
Die Raucher. Man sieht sie überall. Morgens im Halbdunkel an den Tramhaltestellen, am Mittag an den Stehtischen der Schnellimbisse, am Abend vor den Kneipen, hüllen sie sich in den Dunst ihrer Nikotin-Stängel. Der Ruhrgebietler an sich, so scheint es, pflegt noch einen Lebensstil, der auf den Besucher wie aus der Zeit gefallen wirkt.
Sonst aber hat sich manches geändert: Als Krisenregion gilt der Ballungsraum im Westen Deutschlands zwar seit Jahrzehnten schon, doch vor anderthalb Wochen haben seine Bewohner etwas getan, was auf den Stirnen deutscher Journalisten, Politiker und Fernseh-Politologen zusätzliche Sorgenfalten hervorruft: Bei den Kommunalwahlen haben sie der AfD ein Ergebnis deutlich über dem deutschen Durchschnitt beschert.
Zwischen «Lord of Chicken» und «King of Döner»
So kommt es in Gelsenkirchen am Sonntag zur Stichwahl um das Oberbürgermeister-Amt; eine Sozialdemokratin und ein AfD-Mann stehen sich gegenüber. Wer den Hauptbahnhof der Stadt verlässt, sieht rasch, dass hier einiges im Argen liegt: Nagelstudios und Tattoo-Läden prägen die Fussgängerzone; wo früher Bäckereien waren, befinden sich jetzt Backshops. Ihr Mittagsmahl nehmen die Leute in Schnellrestaurants mit Namen wie «Lord of Chicken» und «King of Döner» ein.
«Was früher Schalke war, ist jetzt die AfD», sagt Sven, ein junger Mann, in der Fussgängerzone. Ali, sein Kollege, lacht, denn natürlich war das ein Witz. Völlig aus der Luft gegriffen ist die frivole Bemerkung aber nicht, denn zeitgleich mit dem Aufstieg der Rechtsradikalen hat sich die Entfremdung vom örtlichen Fussballclub vollzogen, zu dem die Einwohner lange eine quasi-religiöse Beziehung pflegten. Wer heute in der Innenstadt eine königsblaue Schalke-Fahne sehen will, muss lange suchen; das hellere Blau der AfD-Plakate ist dieser Tage leichter zu entdecken.
Und so, wie sich der Niedergang des einstigen Europacup-Siegers an Punkteständen und Tabellen ablesen lässt, lässt sich auch jener der Stadt mit Zahlen belegen: 1959 hatte Gelsenkirchen 390’000 Einwohner, heute sind es noch 270’000. Die Arbeitslosenrate liegt bei 14,6 Prozent, mehr als doppelt so hoch wie der deutsche Durchschnitt.
Auch in Ückendorf, einem ruhigen Quartier südöstlich der Innenstadt, ist die Misere zu sehen: Viele Rollläden sind auch am späten Vormittag noch geschlossen, wobei unklar ist, ob hier Langschläfer wohnen oder gar niemand mehr; beides wäre plausibel. Es gibt aber auch Strassen mit gepflegten Einfamilienhäusern, in denen Dienstwagen mit Düsseldorfer Kennzeichen stehen. Ein Haus ist hier für 300’000 Euro zu haben; in Berlin bekommt man dafür nicht einmal eine Zweizimmerwohnung.
Rumänen und Bulgaren wandern ins Sozialsystem ein
Ungefähr dort, wo die Trennlinie zwischen Problemquartier und Vorstadt-Idyll verläuft, auf dem Schulte-Im-Hofe-Platz, ist Wochenmarkt. Das Publikum ist überaltert, fast jeder vierte scheint am Rollator zu gehen. Andrea Henze, die Bürgermeister-Kandidatin der SPD, verteilt rote Rosen. «Was soll ich denn damit, die sticht ja», ruft eine Rentnerin, doch insgesamt ist die Stimmung freundlich. Ückendorf ist noch immer das, was einst das gesamte Ruhrgebiet war: eine Bastion der SPD.

