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Erinnerungen

Als der Fisch eines einflussreichen Politikers im Aromat ertrank

Ich bin nicht nur ein Aromat-Kind, ich komme aus dem Aromat-Dorf. Und frage mich trotzdem, warum ein Gewürz plötzlich zur Frage der Identität wird.
Alle haben eine Meinung dazu: Aromat.
Bild: Laurent Gillieron/Keystone

Ich komme von dort, wo das Aromat herkommt. Das ist meine Standardantwort bei der Frage nach meiner Herkunft. Es ist Thayngen. Einer der grössten Grenzübergänge der Schweiz. Ein Tankmekka. Aber vor allem: die Heimat vom Aromat.

Thayngen ist das Dorf der Knorri. In meiner Erinnerung roch es dort ab und zu nach Knorr-Suppen. Ich gebe es zu, als Kind hatte ich eine Schwäche für ein Stück Zopf mit Butter und Aromat. Auf der Schulreise hatte ich jeweils ein Döschen mit dabei - für die Gurke. Denn ganz ehrlich: Gurken sind total überschätzt. Ist ja mehr Wasser als etwas anderes.

Nun ist es wieder in aller Munde, dieses Aromat. Denn der Unilever-Konzern kündigte an, einen Grossteil seiner Lebensmittelsparte dem weltweit grössten Gewürzhersteller McCormick zu verkaufen; darunter auch dieses Aromat aus Thayngen. Das Aromat wird also amerikanisch.

Der Basler Unternehmer Michael Oehl hat eine Petition lanciert. Zehntausend Personen haben sie unterschrieben. Sie fordern, dass der Produktionsstandort Thayngen gesichert wird und die Rezeptur von Aromat bestehen bleibt. Es soll geprüft werden, ob es Schweizer Käufer gäbe oder eine Schweizer Beteiligung möglich sei, bevor der Verkauf abgeschlossen ist.

Die Petition ist rührend. Und gleichzeitig irritierend. Knorr ist längst nicht mehr schweizerisch. Das Unternehmen hat mehrere Besitzerwechsel hinter sich. Zuletzt gehörte das Unternehmen Unilever - war also niederländisch/britisch.

Und wer noch weiter zurückschauen will: Knorr war ursprünglich ein deutsches Unternehmen, das 1907 eine Schweizer Niederlassung gründete – eben in Thayngen. 1940 war die Muttergesellschaft aufgrund des Zweiten Weltkriegs nicht mehr in der Lage, die Schweizer Niederlassung mit Fleischextrakt zu beliefern, der für die Herstellung von Suppen und vielem mehr unerlässlich war. Und genau dieses Problem verhalf dem Standort Thayngen zum Durchbruch.

Das Aromat besteht aus Speisesalz, Geschmacksverstärker, Hefeextrakt, Zwiebeln, Knoblauch, Gewürze sowie Sonnenblumen- und Palmöl, Antiklumpmittel und Pilzextrakt. Wobei der wichtigste Stoff Mononatriumglutamat (E621) heisst, ein Geschmacksverstärker. «Alles schmeckt mehr, fleischiger und am Ende: immer gleich. Mit «Umami» wird der Geschmack beschrieben - so ein Wort, das gerne von Leuten verwendet wird, die mal eine Kochshow im Fernsehen gesehen haben und in der Znüni-Pause bei einem Schinken-Käse-Sandwich etwas angeben wollen», schrieb ein geschätzter Kollege kürzlich in dieser Zeitung.

Erfunden wurde es 1953 von Walter Obrist, ehemaliger Küchenchef vom «Vitznauerhof». Im ersten Werbespot wurde es als «pikant und geschmackvoll wie eine Pariser Modeschöpfung, neuzeitlich wie ein Parkometer und praktisch wie ein Bankkonto» angepriesen.

Seit mehr als 70 Jahren gilt es als «Schweizer Kultgewürz». Gemäss einer Umfrage kennen es 96 Prozent der Bevölkerung. Der Hype um die Aromat-Chips von Zweifel Ende letzten Jahres liess erahnen, wie beliebt und kultig die Streuwürze noch immer ist.

Nur: Weshalb? Zum Aromat hat jeder und jede eine Meinung. Es ist so wie Cenovis, diese andere Gewürzmischung, welche Westschweizer besonders gerne auf ihr Butterbrot schmieren. Wie es Migros- oder Coop-Kinder gibt, gibt es Familien mit oder ohne Aromat. Und mit oder ohne Cenovis.

Aromat ist für mich ein Stück Kindheit, für viele andere auch. Die Dose hat einen hohen Wiedererkennungswert. Und wir Kinder der 80er Jahre kannten halt noch kein Kurkuma (obschon es dem Aromat die Farbe gibt). Wir kochten noch nicht mit Zatar, Kreuzkümmel oder Ras el-Hanout. Statt Soja-Sauce gab es – nicht bei uns! – Maggiwürze.

Knorr mag längst kein Schweizer Unternehmen mehr sein. Aber Aromat fühlt sich für viele noch immer so an.

Anekdoten dazu habe ich auch. Im Bundeshausrestaurant Galerie des Alpes staunten ein Kollege und ich nicht schlecht, als wir vor Jahren mit einem prominenten freisinnigen Politiker zu Mittag assen. Er hatte sich schnell entschieden: Salat ohne Sauce. Fisch ohne Sauce. Was für ein gesunder, ernährungsbewusster Kerl, dachten wir uns und staunten nicht schlecht, als der Salat kam. Der Herr zog aus der Tasche seines Vestons ein Aromatdösli hervor und bestreute den Salat kräftig. Als der Fisch kam, das gleiche Spektakel. Der Fisch ertrank im «gelben Gold der Schweiz».

Es soll Schweizerinnen und Schweizer geben, die in die Ferien eine Büchse Aromat mitnehmen. Im Gotthardhospiz gehörte das Aromat zu den meistgeklauten Dingen überhaupt. Wohl auch ein Stück als Medikament gegen Heimweh.

Aromat steht insofern auch für eine gewisse Einfachheit. Kein komplexer Gewürzschrank, keine endlosen Entscheidungen. Ein Griff, ein Geschmack.

Vielleicht ist es genau das, was viele daran festhalten lässt: In einer globalisierten Welt, in der alles überall verfügbar ist und nichts mehr eindeutig von irgendwo her kommt, wirkt so ein gelbes Dösli plötzlich wie ein Versprechen. Etwas Verlässliches. Etwas Eigenes.

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