
Herr Eymann, die Schule muss immer mehr Erziehungsaufgaben wahrnehmen. Besteht die Gefahr, dass der Bildungsauftrag vernachlässigt wird?
Christoph Eymann: Die Gefahr besteht. Lehrerinnen und Lehrer baten mich schon damals, als ich mein Amt antrat, darum, dass ich dafür sorgen soll, dass sie sich wieder auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können. Es gilt das Prinzip: Erziehung durch die Eltern, Bildung durch die Schule. Das haben wir nicht erreicht. Wenn von einer Schullektion zehn Prozent dafür benötigt werden, Ruhe und Ordnung herzustellen, dann ist es so, dass der Bildungsauftrag darunter leidet.
Was bereitet Ihnen momentan die grössten Sorgen?
Als Präsident der Eidgenössischen Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) ist mir die Sprachenthematik sehr wichtig. In einem viersprachigen Land, das auch von seiner Wirtschaftsstruktur her darauf angewiesen ist, dass es über den Tellerrand hinausblicken kann, dürfen wir uns selbst nicht auf eine Sprache in der Primarschule beschränken. Wir haben mit der Einführung je einer Fremdsprache im dritten und fünften Schuljahr einen Kompromiss gemacht. Ich persönlich fände es wichtig, dass dabei die Landessprachen im Vordergrund stehen.
Christoph Eymann
Seit Ende Oktober ist der liberale Basler Erziehungsdirektor Christoph Eymann (LDP) Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz. Mit der interkantonalen Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule (Harmos) und dem Lehrplan 21, dem vereinheitlichten Lehrplan der 21 Kantone, in denen nur oder teilweise Deutsch gesprochen wird, hat sich die Volksschule komplizierte Umbauprojekte vorgenommen. Bereits vor seiner Wahl zum EDKPräsidenten stellte Eymann klar: 2017 wird er nicht mehr für den Regierungsrat kandidieren. (NCH)
Genau das wird aber infrage gestellt. Während in den Kantonen Basel-Stadt, Baselland und Solothurn Französisch als erste Fremdsprache unterrichtet wird, setzt der Kanton Aargau auf Englisch. Nicht einmal das konnte harmonisiert werden.
Ja, das ist uns auch peinlich. Die drei Kantone, die an der Sprachgrenze zur Romandie und zu Frankreich stehen, haben sich sehr bemüht, eine Einigung mit dem Aargau zu erzielen. Der Kanton Aargau hat aber argumentiert, dass der Kanton sich stark an der Zentralschweiz und an Zürich orientiere. Der Aargau wollte deshalb bei Englisch bleiben. Ich möchte nicht mit dem Finger auf den Aargau zeigen. Ich verstehe, dass es für die Aargauer nicht nur Basel gibt.
In der Nordwestschweiz steht insbesondere Harmos in der Kritik.
Da haben wir ein grosses Spannungsfeld: Auf der einen Seite fand Harmos im Volk 82 Prozent Zustimmung. Die Botschaft war: Hört auf mit dem Kantönligeist. Andererseits ist Bildung Sache der Kantone. Nehmen Sie den Lehrplan 21. Es war eine enorme Leistung, in kurzer Zeit die 21 Deutschschweizer Kantone an einen Tisch zu kriegen, wie es der Volksentscheid verlangt. Allerdings wird der Lehrplan 21 schon in den Ansätzen zerfleddert. Das ist der Föderalismus, den wir halt auch annehmen müssen. Wir müssen deutlich machen, dass der Lehrplan 21 der Wille des Volkes ist, den wir umsetzen müssen.
Lehrer kritisieren, Harmos sei gescheitert. Der Lehrplan 21 sei überfrachtet und für Laien nicht verständlich.
Nein, Harmos ist nicht gescheitert. Die Diskussionen sind fruchtbar. Ich bin froh, kommt es zu klaren Stellungnahmen. Wir haben die Zeit, die Kritik zu diskutieren. Die Kantone können zudem entscheiden, was sie übernehmen wollen. Ich sehe aber schon, dass auch hier die Einheitlichkeit auf dem Spiel steht. Was mich am Lehrplan 21 fasziniert: Dass man einmal etwas grösser denkt, dass man wegkommt von den kantonsinternen Problemen. Nehmen Sie die Lehrmittel: Bis jetzt haben nur die Kosten eine Zusammenarbeit verlangt. Jetzt gibt es auch inhaltlich den Anspruch, zusammenzuarbeiten.
Die Uni Basel steht unter Druck: Der Rückhalt im Landkanton schwindet, gleichzeitig benötigt sie mehr Mittel, um internationale Exzellenz zu erreichen. Wie stehen Sie zur Uni?
Zum Glück spiegelt sich die geschilderte Ausgangslage nicht in den Beschlüssen der Landratskommission. Die Beschlüsse zeigen mir, dass die Einsicht da ist, dass die Uni Basel auch die Uni des Kantons Basel-Landschaft ist und dass ein Einfrieren der Mittel ein Rückschritt wäre. Natürlich könnte die Uni auch noch mehr Geld brauchen. Dazu muss sie sich aber zeigen, im Baselbiet vielleicht etwas mehr als in der Stadt, wo sie stärker präsent ist.
Wie sieht es mit einer Ausweitung der Trägerschaft der Uni Basel auf die Kantone Aargau und Solothurn aus?
