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Interview

«Früher gab es Friedensmärsche, ich könnte mir Ähnliches vorstellen»: Der Armeechef im grossen Interview

Korpskommandant Benedikt Roos möchte eine Kundgebung für die Sicherheit. Die Krux: «Als Bundesangestellter kann ich keine Demonstration organisieren», sagt er. «Aber ich kann mithelfen.»
«Ursprünglich wollte ich Fussballprofi werden»: Benedikt Roos, neuer Chef der Armee.
Bild: Annette Boutellier

Sie sind seit 100 Tagen im Amt. Haben Sie sich schon an den Armeechef Benedikt Roos gewöhnt?

Benedikt Roos: Ein bisschen schon. Aber es ist noch immer irgendwie «strange», wie wir auf Berndeutsch sagen. Die Dimension ist deutlich grösser. Ich bin mir auch der Verantwortung bewusst.

Werden Sie anders behandelt?

Eindeutig. Man steht viel stärker in der Öffentlichkeit. Heute sprechen mich im Zug plötzlich Leute an, andere wollen Selfies machen. Rein beruflich erlebte ich keine riesige Überraschung. Ich war fünf Jahre für die Geschäftsführung der Armeechefs André Blattmann und Philippe Rebord zuständig.

Bevor Sie sich entschieden, als Armeechef zu kandidieren, sprachen Sie mit der Familie. Gab es Bedenken?

Die fast wichtigere Frage war: Kann ich das? Habe ich genug in meinem Rucksack?

Das fragten Sie sich?

Ja. Aber ich fragte auch andere Leute. Ich habe einen Politiker und einen Wirtschaftsvertreter in meinem persönlichen Umfeld. Als ich diese Frage mit Ja beantworten konnte, sprach ich mit der Familie. Das gab keine grossen Diskussionen. «Mach das», sagte sie. Die Familie steht zu 100 Prozent hinter mir.

Sie halten Ihr Familienleben bewusst privat?

Meine Partnerin hat mir gesagt, dass sie nicht in der Öffentlichkeit auftreten möchte. Das respektiere ich selbstverständlich.

Sie haben sich für Ihre Amtszeit einen Slogan gegeben: «Gemeinsam vorwärts»…

…es heisst: «Zusammen vorwärts». Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) hat das Motto «Gemeinsam vorwärts».

Haben Sie den Slogan selbst erfunden?

Ja. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir die Herausforderungen in der Schweiz – nicht nur die Sicherheitspolitik – nur zusammen angehen können. Ich sage sogar: Die Schweiz allein reicht nicht mehr. Wir können es nur gesamteuropäisch anpacken. Der Slogan ist geprägt vom Fussball.

Weshalb?

Ich bin leidenschaftlicher Fussballer. Ursprünglich wollte ich Fussballprofi werden.

Bei welchem Klub?

Natürlich bei den Berner Young Boys. Ich spielte in der 1. Liga beim FC Köniz. Im Fussball kann man nur als Mannschaft Erfolg haben. In einem Team gibt es verschiedene Rollen und gewisse Hierarchien. Ich definiere meine Rolle heute so: In der Mannschaft Armee bin ich der Captain, in der Mannschaft des Verteidigungsdepartements ein Mitspieler.

Relativieren Sie die Rolle des Armeechefs damit nicht zu sehr?

Unsere Gesellschaft hat ein grosses Bedürfnis nach Sicherheit. Es geht aber um mehr als nur um militärische Sicherheit. Deshalb finde ich auch die Aussage falsch, die Armee brauche mehr Geld. Richtig ist: Die Schweiz braucht mehr Sicherheit. Ich sehe mich nicht als Person, die diese Sicherheit allein garantiert. Dabei spielen auch viele andere Instrumente eine wichtige Rolle.

Die Armee lässt wieder Armeeangehörige zu, die ihren Dienst bereits fertig absolviert haben. Wie wichtig ist das?

Wer weiter Dienst leisten will, soll das können. Ich glaube aber nicht, dass wir damit 50’000 neue Armeeangehörige finden. Wir werden mit der Militärakademie eine Studie durchführen, um das Potenzial zu eruieren.

Wie werden die älteren Dienstwilligen integriert?

Das ist noch unklar. Aber wir müssen flexibel sein. Meldet sich ein Arzt, sollte er seine Funktion als Arzt auch im Militär wahrnehmen können.

Planen Sie auch, die Frauen besser in die Sicherheitsdiskussion einzubeziehen?

Das ist ganz wichtig. Ich tausche mich auch mit Frauen und Frauenverbänden aus. Frauen bringen eine andere Perspektive in das Sicherheitsverständnis ein. Sicherheit ist umfassend. Es geht zum Beispiel auch um die Gefahr, dass eine Cyberattacke das Gesundheitswesen lahmlegt. Ein Referat des Chefs des Nationalen Verbunds Katastrophenmedizin zur Katastrophe in Crans-Montana hat mir die Augen geöffnet: Mit 100 Schwerverletzten war unser System bereits am Anschlag.

An einem Vortrag in Frauenfeld betonten Sie, dass Sie sich eine Art Bewegung für die Sicherheit erhoffen.

Noch ist das eine Idee. Ich triggere damit aber alle, wo immer ich hinkomme.

Was stellen Sie sich vor?

Wir brauchen einen breiteren gesellschaftlichen Diskurs über Sicherheit. Es geht nicht um die Armee, sondern um die Schweiz. Ein solcher Diskurs lässt sich nicht mit Broschüren erreichen.

Sondern?

Mir schlugen schon Leute vor, die Armee solle wieder aufs Rütli gehen. Das fände ich aber übertrieben. Der Rütli-Rapport ist mit dem Zweiten Weltkrieg verbunden. Es kann aber auch etwas anderes sein. Da sind wir dran.

Was schwebt Ihnen vor?

Früher gab es Friedensmärsche. Ich könnte mir Ähnliches vorstellen. Einen Marsch für die Sicherheit vielleicht.

«Früher gab es Friedensmärsche. Ich könnte mir ähnliches vorstellen»: Benedikt Roos, Chef der Armee.
Bild: Annette Boutellier

Sie waren bisher nur an einer Demonstration: an jener für den F/A-18.

Genau. Sollte es eine Volksabstimmung zur Mehrwertsteuererhöhung geben, müssten wir schon überlegen, wie wir der Bevölkerung dieses Anliegen näherbringen. Alles, was mehr kostet, ist schwierig zu kommunizieren.

Wollen Sie diesen Sicherheitsdiskurs persönlich anstossen?

Als Bundesangestellter kann ich keine Demonstration organisieren. Das ist unmöglich. Aber ich kann mithelfen.

Milizverbände, Schützengesellschaften und Offiziersgesellschaft sollten das tun?

Nicht nur. Vielleicht sind es auch die Wirtschaftsverbände. Oder Verbände aus dem Gesundheitswesen.

Sie sind ja ein «Pänzeler»…

…man sieht das noch (zeigt auf eine Glasvitrine). Ich sage immer: Das ist meine «I Love Me Wall» (individuelle militärische Ausstellung von Medaillen und Plaketten, die Red.). Dafür habe ich zu Hause nichts, ausser ab und zu die Uniform (lacht).

In der Vitrine stehen auch Panzer.

Das sind Geschenke. (Der Mediensprecher zeigt auf andere Vitrinen mit Drohnen. Der Armeechef lacht.) Und dort gibt es auch ein Flugzeug.

Blutet Ihnen als ehemaliger Chef des Heeres das Herz, wenn Sie verkünden müssen, dass in den nächsten drei Jahren nur noch Systeme für Luftverteidigung und hybride Bedrohungen gekauft werden?

