
Ben Stiller erinnert sich gerne an das Jubiläumsjahr 1976. «Es war so cool», schrieb der Schauspieler jüngst auf dem Online-Dienst X über das letzte Mal, als die USA einen runden Geburtstag feiern konnten. «Feuerwerk und Begeisterung — schlicht ein riesiges Ereignis.»
So wie Stiller geht es vielen Amerikanerinnen und Amerikanern der älteren Generationen. Sie erzählen von Mega-Partys im ganzen Land, an denen der 200. Geburtstag der USA gefeiert wurde. Sie schwärmen von der Parade mit historischen Schiffen in New York, die angeblich von Millionen mitverfolgt wurde. Oder von einem Freiluft-Konzert des Symphonieorchesters in Boston, an dem 400'000 Menschen teilnahmen.
In diesen Erinnerungen schwingt natürlich eine gehörige Portion Nostalgie mit. Die Siebzigerjahre waren ein höchst turbulentes Jahrzehnt, gerade auch in den USA. Aber mitten im Sommer 1976, da vergassen Millionen von Amerikanern während einigen Stunden ihre Alltagssorgen.
Trump kaperte die Jubiläumsfeier
50 Jahre später ist die Stimmung eine ganz andere. Zwar sind die meisten Menschen immer noch stolz auf ihr Land. Selbst in Washington aber, wo es doch Tradition hat, am 4. Juli im Stadtzentrum das Feuerwerk zu bestaunen, ist die Vorfreude auf das grosse Fest zum 250. Geburtstag gedämpft.
Die einfachste Erklärung für diesen Unterschied: Die Person des amerikanischen Präsidenten. Donald Trump hat die diesjährigen Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag für sich gekapert. Seine Regierung manövrierte das vom Kongress eingesetzte, überparteiliche Organisationskomitee aufs Abstellgleis, und erklärte stattdessen «Freedom 250» zum zentralen Veranstalter des Jubiläums.
Diese Gruppierung, in der Trump-Verbündete den Ton angeben, hatte hochfliegende Pläne. Viele dieser Ideen aber scheiterten in der Praxis. So zog die «Great American State Fair», eine Mischung aus Expo und Chilbi im Stadtzentrum von Washington, bisher nur eine enttäuschende geringe Zahl von Besuchern an.
1976 wohnte zwar ebenfalls ein Republikaner im Weissen Haus. Gerald Ford hiess der Mann. Aber Ford verfolgte während der Jubiläumsfeierlichkeiten einen ganz anderen Plan als sein Nachfolger Donald Trump — obwohl er doch im Jubiläumsjahr (letztlich erfolglos) um seine Wiederwahl kämpfte.

Er nutzte die Feierlichkeiten dazu, die Menschen an den grossen Vorzug der amerikanischen Republik zu erinnern. Die USA seien kein perfektes Land, sagte Ford sinngemäss während seiner Festreden. Aber die verfassungsmässige Ordnung ermögliche es sämtlichen Bewohnern des Landes, in Freiheit zu leben und ihre «kulturellen, ethnischen und religiösen Traditionen» zu pflegen.
Die Fussballweltmeisterschaft als grosser Aufsteller
Trump wird am Samstag, während des grossen Festes in Washington, ebenfalls eine Rede halten. Die ist auf den späten Abend angesetzt, weil der Präsident unbedingt die Aufmerksamkeit des ganzen Landes auf sich ziehen will. Das traditionelle Feuerwerk, das dank 850'000 Böllern die rekordverdächtige Länge von 35 Minuten haben soll, könnte deshalb erst gegen 23 Uhr (Lokalzeit) beginnen — sofern das Wetter mitspielt. Tagsüber rechnen die Meteorlogen mit gefühlten Temperaturen von mehr als 40 Grad Celsius.
Noch ist nicht bekannt, was der Präsident während seiner Ansprache sagen wird. Basierend auf den Reden, die er in den letzten Tagen aber an diversen Jubiläumsfeierlichkeiten hielt, wird Trump sich ins Zentrum seiner Rede stellen. Und behaupten, dass es allein ihm zu verdanken sei, dass die USA 250 Jahre nach ihrer Geburt so gut dastehe. Auch vertritt Trump die Meinung, dass die Schattenseiten in der Geschichte der USA nicht mehr beleuchtet werden müssten.
Viele Amerikaner werden diesen präsidialen Auftritt ignorieren. Die grossen Fernsehstationen haben bereits angedeutet, dass sie nicht die ganze Trump-Rede live ausstrahlen werden — und mit ihren Kameras stattdessen die Feiern in anderen Landesteilen einfangen wollen.
Vielleicht bleibt da auch noch Zeit für einige Bilder der Fussball-Weltmeisterschaft. Denn die ist in diesem Jubiläumssommer der dominante Anlass. Hier treffen sich wildfremde Amerikaner und ausländische Fans, um gemeinsam friedliche Feste zu feiern. Und sich darüber zu freuen, wie gut das Land diesen Fussball-Grossanlass im Griff hat. Immerhin das ist besser als 1976.