Im Aargau sind wir sehr dankbar für die Zusammenarbeit im Nanobereich. Der Aargau hat einen geschickten Vertrag gemacht mit der Uni, im Hinblick auf seine Hightech-Initiative. Mit Solothurn sind wir noch nicht so weit, da sind wir am Prüfen, ob die medizinische Fakultät der Uni mit der Medizinaltechnik, die am Jurasüdfuss stark vertreten ist, eine Zusammenarbeit eingehen könnte. Die Zusammenarbeit kann auch die Spitäler umfassen. Ziel ist es, mit den Kantonen und der Uni jeweils Win-win-Situationenzu finden. Die Regierungen von Aargau und Solothurn beteiligen sich nicht einfach so an der Uni Basel. Wir müssen den Kantonen jeweils auch ihren möglichen Benefit aufzeigen.
Können Sie die Finanzierung der Universitäten als EDK-Präsident beeinflussen?
Die Hochschulkonferenz (SUK) wird 2015 in die EDK integriert. Ich habe doch eine gewisse Erfahrung, weil ich zwei Jahre die SUK präsidiert habe. Wenn man sieht, was im Ausland in der Hochschulförderung passiert, dann riskieren wir, in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren die Spitzenstellung zu verlieren. Deutschland gibt Gegensteuer gegen den Verlust von Spitzenkräften. Singapur und Schanghai gelingt es, langfristige Zusammenarbeitsverträge mit der forschenden Industrie auch aus Basel abzuschliessen. Das muss uns alert machen. Da ist der Bund gefordert. Wir beissen da aber im Moment auf Granit. Wenn man sich der Bedeutung der Bildung für das Land bewusst ist, dann darf man bei der Finanzierung nicht bremsen. Diese Botschaft ist mir wichtig.
Bremst denn der Bund?
Der Bund will seine Beiträge nicht massiv erhöhen, gleichzeitig sparen einige Kantone Beiträge ein. Das kann es nicht sein. Wir brauchen deshalb ein neues Finanzierungsmodell. Man könnte die Bundesmittel zum Beispiel an die Kantonsbeiträge binden. Eines ist klar: Wir brauchen eine Bildungsoffensive in diesem Land. Das gilt nicht nur für die Unis, das gilt auch für die Volksschule.
Wo muss die Schweiz konkret aktiv werden?
Wir haben die Forderung aus Gewerbekreisen auf dem Tisch, dass der Staat die Ausbildung zum Meister mitfinanziert. Das ist eine interessante Idee, aber es darf nicht auf Kosten der Hochschulen gehen. Die Schweiz muss zudem die naturwissenschaftlichen und technischen Berufe stärken. Bloss quantitativ die entsprechenden Fächer zu erhöhen, nützt aber nichts. Ich wäre in Mathe auch mit zehn Stunden Unterricht mehr pro Woche eine Pfeife geblieben. Vielleicht muss man eher bei der Neugier ansetzen, die Kinder ins Labor holen, mit Baukästen und praktischer Arbeit abholen. Wir benötigen also früh einen spielerischen Zugang zu diesen Berufen. Auch Frühförderung muss ein Thema sein.
Zum Bildungsraum Nordwestschweiz gehört auch die Fachhochschule Nordwestschweiz, die wegen der Lehrerbildung derzeit in der Kritik steht.
Die Pädagogische Hochschule (PH) wird zu Unrecht angegriffen. Ich finde es schade, dass man bei der jüngsten Kritik nicht den üblichen Weg geht und die Kritik bei den zuständigen Stellen anbringt, sondern sofort nach aussen trägt. Wenn man etwas erreichen will und gleich an die Medien gelangt damit, dann ist die Gefahr gross, dass die politisch Verantwortlichen sofort den Laden runterlassen und sich vor ihre Leute stellen. Es wurde vor allem Empörung generiert. Ich bin offen für Kritik, aber bitte über den Dienstweg und nicht über die Medien. Man darf über alles reden, aber es ist wichtig, dass das entspannt passiert. In einem so aufgeladenen Klima redet es sich schlecht.
Der wichtigste Kritikpunkt betrifft die mangelnde Praxisorientierung der PH.
Das muss man relativieren. Es gibt da eine gewisse Nostalgie von Betroffenen, die sich nach den alten Lehrerseminaren zurücksehnen.
Soll die PH wissenschaftlicher werden und auch Doktortitel vergeben?
Fachhochschulen sollen keine Promotionen anbieten. Sie sollen mit den Universitäten zusammenarbeiten und die nötige Durchlässigkeit anbieten, damit FH-Abgänger an einer Uni promovieren können.
Zum Schluss hätten wir gerne einen Ausblick: Wie wird die Volksschule im Jahr 2020 aussehen?
2020 werden die Reformen, an denen wir jetzt arbeiten, umgesetzt sein. Ich bin überzeugt, dass es das Schulmodell sein wird, das der Gesellschaft und ihren dannzumaligen Bedürfnissen Rechnung trägt.
Steht dann schon die nächste Reform an?
Das kann man nicht ausschliessen. Die Halbwertszeit nimmt ab. Wir brauchen feine Sensoren, um festzustellen, was die jungen Leute brauchen. Impulse, von wo auch immer, muss man wahrnehmen und gegebenenfalls aufnehmen. Die Flexibilität, die heute alle beweisen müssen, die muss auch die Schule aufweisen. Das beginnt schon in der Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer.
Welche Rolle hat die Schule 2020?
Die Aufgabe der Schule ist die Bildung des Menschen. Es geht dabei nicht einfach um die Anstellbarkeit der Menschen in der Wirtschaft, sondern um den mündigen Menschen.