Henze, 49, eine grossgewachsene, blonde Frau mit hochgestecktem Haar, kann eine Karriere wie aus dem Musterbuch der Sozialdemokratie vorweisen: Verwaltungslehre, Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, berufsbegleitendes Studium, Leiterin mehrerer Sozialämter. Doch leider redet sie auch, wie viele Sozialdemokraten heutzutage reden: Man müsse «den Menschen mehr zuhören», sie «mitnehmen», die eigene Politik «besser erklären», antwortet sie auf die Frage, was die SPD falsch mache.
Zumindest in Ückendorf nimmt man ihr den Jargon der Ratlosigkeit nicht weiter übel: Er werde Henze am Sonntag wählen, sagt Bernd Weisskamp. Der pensionierte Elektriker scheint sich gerne anzupassen: Früher habe er in einer katholischen Gegend gewohnt und sei «Bannerträger der Kirche» gewesen, also habe er die CDU gewählt. Sein Umzug nach Ückendorf vor über 40 Jahren bedeutete einen persönlichen Linksruck: «Nun möchte ich meine letzten Jahre mit der SPD verbringen», sagt der 71-Jährige.
Dabei steht auch aus Weisskamps Sicht nicht alles zum Besten: Seit einigen Jahren, so klagt er, machten «rotzige Jugendliche» die Strassen unsicher. Dabei, so sagt er auf Nachfrage, handle es sich vor allem um Rumänen.
Über das Thema, das der Rentner damit angesprochen hat, reden die SPD-Leute nicht gern: Sogenannte Schrottimmobilien, heruntergekommene Wohnblocks, die oft arabischen Clans gehören und an Zuwanderer aus Rumänien oder Bulgarien vermietet werden, gelten im Ruhrgebiet als grosses Problem. Die Bewohner gehören meist der Minderheit der Roma an; als EU-Bürger haben sie Anspruch auf staatliche Unterstützung. Ob man nicht einmal über etwas anderes berichten könne, fragt Henzes Wahlkampfleiter, als eine Journalistin das Thema anspricht.
Alle gegen die AfD: Die Etablierten rücken zusammen
Auch in Ückendorf gibt es solche «Schrottimmobilien», eine von ihnen steht an der Bochumer Strasse: ein dreistöckiges, braunes Gründerzeithaus mit abblätterndem Putz. Ein Café, das sich einmal im Erdgeschoss befand, scheint seit langem leer zu stehen; die Scheiben sind mit Graffiti besprüht. Auch wenn das Gebäude als berüchtigt gilt, fällt es in seiner Umgebung nicht unbedingt auf: die ganze Häuserzeile hat bessere Zeiten gesehen.
In den kommenden Jahren will die Stadt insgesamt 100 Millionen Euro investieren, um heruntergekommene Häuser aufzukaufen, zu sanieren oder abzureissen; das Geld dafür erhält sie von der deutschen Regierung und der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen. An Projekte wie dieses dürfte die Sozialdemokratin Henze denken, wenn sie davon redet, ihre Partei müsse die eigenen Erfolge «besser kommunizieren».
Trotz ihrer wenig inspiriert wirkenden Kampagne dürfte sie die Wahl am Sonntag für sich entscheiden, haben sich doch alle «demokratischen Parteien», wie die SPD-Leute das informelle Bündnis nennen, das von der CDU bis zur Linkspartei reicht, gegen die AfD verbündet.

Deren Kandidat Norbert Emmerich steht wenige Stunden nach Henzes Marktbesuch an einem Wahlkampfstand am Grilloplatz im Stadtteil Schalke. Als «netten Opa von nebenan» hat eine Grünen-Politikerin ihn bezeichnet, und freundlicher als der 72-Jährige könnte ein Mensch in der Tat kaum wirken: ein weisshaariger älterer Herr mit Schnauzbart, der gerne lacht. Im ersten Wahlgang holte Emmerich fast 30 Prozent und verwies die Kandidatin der Christdemokraten auf den dritten Rang.
Manche meinen, er verstelle sich aus taktischen Gründen, doch wer mit Emmerich spricht, mag sich kaum vorstellen, dass der Mann so gerissen ist: Er scheint zu reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist – und vor allem redet er viel. Ob es um seine Zeit als Lehrling bei der örtlichen Sparkasse oder den Hund seiner Ehefrau geht: Zahlreiche «Dönekes», wie er seine Anekdoten im Dialekt der Region nennt, müssen an den Mann gebracht werden.
