Virologin zum Schulstart während Corona: «Es ist das allerwichtigste, die Schulen offen zu halten»

SCHWEIZ [NEWS SERVICE] ⋅ In neun Kantonen drücken viele Kinder seit Montag wieder die Schulbank. Die Genfer Virologin Isabella Eckerle schaut dem Schulbeginn besorgt entgegen und warnt vor einem Blindflug der Schweiz. Und sie rät dazu, Schüler- und Lehrerschaft grosszügig zu testen.

11. August 2020, 10:11

Helene Obrist

Frau Eckerle, am Montag hat in vielen Kantonen der Unterricht wieder begonnen. Haben die Schulen in Ihren Augen die Ferienzeit gut genutzt und sich genügend auf die weitere Entwicklung der Pandemie vorbereitet?Ich glaube, die Ferienzeit wurde leider nicht gut genutzt. Allerdings würde ich dies auch nicht primär in der Verantwortung der Schulen sehen, denn die Entwicklung von Präventionskonzepten kann nicht primär durch die Schulen erfolgen.Wessen Verantwortung wäre es stattdessen gewesen?Es müssen viele neue wissenschaftlicher Daten berücksichtigt werden, zum Beispiel die Übertragung durch Aerosole, das vermehrte Risiko der Übertragung in Innenräumen oder die Übertragung durch asymptomatisch Infizierte. Bisher haben wir uns sehr stark auf die Übertragung durch Oberflächen und die Handehygiene konzentriert, nun kommen Schutzmassnahmen zur Übertragung durch die Luft hinzu. Eine solch komplexe Datenlage kann nicht durch die Schulen bewertet werden. Hier sollte meines Erachtens mehr Orientierung von offizieller Seite kommen, vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) und der wissenschaftlichen Taskforce beispielsweise.Anfang der Pandemie hiess es, Kinder spielten bei der Verbreitung des Virus kaum eine Rolle. Hat sich die Datenlage nun verändert?Infektionsraten bei Kindern und deren Rolle in der Pandemie sind bislang nur unzureichend erfasst. Viele Studien stammen entweder aus der Zeit des Lockdowns, als Kinder zuhause mit Ihren Eltern waren, oder direkt aus der Zeit danach, als es kaum Viruszirkulation gab. Aus solchen Studien können wir nur wenig über die nächsten Monate ableiten.

«Es gibt in der Schweiz, soviel ich weiss, kein einziges wissenschaftliches Projekt, das die Schulöffnungen begleitet.»

Es hiess auch, Kinder würden nur milde am Virus erkranken.Das stimmt, die Mehrheit hat beispielsweise nur einen leichten Atemwegsinfekt oder sogar gar keine Symptome. Das bedeutet aber auch, dass sich das Virus im Nasen-Rachenraum vermehren kann während die Kinder vollkommen gesund erscheinen. Deswegen sind Kinder in vielen Studien nicht ausreichend erfasst. Erkrankte Kinder haben aber vergleichbare Viruslasten wie Erwachsene und sie scheiden auch infektiöses Virus aus. Beides konnten wir durch Studien an unserem Zentrum belegen. Biologisch erscheint es also plausibel, dass zumindest symptomatische Kinder auch andere anstecken können. Wie das bei den asymptomatischen Kindern aussieht, das wissen wir einfach noch nicht. Hier braucht es dringend mehr Studien.Führt der Schulstart dazu, dass die Fallzahlen weiter steigen werden?Das ist schwer zu sagen, da wir im Moment die Schulen gar nicht systematisch untersuchen. Es gibt, so viel ich weiss schweizweit kein einziges wissenschaftliches Projekt, das Schulöffnung begleitet, zumindest keines, das öffentlich gefördert wird. Wir wollten in Genf ein solches Projekt zu SARS-CoV-2 bei Kindern durchführen, haben aber keine Förderung erhalten.

«Ich bin wirklich besorgt, dass wir uns hier in einen absoluten Blindflug begeben.»

