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Welt in der Krise

Sechs Wege nach vorn: Wie wir Sinn, Fortschritt und Menschlichkeit neu denken sollten

Wie können wir trotz persönlicher und globaler Herausforderungen und Rückschläge positiv in die Zukunft blicken? Trendforscher Matthiax Horx hat sechs Ideen.
Die Weltlage belastet viele Menschen psychisch - aber es gibt Strategien gegen das Verzagen.
Bild: Illu: Julian Horx

1. Die Zukunftsflugroute – warum man den Menschen überschätzen sollte

In einem berührenden Vortrag auf einem Psychologiekongress im Jahr 1962 berichtet der Psychiater und Philosoph Viktor Frankl, der zwei KZs überlebte und die «Psychologie des Sinns» entwickelte, von seinen Flugstunden, die er im Alter von 70 Jahren zum ersten Mal absolvierte. Er berichtete, dass man je nach Windrichtung «am Ziel vorbeifliegen» muss, um das Ziel zu erreichen. Wenn man DIREKT von A nach B steuert, fliegt man durch die Drift ins Abseits.

Deshalb muss man ein sogenanntes «crabbing» machen, ein Hin- und Her-Kreuzen. Aus dieser Erfahrung entwickelte Frankl auf zauberhafte Weise seine «Theorie der positiven Überforderung»:

«Wenn wir den Menschen so nehmen, wie er wirklich IST, machen wir ihn schlechter. Aber wenn wir Idealisten sind und ihn überschätzen, ihn sehen wie er sein sollte, dann fördern wir ihn in dem, was er wirklich sein kann! Wir müssen idealistisch sein, ihn über-fordern, dann erweisen wir uns als die wirklichen Realisten. Wenn wir an ihn glauben, wie er sein könnte, wird er sich verwandeln. Wir wecken dann den ‹Spark›, einen Funken seiner Suche nach Bedeutung.»

2. Survivorship Bias – die falsche Resilienz

Als im Zweiten Weltkrieg die Flugzeuge von ihren Einsätzen über deutschem Feindesland zurückkehrten, analysierten die Techniker der Alliierten die Einschüsse an Rumpf und Flügeln. Sie versuchten, die Stellen mit den meisten Durchschüssen zu verstärken. Durch die Verstärkungen wurden die Flugzeuge allerdings immer schwerer und manövrierunfähiger – und kehrten immer seltener zurück.

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Bild: Martin Grandjean (vector), McGeddon (picture), via Wikimedia Commons

Der Denk-Irrtum bestand darin, dass die Durchschüsse ja eben nicht zum Absturz geführt hatten (sonst wären die Flugzeuge nicht zurückgekehrt). Die abgestürzten Maschinen hingegen hatten Durchschläge an den existenziellen Teilen erlitten – an den Motoren, im Cockpit, im hinteren tragenden Rumpf.

Übersetzt auf unsere Resilienz: Kleine Schwächen/Wunden können die Beweglichkeit erhöhen. Befestigen und stärken muss man den Kern, den «semantic core».

3. Der Boomerang-Effekt – Motivation durch paradoxe Intervention

Wenn man jemandem etwas verweigert, wird er meistens mehr davon verlangen – schon aus reinem Trotz. Das nennt man Reaktanz. Wenn du deinen Sohn, deine Tochter zum Nachfolger, zur Nachfolgerin deiner Firma machen willst, rate ihnen dringend, beruflich etwas völlig anderes zu machen. Wenn du Kinder zum Brokkoli-Essen bringen willst, empfiehlt sich die wiederholte Mitteilung, dass sie zum Brokkoli-Essen viel zu jung sind.

Diese Erkenntnis kann für zukünftige Transformations-Bewegungen wichtig sein. Wie wäre es, wenn wir die Wahrheit verbreiten würden, nämlich dass E-Autos nichts für ALLE sind, weil sie wesentlich besser, effizienter, technisch überlegen und einfach cooler sind?

4. Das Amara-Gesetz und der Frankenstein-Effekt

Wird künstliche Intelligenz eine platzende Blase oder eine goldene Super-Technologie? Ein menschheitsverderbendes Menetekel oder die Erlösung der Wachstumskrise? Wie wäre es, wenn die Antwort lautet: beides?

Roy Amara, der Langzeit-Direktor des amerikanischen «Institute for the Future», prägte den berühmten Spruch, dass wir immer die kurzfristigen Wirkungen von Technologien überschätzen und die langfristigen unterschätzen. Hypes inflationieren Erwartungen und führen zu Enttäuschungen, woraus irgendwann Skeptizismus und Abkehr wird.

In Sachen KI entsteht jedoch ein «paradoxer Überlappungs-Effekt»: Einige Anwendungen der KI sind, besonders im privaten Bereich, rasend attraktiv, aber auch sozial extrem gefährlich (Begleitungs- und Tröstungs-Bots, bis hin zu Liebes-Simulations-Bots). Andere sind nur im Business-Umfeld sichtbar und produktiv, wieder andere steuern diskret erneuerbare Energiesysteme oder Molekularforschungs-Experimente.

Die KI ist eine Art Frankenstein, zusammengenäht aus vielen widersprüchlichen Komponenten. Sie ist also sowohl die revolutionärste Technologie aller Zeiten (ausser dem Feuer und dem Rad) als auch eine gigantische Blase, die bald platzen wird.

5. «Pronoia» – das Gegenteil von Paranoia

Das Gegenteil von Paranoia. Die Vermutung, dass das Universum so etwas wie eine Verschwörung ist, um uns zu helfen, zu wachsen und er-wachsen zu werden. Zu Sinn, Verstand und Bewusstsein zu kommen. Pronoia vermutet, dass die Welt eigentlich ganz OK ist, weil sie sich selbst organisiert. Man stelle sich vor, Krisen wären Lehrmeister.

Alle Rückschläge wären freundliche Anregungen zu mehr Weisheit. Diese «Nützliche Illusion» wird bald wieder den giftig-paranoiden Tonus unserer Tage ablösen. Bis jetzt hat sich das Universum jedenfalls immer wieder für uns verschwört. Oder heisst das verschworen?

6. Die goldene Dummheits-Regel

Versuchen wir einmal, den Begriff Dummheit nicht als Vorwurf oder Arroganz oder Abwertung zu gebrauchen. Sondern im Rahmen nüchterner Verhaltensanalyse: Ein dummer Mensch verursacht Verluste für andere – UND für sich selbst. Das reicht eigentlich schon, um echte Dummheit zu klassifizieren, und zwar unabhängig vom üblichen Argument der «Bildung». Dummheit ist nicht das Gegenteil von Bildung, sondern von Menschlichkeit und Fürsorglichkeit. Inklusive Selbst-Fürsorglichkeit.
Ein klassischer Einwand: «Wie soll man denn herausfinden, was Verluste sind und was Vorteile? … das ist doch sehr subjektiv…»

Nun ja. Es gibt durchaus so etwas wie eine universelle Ethik, auch wenn Details debattierbar sind. Menschen mit einem intakten Emotional-Intelligenz-System können spüren, ob sie anderen guttun oder schaden. Sie sind in einer Resonanz-Schwingung mit ihrer sozialen Umwelt. Dummheit entsteht vor allem aus Gefühllosigkeit, die sich selbst bewundert.

Dieser Text stammt aus der Zukunfts-Kolumne von Matthias Horx:
www.horx.com/die-zukunfts-kolumne

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