
Eine kleine Namensänderung löst heftige Diskussionen aus: US-Präsident Donald Trump hat das Verteidigungsdepartement diesen Monat offiziell in Kriegsdepartement umbenannt. «Ich denke, dieser Name ist viel zutreffender, angesichts des Zustands, in dem sich die Welt gerade befindet», sagte Trump bei der feierlich einberufenen Pressekonferenz.
Was Kritiker schnell als ersten Schritt zur Kriegstreiberei brandmarkten, stiess bei Trumps Anhängern mehrheitlich auf Zuspruch. Endlich zeige sich die Regierung ehrlich und nenne die Aktivitäten des amerikanischen Staats im Ausland beim Namen, hiess es aus den Reihen der Republikaner. Es sei richtig, dass man die Behörde, welche die Kriege im Irak und in Afghanistan verantwortet hat nun nicht mehr unter dem Stichwort Verteidigung führe, sondern eben unter «Kriegsdepartement». Diese Argumentation verfing selbst in manchen linksliberalen Kreisen, so nannte das Politmagazin «The New Republic» den Beschluss sogar «das Ehrlichste, was Donald Trump je getan hat».
Der Schritt ist aber nur die jüngste Episode im amerikanischen Kulturkampf, der sich nun aufheizt wie seit Jahrzehnten nicht mehr, weil die Konservativen um Trump zwei wichtige Waffen der Progressiven für sich entdeckt haben. So beschränken sich Trumps Anhänger nicht mehr nur auf das Verteidigen des Status quo der Sprache – wie das Konservative bisher taten – sondern setzen sich wie Progressive aktiv für einen Sprachwandel in ihrem Sinn ein – wie man etwa auch bei der Umtaufe des Golfs von Mexico beobachten konnte.
Damit haben die Trumpisten eine der Lehren des Philosophen Michel Foucault verinnerlicht, welche hypothetisiert, dass Sprache eines der wirkungsvollsten Mittel zur Machtausübung ist.
Daneben haben Trump und die Republikaner womöglich unbemerkt auch eine zweite Gewissheit linker Philosophen für ihre Zwecke umgenutzt: Nämlich die postmoderne Idee, dass es keine objektive Wahrheit gibt, sondern dass jeder Mensch seine eigene Wahrheit hat und auch aussprechen soll. So werden Beiträge auf Donald Trumps Social-Media-Plattform «Truth Social» nicht wie auf X als Tweets bezeichnet, sondern als «Truths», Wahrheiten.
Das Neue dabei ist nicht die Idee von mehreren gleichzeitig existierenden Wahrheiten, sondern die Tatsache, dass mit Trump ein Behördenvertreter und Social-Media-Besitzer über deren Gültigkeit entscheidet. Diese Kumulation von institutioneller und gesellschaftlicher Macht erinnert unweigerlich an die Dystopie George Orwells im Klassiker «1984», in dem ein Diktator zur Machtausübung eine neue Sprache erfindet (Neusprech). Und wo ein Wahrheitsministerium darüber entscheidet, was wie genannt werden darf.
Diese Entwicklung ist nicht unbedingt nur den autoritären Zügen Trumps zuzuschreiben, sondern eine Konsequenz des Erfolgs der postmodernen Philosophie im angelsächsischen Raum. Denn seit den 70er-Jahren wurde die Idee von einer eigenen Wahrheit für jeden Menschen in den USA so populär, dass der simplifizierte Postmodernismus sogar Eingang in die Alltagssprache gefunden hat. Auf Englisch sagt man in Diskussionsrunden seit den 70er-Jahren «Speak your Truth», also «Sag, was für dich wahr ist.»
Dabei baut das Fundament der liberalen Gesellschaft darauf auf, dass man sich auf gewisse Fakten oder Wahrheiten einigen kann und sich nur bezüglich Meinungen vom politischen Gegner unterscheidet. Wenn diese Gewissheit nicht mehr gilt und jeder jederzeit alles infrage stellen kann, ist ein geregelter Diskurs kaum mehr möglich – und führt wie heute in den USA zum Wunsch zweier verfeindeter politischer Lager, mithilfe der Staatsmacht die eigene Vorstellung von Wahrheit und Sprache durchzusetzen.
simon.maurer@chmedia.ch




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