notifications
Ratgeber

Wenn wir uns schämen, steckt ein ganz bestimmtes Gefühl dahinter: So kommen Sie zu mehr Souveränität

Folgende Situation ist mir kürzlich passiert, und ich habe mich sehr geschämt: Ich stehe an der Supermarktkasse, mir fällt das Kleingeld aus der Hand, alle schauen. Ich werde knallrot. Am liebsten würde ich einfach verschwinden. Warum trifft mich so etwas so stark? Warum schäme ich mich so schnell? Wie kann ich das überwinden?

Scham ist ein Gefühl, das viele kennen und eigentlich niemand gerne zeigt. Die US-Forscherin und Professorin Brené Brown beschreibt Scham als die tiefe Überzeugung, nicht gut genug zu sein. Anders als Schuld, die sich auf ein Verhalten bezieht («Ich habe etwas falsch gemacht»), richtet sich Scham gegen die eigene Person: «Mit mir stimmt etwas nicht.» Genau das macht sie so intensiv und oft schwer auszuhalten.

Wir fühlen uns gesehen und vor allem bewertet

Scham entsteht häufig in Momenten, in denen wir uns gesehen und bewertet fühlen. Ein Versprecher im Meeting, ein Missgeschick im Alltag, etwa wenn Kleingeld aus der Hand fällt oder eine unbedachte Bemerkung – und plötzlich ist sie da. Selbst dann, wenn andere uns gar nicht so kritisch wahrnehmen, wie wir glauben. Unser innerer Dialog wird laut und unerbittlich: «Wie peinlich», «Das hätte mir nicht passieren dürfen», «Jetzt halten mich alle für unfähig.» Diese Gedanken wirken wie ein Verstärker. Sie lassen die Situation grösser erscheinen, als sie ist, und treffen direkt unser Selbstwertgefühl.

Dabei ist Scham an sich nichts «Falsches». Sie ist ein zutiefst menschliches Gefühl, das uns sensibel für soziale Regeln macht und uns helfen soll, dazuzugehören. Ohne sie würden wir weniger Rücksicht auf unser Umfeld nehmen. Problematisch wird sie jedoch, wenn sie uns lähmt, uns klein hält oder uns davon abhält, uns zu zeigen. Aus Angst, erneut bewertet oder abgelehnt zu werden. Wie also damit umgehen?

Andere achten nicht so stark auf uns, wie wir glauben

Erkennen: Ein erster Schritt ist, die Scham überhaupt wahrzunehmen und zu benennen: «Ich schäme mich gerade.» Das mag unscheinbar wirken, hat aber eine grosse Wirkung. Denn in dem Moment entsteht Abstand. Wir sind nicht die Scham. Wir erleben sie.

Prüfen: Im nächsten Schritt lohnt es sich, die eigenen Gedanken zu hinterfragen. Stimmt es wirklich, dass «alle» mich verurteilen? Gibt es konkrete Hinweise oder ist es eine Geschichte im Kopf? Oft zeigt sich: Andere sind weit weniger mit uns beschäftigt, als wir glauben.

Teilen: Scham lebt von Verstecken und Schweigen. Genau deshalb verliert sie an Kraft, wenn wir sie teilen. Im Gespräch mit einer vertrauten Person wird sie greifbar. Häufig erleben wir Verständnis statt Ablehnung und genau diese Verbindung ist das wirksamste Gegengewicht zur Scham.

Freundlich sein: Ein weiterer wichtiger Schritt ist Selbstmitgefühl. Statt sich innerlich hart zu verurteilen, hilft ein freundlicher Blick auf sich selbst. Wie würden wir mit einer guten Freundin sprechen? Genau diese Haltung dürfen wir auch uns selbst gegenüber einnehmen.

Scham wird vermutlich nie ganz verschwinden. Aber wir können lernen, anders mit ihr umzugehen: bewusster, milder und mit mehr Verständnis für uns selber. Denn nicht Perfektion macht uns stark, sondern der Mut, uns zu zeigen. Mit allem, was zu uns gehört.

* Lic. phil. Irène Wüest, Eich, ist Skill-Coach, Organisations- und Kommunikationsberaterin; www.irenewuest.ch

Irene Wüest.
Bild: zvg