Nebst Dalia ist das Lorena, die mit dem Blauzungenvirus infiziert war und seither geschwächt ist.
Bleibt der Regen weiterhin aus, wird er weitere Kühe auswählen müssen. «Man schaut verschiedene Faktoren an: Wie ist die Milchleistung? Hat das Tier gesundheitliche Probleme? Muss ich damit rechnen, dass die Kuh nicht im ersten oder zweiten Anlauf trächtig wird? Und auch der Stammbaum kann eine Rolle spielen.»
Mit welchem Gefühl sieht Bauer Haefely dem Tag entgegen, an dem der Viehtransporter vorfährt, um Dalia abzuholen? «Es ist nie schön, wenn man ein Tier zum Metzger gibt – aber es gehört halt dazu.»
Dalia trifft es auch wegen ihrer Klaue am rechten Hinterbein, die eine Verletzung aufweist. Sie wurde zwar behandelt, doch ganz liess sich das Problem nicht beheben. «Für die Kuh fühlt es sich im Vergleich so an, als hätten wir einen Stein im Schuh.» Jetzt ist es nebst dem Alter einer der Faktoren, die gegen Dalia sprechen.
Das sei «normalerweise» kein Grund, das Tier zum Metzger zu geben, sagt Haefely. Normalerweise.



