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Öffentlicher Verkehr

55'000 Schwarzfahrende pro Monat – digitale Tickets sind «Segen und Fluch zugleich»

Der Öffentliche Verkehr kämpft vermehrt mit Reisenden ohne gültiges E-Ticket. Etwa werden diese Tickets zu spät gelöst. Dies beschert dem ÖV jedes Jahr zweistellige Millionenverluste. Die Präsidentin von Pro Bahn fordert mehr Billettkontrollen.

Mit einem Ticket aus Papier sitzt kaum noch jemand im Zug. Reisende kaufen ihre Billette zunehmend mit dem Handy oder dem Computer. Bis 2035 will die ÖV-Branchenorganisation Alliance Swisspass bei den Tickets deshalb vollständig auf einen digitalen Betrieb umsteigen. Die blauen Ticketautomaten sind damit bald Geschichte. Doch für die ÖV-Betriebe hat das digitale Angebot auch eine Schattenseite, wie PilatusToday berichtet.

«Die Zunahme an digitalen Fahrausweisen führt vermehrt zu Fällen von Reisen ohne gültigen Fahrausweis», sagt Thomas Ammann, Mediensprecher von Alliance Swiss Pass. Zum Beispiel würden E-Tickets zu spät gelöst, das Einchecken im Automatischen Ticketing werde vergessen oder erfolge zu spät oder Personen im automatischen Ticketing würden zu früh wieder auschecken.

Über 50’000 Schwarzfahrende pro Monat

Seit der Lancierung des nationalen Schwarzfahrerregisters im April 2019 registriert die Alliance Swisspass insgesamt knapp 2,5 Millionen Fälle von Schwarzfahrerinnen und Schwarzfahrern. Dies entspricht rund 55’000 Fällen pro Monat.

Thomas Ammann geht davon aus, dass dem ÖV durch Reisende ohne oder mit teilgültigem digitalem Fahrausweis jährlich ein zweistelliger Millionenbetrag entgeht.

Digitales verleite eher zu unseriösem Verhalten

Der Verein Pro Bahn Schweiz, die Interessenvertretung der Kundinnen und Kunden des öffentlichen Verkehrs, sieht die digitalen Tickets als Segen und Fluch zugleich. Präsidentin Karin Blättler bezeichnet das Angebot vom Komfort her als Fortschritt. «Gleichzeitig brauchen solche Tickets noch mehr Kontrollen als vorher.» Das Kontrollpersonal im ÖV müsse daher nicht ab-, sondern ausgebaut werden. «Alles, was digital ist, verleitet eher zu unseriösem Verhalten.» Dies sei auch in anderen Bereichen im täglichen Leben so.

Blättler hat auch für Passagiere kein Verständnis, die schwarzfahren, weil sie die Technik nicht im Griff hatten. «Nur weil man das Billett digital lösen kann, heisst das nicht, dass man das Ticket erst nach Abfahrt des Zugs aktiviert oder mit leerem Handyakku in den Zug steigt.» Wer die Vorzüge des digitalen Billetts geniessen wolle, stehe auch in der Verantwortung, mit dem Angebot regelkonform sauber umzugehen. «Wenn man früher ohne Billett in den Zug stieg, wusste man auch, dass es bei einer Kontrolle Probleme gibt.»

Kontrolle vor Einsteigen empfohlen

Ob die SBB die Kontrollen wegen der digitalen Schwarzfahrenden verschärft hat, bleibt unklar. Zu Art und Häufigkeit machten sie keine Angaben, sagt SBB-Mediensprecher Reto Schärli. Die SBB empfählen Kundinnen und Kunden mit E-Tickets, immer vor dem Einstieg in den Zug zu kontrollieren, ob das Ticket hochgeladen respektive der QR-Code vorhanden sei.

Schärli macht darauf aufmerksam, dass Kundinnen und Kunden vor Antritt der Reise im Besitz des E-Tickets sein müssen. «Kann das vor Abfahrt korrekt gelöste E-Ticket bei der Fahrausweiskontrolle nicht vorgewiesen werden, nimmt die Kundenbegleiterin oder der Kundenbegleiter die Personalien auf und lässt prüfen, ob das E-Ticket gelöst wurde.» Als Beispiel erwähnt er vergessene E-Tickets, leere Handyakkus, unlesbare Tickets und Internetprobleme.

War das E-Ticket vorhanden, wird für den Klärungsaufwand eine Bearbeitungsgebühr von 30 Franken verrechnet. Schwarzfahrer erhalten eine Rechnung mit dem Ticketpreis plus eine Busse von 90 Franken.

Digitale Tickets korrekt handhaben

Ein digitales Ticket zu lösen, kann manchen Pendlerinnen und Pendlern komplizierter erscheinen, als den Touchscreen an den blauen Ticketautomaten zu bedienen. Thomas Ammann macht darauf aufmerksam, dass die Nutzung neuer Systeme immer eine gewisse Angewöhnungszeit bedinge. «Die Information der Nutzenden über die korrekte Handhabung der digitalen Kanäle ist deshalb sehr wichtig.»

Im Falle von Mobile Tickets würden Kundinnen und Kunden beim Kauf beispielsweise darauf hingewiesen, wenn sie ihr Billett zu spät lösten, sagt Ammann. Beim Automatischen Ticketing würden zusätzlich die Mechanismen zur Missbrauchsbekämpfung stetig optimiert.

Trotz allem sind die digitalen Schwarzfahrerinnen und Schwarzfahrer kein Massenphänomen. «Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die grosse Mehrheit der ÖV-Kundinnen und -Kunden mit korrekten Fahrausweisen unterwegs ist», sagt Ammann.

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