Detailhandel

Lindt-&-Sprüngli-Chef weg: Das Führungsproblem wird akut

Adalbert Lechner ist vordergründig über eine schlecht gemanagte Absatzkrise gestolpert. Doch die Probleme beim erfolgsverwöhnten Schokoladenhersteller gehen tiefer.

Adalbert Lechner war ein Lindt-&-Sprüngli-Veteran. Während 33 Jahren stand er im Dienst des Schokoladenkonzerns, die letzten vier Jahre als CEO. Seit Montag ist der 65-jährige Österreicher freigestellt. «Der Verwaltungsrat hat entschieden, dass Lindt & Sprüngli eine neue operative Führung benötigt, um zu beständigem, starkem Wachstum zurückzukehren und seine Marktchancen weltweit wieder effektiv auszuschöpfen», heisst es in einer Pressemitteilung.

Lechner musste im laufenden Jahr gleich zwei Mal die Umsatzprognose nach unten korrigieren. Nach einer Serie kräftiger Preiserhöhungen als Folge der stark gestiegenen Kakaopreise traten die Konsumentinnen und Konsumenten in Europa in den Streik. Offensichtlich überschätzte Lechner die Strahlkraft der Marke Lindt und somit die Preissetzungsmacht von Lindt & Sprüngli. Dieser Fehler ist ihm zum Verhängnis geworden. Doch die Führungsprobleme bei dem erfolgsverwöhnten Unternehmen reichen tiefer.

Veteranen am Drücker

An Lechners Stelle sitzt nun der Schweizer Dieter Weisskopf. Der 71‑Jährige war schon zwischen 2016 und 2022 während fünf Jahren CEO gewesen. Und auch der Manager, den Weisskopf damals als CEO beerbte, ist immer noch da. Der inzwischen 80-jährige Ernst Tanner fungiert seit 2016 als «Executive Chairman», also als Verwaltungsratspräsident, der auch im operativen Geschäft mitredet. Von 1993 bis 2016 war Tanner CEO von Lindt & Sprüngli und seit 1994 ist er Verwaltungsratspräsident. Tanner ist der unbestrittene Übervater des traditionsreichen Unternehmens aus Kilchberg an den Gestaden des Zürichsees.

Das Trio Tanner, Weisskopf und Lechner ist seit drei Jahrzehnten zusammen. Es erscheint daher wenig plausibel, dass der geschasste CEO seine Fehlentscheidungen ganz ohne Absprache mit seinen langjährigen Kollegen getroffen hatte. Tanner und Weisskopf sitzen zwar selbst nicht im Findungskomitee des Verwaltungsrates, dennoch dürfen sie mit ihrem Standing eine wichtige Rolle bei der Auswahl des nächsten Chefs spielen, der «spätestens im zweiten Quartal 2027» vorgestellt werden soll. Es gehe darum, «den bestgeeigneten CEO für die nächste Wachstumsphase zu identifizieren», steht in der Mitteilung.

Nach Lechners Beförderung zum Konzernchef im Oktober 2022 schnellte der Preis für börsengehandelten Kakao innert kurzer Zeit von unter 2000 Pfund pro Tonne auf fast 10'000 Pfund empor. Und so ging es auch in den Jahren danach weiter. Der Preis halbierte sich, um sich sogleich wieder zu verdoppeln. Nach drei schlechten Ernten hatten die Spekulanten das Zepter übernommen, nachdem es im Kakao-Markt während mehr als zwanzig Jahren relativ geruhsam zu und her gegangen war.

Der Kakaopreis repräsentiert je nach Produkt und Hersteller bis zu 80 Prozent der Gestehungskosten einer Tafel Schokolade. Die Strategie beim Rohstoffeinkauf ist deshalb entscheidend, wann und in welchem Umfang Schokoladenhersteller auf Änderungen des Kakaopreises reagieren müssen, um ihre Profitmargen zu schützen. Hersteller, die grosse Kakaovorräte unterhalten, können bei Aufschlägen des Kakaopreises mit Preiserhöhungen länger zuwarten als solche, die keine Vorratspuffer besitzen. Bei einem Rückgang der Rohstoffpreise sind Hersteller ohne Vorräte in der Regel im Vorteil und können ihre Preise rascher senken.

Diese Zusammenhänge sind für die Preispolitik jedes CEO ausschlaggebend. Ob Lechner noch in Amt und Würden wäre, wenn er die Profitmargen von Lindt & Sprüngli dem Mengenabsatz geopfert und trotz höherer Kakaopreise keine oder geringere Preiserhöhungen bei den Endprodukten durchgesetzt hätte, ist eine offene Frage. Offen ist auch, wie die Investoren und der Finanzmarkt auf eine solche Entscheidung reagiert hätten.

Tatsächlich reagierten sie heuer aber sehr empfindlich auf Lechners unerfüllte Umsatzprognosen. Die stimmrechtslosen Partizipationsscheine, die im Sommer 2025 noch auf einem Rekordniveau von über 13'000 Franken verkehrt hatten, waren nach der letzten Umsatzwarnung von Ende September auf ein Mehrjahrestief von 7420 Franken abgesackt. In der Folge erholten sich die Titel zwar auf rund 8400 Franken, doch die unerwartete Information über den Chefwechsel versetzte den Papieren einen erneuten Schlag.

Einiges deutet darauf hin, dass die aktuellen Probleme von Lindt & Sprüngli tiefer sitzen als die Absatzschwächen und Lechners Preispolitik suggerieren. In den vergangenen gut 30 Jahren ist Lindt & Sprüngli von einem stattlichen KMU zu einem der 30 wertvollsten Unternehmen an der Schweizer Börse aufgestiegen. Ernst Tanner hat die Markenbotschaft «Maître Chocolatier Suisse depuis 1845» in die ganze Welt hinausgetragen. Doch die Erfolgsmacher sind älter und müder geworden. Der kriegsbedingte Ausstieg aus dem vielversprechenden russischen Markt, Donald Trumps Zollpolitik und natürlich die für den Scholadenverkauf und die Kakaoernten gleichermassen schädlichen Hitzewellen rufen nach wirkungsvollen Gegenmassnahmen zur Ankurbelung des Wachstums. Aber es wird nicht einfach werden, eine geeignete Person zu finden, solange die Lindt-&-Sprüngli-Veteranen im Hintergrund weiter die Fäden ziehen.

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema: