Es war einmal eine Stadt, so ästhetisch ansprechend wie schön gelegen. Diese Stadt war nicht nur schön, sie war auch reich. Allerdings galt Sparsamkeit mittlerweile als Untugend eines vorgestrigen Bünzlitums. Die wohlgebildeten Bewohner dieser Stadt blickten auf die Welt ausserhalb ihrer urbanen Bubble und dachten in einem fort: Die Welt, die nicht denkt und fühlt wie wir, die ist Hinterland, die spinnt.
Werbung im öffentlichen Raum war verpönt und sollte strikte verboten werden. Denn die wirtschaftspolitisch gebildeten Utopier*innen waren sich bewusst: «Die Bevölkerung braucht keine ständigen Erziehungsbotschaften durch die finanzstarken, zu stetigem Umsatzwachstum gezwungenen, marktwirtschaftlichen Akteure.»
Jede*r Bewohner*in hatte Anrecht auf 8 Quadratmeter Freifläche in der Stadt. Da die Stadt laufend wuchs, sollten auch private Grundstücke wie Gärten, Innenhöfe und begrünte Terrassen allen zugänglich gemacht werden. Der stadtnahe Wald konnte dabei beim bestem Willen nicht voll angerechnet werden. Denn der Wald ist kein «multifunktionaler, durch alle im Quartier einfach und hindernisfrei zu erreichender und mit vielfältiger Erholungsinfrastruktur ausgestatteter Quartierpark».
Die Gutdenker*innen wollten «Freundschaftsbänkli», auf denen geschulte Laienhelfer*innen sitzen, um ungeschulten Patient*innen bei ihren psychische Sorgen und Nöten helfen.
In «Gesundheitskiosken» warten Pflegefachperson*innen auf Kundschaft, auf Ratsuchende, die ihre Gesundheit verbessern wollen. Nicht, um im unmenschlichen kapitalistischen Hamsterrad besser zu funktionieren, sondern um ihre Freizeit sinnvoll redend zu gestalten.
Die Inklusion im neuen Utopia wurde breit gefasst und stand über der Gesetzestreue, die noch die Altvorderen penibel befolgt hatten. Illegale Migrant*innen sollten eine Identitätskarte und genügend Geld von der Stadt erhalten, sofern sie welches benötigen. Anstand vor Recht.
In der Stadt sollten alle glücklich sein. Die Stadt startete neue Initiativen, in denen sie verschiedene Strassen sperrte und den Utopier*innen Spielen, Gärtnern und Grillieren wohlwollend verordnete. Die Aktion trug einen würdigen Titel mit Büttenrand: «Bring’s uf d’Strass».
Ja, das neue Utopia förderte sogar die Begrünung von Balkonen finanziell. Die Utopier*innen wurden angeleitet, Samen und Hacke richtig zu gebrauchen.
Klimaverantwortung wurde grossgeschrieben. In der Stadt gab es eine Klima-Charta für Restaurants und Bars, mit «Frühstücks- und Brunch-Check», «Klima-Makeover der Menu-Bestseller», «Planetary Health Diet» und einen Workshop «Nudging – Anschubsen in Richtung Nachhaltigkeit».
Weibliche Utopier*innen, von der Natur hart geprüft, brauchten weniger zu arbeiten als ihre männlichen Pendants. Im neuen Paradies sollten sie zusätzlich zum Mutterschaftsurlaub von 16 Wochen noch 3 Wochen vorgeburtlichen Mutterschaftsurlaub erhalten und obendrauf einen fünftägigen Menstruationsurlaub pro Monat. Arbeiten für Geld wird ohnehin überschätzt.
Das neue Traumland bauchte menschenwürdige Spitäler, es plante Schulhäuser mit Projektkrediten von 230 Millionen Franken und Sportzentren mit Krediten von über 400 Millionen Franken. Alles für die Bürger*innen.
Einer der oberen Utopier*innen, ein Stadtrat, prägte einen Satz, der alle diese Programme höchst trefflich beschrieb, wohldokumentiert und bis zum heutigen Tage gültig: «Das ist ein stolzer Betrag, aber Zürich kann sich das leisten.»
Wie lange noch?