Isabella Eckerle

Es fehlt eine nationale Untersuchung zu den Schulöffnungen, jeder Kanton handhabt die Schutzkonzepte anders. Das klingt nicht gerade nach den besten Voraussetzungen, um das Virus auch im Hinblick auf die kälteren Tage in den Griff zu bekommen.Ich bin wirklich besorgt, dass wir uns hier in einen absoluten Blindflug begeben. Insbesondere bei den momentan steigenden Gesamtzahlen wird es schwer werden, Virus-Ausbrüche in Schulen rechtzeitig zu erkennen. Daten aus Ländern wie Frankreich, Israel oder Australien berichten bereits von Schulausbrüchen. Auch wenn Schulen nur einen kleinen Teil des Ausbruchsgeschehens ausmachen, ist es trotzdem wichtig zu verstehen, welche Risikofaktoren Ausbrüche an Schulen auslösen.Einige Schulen haben eine Maskenpflicht eingeführt, andere arbeiten mit Plexiglasscheiben. Welche Massnahmen sind in Ihren Augen die wichtigsten, um das Ansteckungsrisiko möglichst klein zu halten?Helfen werden primär kleinere Klassen und feste Gruppen, die sich untereinander nicht sehen. Ein Mundschutz und Belüftungskonzepte sind sicher auch von Vorteil. Am wichtigsten ist aber vor allem die schnelle Identifizierung von Infektionsclustern. Sie werden darüber entscheiden, ob wir gut und sicher durch den kommenden Winter kommen.

«Es ist das allerwichtigste, die Schulen offen zu halten. Darin sind sich auch alle Experten einig.»

Bräuchte es dazu nicht auch regelmässige Corona-Tests für Schulklassen und die Lehrerschaft?Unbedingt, sonst wird es unmöglich, Infektionen an Schulen rechtzeitig zu entdecken. Die Empfehlungen vom BAG sind ausserdem inkonsistent, was das Testen von Kindern unter 12 Jahren anbelangt. Hier ist die Testung bei milden Symptomen beispielsweise gar nicht immer empfohlen.Besonders in den Wintermonaten sind viele Kinder öfters etwas verschnupft. Würde hier nicht auch sehr viel Testkapazität verbraucht werden?Natürlich befinden wir uns bei den Kindern hier in einem Dilemma, denn Kinder haben nun einmal oft Erkältungen im Winter, die entweder durch banale Erkältungsviren, oder aber eben durch SARS-CoV-2 verursacht werden könnten. Es gibt aber auch viel Entwicklungspotenzial im Bereich der Diagnostik, beispielweise durch Selbst-Abstriche oder Schnelltests. Das sind aktuell noch keine praxisreifen Methoden, aber darüber nachdenken sollte man. Zudem ist aktuell die Testkapazität in der in der Schweiz nicht ausgeschöpft, und ich denke, das Testen von Lehrern und Schülern sollte ganz grosszügig erfolgen.

«Wir können uns hier nicht viele Fehleinschätzungen leisten.»

Muss man mit dem Szenario einer erneuten Schulschliessung rechnen?Wenn wir uns nun auf die Hoffnung stützen, dass Schulen schon nicht so eine grosse Rolle spielen werden und einfach zuwarten, dann wird irgendwann der Punkt kommen, wo wir Schulschliessungen wieder in Betracht ziehen müssen. Das wird dann allen schaden: den Kindern, den Eltern, der Wirtschaft, und vor allem dem Vertrauen in die Entscheidungsträger.Schulschliessungen sollten also mit allen Mitteln verhindert werden?Es ist das allerwichtigste, die Schulen offen zu halten. Darin sind sich auch alle Experten einig. Die negativen Auswirkungen auf das Wohlbefinden von Kindern wurde während des Lockdowns nur allzu deutlich gezeigt. Je wichtiger es uns ist, Schulen zum Wohl der Kinder und Eltern offen zu halten, umso mehr müssen wir dringend in gute Präventionskonzepte für Schulen investieren. Wir können uns hier nicht viele Fehleinschätzungen leisten.

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