Mit Höcke will Emmerich nichts zu tun haben
Zur AfD gekommen sei er 2014 aus Ärger über Angela Merkels Euro-Rettungspolitik, sagt Emmerich, der noch immer als selbständiger Finanzberater arbeitet. Damals habe die Ehefrau des damaligen Parteichefs Bernd Lucke ihn, Emmerich, «ein kleines Würstchen aus Gelsenkirchen», persönlich angerufen, um ihn willkommen zu heissen.
Dass der Ökonomie-Professor Lucke die AfD schon vor Jahren verlassen hat, weil sie ihm zu sehr nach rechts gerückt war, scheint Emmerich nicht anzufechten. Björn Höcke, der Führer des rechten Parteiflügels, sei doch «auch nur eines von 50’000 Mitgliedern». Was müsse der auch immer so doppeldeutig über die Nazizeit reden, klagt Emmerich, als gehe es um ein harmloses Laster wie exzessives Kaugummikauen.
Das Desinteresse der Gelsenkirchener am Wahlkampf, das sich in der ersten Runde in einer tiefen Beteiligung niederschlug, ist auch auf dem Grilloplatz zu beobachten: Die AfD-Leute bleiben weitgehend unter sich, nur ab und an erhalten sie Zurufe aus vorbeifahrenden Autos, wobei nicht immer zu verstehen ist, ob es sich um Lob oder Beschimpfungen handelt.
Emmerich geht die Probleme der Stadt durch, wie sie sich aus seiner Sicht darstellen: Mädchen, die sich nur noch zu dritt in den Ausgang trauten und auf dem Heimweg lieber ein Taxi nähmen. Leute, die ihren Müll auf die Strasse würfen, auch wenn der Abfallkübel nur wenige Meter entfernt stehe. Und junge Männer, die nur noch mit Messer aus dem Haus gingen.
«Bei mir», sagt der Lokalpolitiker, «liegen alle Messer friedlich in der Schublade: Brotmesser, Fleischmesser und Buttermesser.» Bei all seinen Klagen, und das ist wohl das Charakteristische an Emmerich, wirkt er keineswegs grimmig oder schlecht gelaunt: Was den meisten seiner Parteikollegen zu einer düsteren Suada über den Niedergang Deutschlands geriete, wirkt bei ihm, als reihe er weitere «Dönekes» aneinander.
Was bleibt, ist die Erinnerung an bessere Zeiten
Anders als in den ostdeutschen Hochburgen der AfD liegt der Migrantenanteil in Gelsenkirchen hoch. Damit habe er grundsätzlich kein Problem, sagt Emmerich. «Norbert, was machen die mit unserer Heimat?», habe ihn ein türkischstämmiger Mann kürzlich gefragt, wobei er mit «die» die etablierten Parteien und mit «Heimat» Deutschland gemeint habe. Man nimmt Emmerich ab, dass er kein Rassist ist. Sagt man ihm, dass man sich bei vielen seiner Parteikollegen in dieser Hinsicht nicht so sicher sei, antwortet er mit entwaffnender Ehrlichkeit: «Ich auch nicht!»
Ein Mann tritt an den AfD-Stand. Sein Interesse ist allerdings ein touristisches, kein politisches: Wie er zur Glückauf-Kampfbahn komme, der einstigen Spielstätte des FC Schalke? Emmerich schickt ihn in nördliche Richtung. «1958, mit fünf Jahren, als sie zum letzten Mal Meister wurden, war ich auf den Schultern meines Vaters bei der Feier», sagt der Politiker dann. «War ’ne tolle Zeit.»
Nun sei er seit über einem Jahr nicht mehr im Stadion gewesen. Dem Verein wünsche er den Abstieg in die dritte Liga, «damit sie wieder demütig werden». Das sind neue Töne im einstmals fussballverrückten Gelsenkirchen. Nicht nur in der Politik scheint im Ruhrgebiet nur noch wenig zu sein, wie es einmal war.