Es blutet mir nicht, weil die Boden-Luft-Verteidigung für die Bodentruppen zentral ist. Ohne diesen Schirm bewegt sich nichts mehr. Und wir müssen ehrlich sein: Mit der geopolitischen Lage hat die Bedrohung aus der Distanz eine ganz neue Dimension bekommen. Das ist eine ernsthafte Gefahr für die Schweiz.

An ihrer Medienkonferenz zu den ersten 100 Tagen sagten Sie zur Luftverteidigung: «Wir haben nichts, null.»

Das ist leider so. Gleichzeitig sind Drohnen, Marschflugkörper und ballistische Raketen die neue Realität. Wir müssen handeln. Und zwar schnell.

Es sieht aber schlecht aus: Die fünf Patriot-Systeme für die Luftverteidigung grosser Reichweite kommen wohl frühestens 2034.

Wir versuchen zu erreichen, dass sich die USA endlich verpflichten und uns mitteilen, wann wir die Systeme erhalten. Deswegen schauen wir uns jetzt schon nach Alternativen um.

Es braucht nun dringend eine Patriot-Alternative für grosse Reichweite?

Das ist absolut richtig. Was es komplex macht: Die ganze Welt braucht genau diese Systeme. Deshalb müssen wir Anzahlungen leisten. Das ist heute so. Sonst rutscht man bei den Lieferdaten nach hinten. Daran arbeiten wir. In den nächsten Monaten werden wir Klarheit haben.

Die USA kommunizieren zurzeit nicht einmal, wann sie die Patriot-Systeme liefern. Verhält sich so ein verlässlicher Partner?

Das spiegelt die geopolitische Lage. Die Bedrohung ist das Potenzial mal die Absicht. Die Absichten sind volatil geworden. Das ist eine neue Herausforderung. In der Konsequenz heisst das für mich: Wir müssen unser Glück wieder vermehrt in die eigenen Hände nehmen. Und zwar als Europa. Wir müssen die Abhängigkeiten von den USA reduzieren.

«Wir müssen unser Glück wieder vermehrt in die eigenen Hände nehmen»: Benedikt Roos, Chef der Armee.
Bild: Annette Boutellier

Sie sehen die USA kritisch?

Nein. Es ist nicht meine Aufgabe, eine politische Beurteilung abzugeben.

Am G7-Gipfel von Evian im Juni kommt in Genf erstmals das neue Drohnenabwehrsystem zum Einsatz. Wie funktioniert es?

Wir setzen das System ein zum Schutz der kritischen Infrastrukturen. Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Es handelt sich um ein System im elektromagnetischen Raum. Man kann damit die Verbindung des Drohnenlenkers zur Drohne unterbrechen oder die Drohne selbst übernehmen. Der elektromagnetische Raum ist aber nur ein Bereich der Drohnenabwehr. Sie ist komplex. Es braucht verschiedene Mittel für einen effektiven Schutz.

Die Schweiz will Angriffs- und Abwehrdrohnen selbst entwickeln. Wie weit sind Sie?

Armee und Armasuisse haben dafür mit ETH, EPFL und Start-ups die Taskforce Drohnen gegründet. Ziel ist es, ein Ökosystem aufzubauen. Wir haben bald erste Prototypen und werden sie testen. Unser Ziel ist es, 2027 die Industrieproduktion zu starten.

In der Ukraine gelten Drohnen schon nach drei Monaten als Schrott.

Die Ukraine und Russland entwickeln die Drohnen extrem schnell weiter. Der Krieg treibt die Innovation massiv voran.

Was heisst das für die Schweiz?

Wir können nicht ein Modell für die nächsten zehn Jahre einkaufen. Wir müssen ein System beschaffen, das wir testen und weiterentwickeln. Gibt es neue Technologien, integrieren wir sie. Deshalb können wir in Zukunft bei Beschaffungen nicht mehr konkret sagen, welche Drohne wir kaufen. Wie sie aussieht, zeigt sich erst später.

Das ist neu.

Ja. Bisher wollte man immer alles spezifiziert haben: Grösse, Gewicht, Geschwindigkeit. Das geht nicht mehr.

Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus dem Krieg im Iran?

Es zeigt sich, dass die Bedrohungen aus der Distanz aus einer Kombination verschiedener Systeme bestehen: Flugzeuge, Drohnen, Marschflugkörper und ballistische Raketen, kombiniert mit elektronischer Kriegsführung. Das ist ein unglaubliches Spektrum. Für uns bedeutet das, dass wir für die Verteidigung aus der Luft ein Multi-Layer-System benötigen mit grosser, mittlerer und kleiner Reichweite. Damit können wir auf jede Bedrohung die richtige Antwort geben. Es macht keinen Sinn, eine Shahed-Drohne für einige tausend Franken mit einer Rakete für eine Million abzuschiessen.

Sie wollen eine Art Iron Dome für die Schweiz?

Ganz genau. Ich würde ihn aber eher Swiss Dome nennen. Der Iron Dome ist in Israel.

Internationale Zusammenarbeit ist Ihnen wichtig. Ihre Mutter ist Dänin. Sie haben sehr gute Beziehungen nach Dänemark. Was lernen Sie da?

Dänemark hatte letztes Jahr Drohnen über ihrem internationalen Flughafen. Sie legten alles lahm. Die Bevölkerung, eine der glücklichsten der Welt, realisierte plötzlich: Wir sind zum Ziel geworden.

Kamen die Drohnen aus Russland?

Man sagte mir, dass die Behörden nicht hieb- und stichfest zurückverfolgen konnten, woher die Drohnen stammen. Man weiss aber, dass ein russisches Kriegsschiff ganz nahe an Dänemark lag.

Wird die internationale Zusammenarbeit wichtiger?

Ein Marschflugkörper muss heute nicht zwingend von Russland aus gestartet werden. Man kann ihn zum Beispiel auch im Mittelmeer in internationalen Gewässern aus einem U-Boot abfeuern. Dann ist die Bedrohung plötzlich sehr nahe. Es hilft nicht, wenn wir erst in Chiasso realisieren, dass etwas in die Schweiz fliegt. Wir möchten wissen, wann wo was startet. Deshalb wollen wir Informationen austauschen. Kooperation ist sehr wichtig.

Geht es um die Nato oder um die EU?

Wir reden mit allen. Primär geht es um unsere Nachbarländer. Mit Ausnahme von Österreich sind sie alle in der Nato. Wir haben auch sehr gute Verbindungen ins Baltikum und in die skandinavischen Länder. Es ist nicht entscheidend, ob wir mit der Nato, der EU oder auf bilateraler Ebene zusammenarbeiten. Im Ernstfall müssen wir mit allen kooperieren können.

Bundesrat Martin Pfister (links) gratuliert Korpskommandant Benedikt Roos zur Wahl als Chef der Armee.
Bild: Peter Klaunzer/Keystone

Die Bedrohungslage für die Schweiz hat sich eindeutig verschärft. Offenbar gab es sogar Einbrüche in Logistikzentren. Stimmt das?

Das stimmt. Hybride Bedrohungsformen nehmen zu. Man versucht über Spionage an Informationen zu kommen. Wir haben Drohnenflüge über militärischen und zivilen Infrastrukturen. Wir protokollieren zwar alle erkannten Drohnen über militärischen Infrastrukturen, können aber meist nicht sagen, woher sie kommen. Es muss etwas geschehen. Wir brauchen Systeme, um Drohnen abzufangen und Hinweise zu erhalten, woher sie sind.

Es wurden auch Autos mit chinesischen und weissrussischen Nummern angehalten.

Da ging es wahrscheinlich um Spionage.

Griff man sie vor militärischen Anlagen auf?

Aus Geheimhaltungsgründen kann ich nicht sagen, wer wo stand. Die Spionagetätigkeit in der Schweiz nahm aber extrem zu. Sie war seit dem Zweiten Weltkrieg selten so hoch wie jetzt gerade.

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