Oper

«Sonst verdienen wir keine Subventionen»: Was ein Stardirigent über die Zukunft der Oper sagt

Als Russland die Ukraine überfiel, trat Tugan Sokhiev von seinen Posten in Moskau und Toulouse zurück – und schwieg. Vier Jahre später steht er auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Eine Begegnung.

Steht ein Dirigent, der an einem mit 90 Millionen Franken subventionierten Opernhaus dirigiert, in der Pflicht, öffentlich zu sprechen? Was machen mit einem Tugan Sokhiev, der kaum mehr Interviews gibt? Die Agentur schweigt nach der Anfrage einen Monat lang, der Zürcher Intendant vermittelt, dann will man die Themen wissen, und stellt die Bedingung: «No politics».

Als Russland 2022 die Ukrainer überfiel, war Sokhiev Chefdirigent in Moskau sowie in Toulouse - und trat gleichzeitig von beiden Ämtern zurück. War das ein Akt der Neutralität? Oder die Weigerung, sich von Moskau zu distanzieren? Niemand weiss es. Und Sokhiev schwieg und schweigt, dirigiert und steigt die Karriereleiter weiter hoch.

Am 1. Januar 2027 wird ihn die ganze Welt kennen, dann nämlich dirigiert er das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker – kein anderes klassisches Konzert zieht weltweit mehr Aufmerksamkeit auf sich: am Fernsehen 50 Millionen in 150 Ländern. Bereits im Sommer dirigiert er am Lucerne Festival dasselbe unvergleichliche Orchester.

Warum lieben ihn die Wiener Philharmoniker ?

Und jetzt spaziert er ins Künstlerzimmer im Opernhaus Zürich, sagt, er sei Tugan, bedankt sich artig für Wasser und beantwortet munter und überaus klug Frage um Frage. Etwa: Warum ihn diese so schwierige, chefdirigentenlose Formation, die ihre Dirigenten unglaublich vorsichtig aussucht, gerade den 48-Jährigen liebt.

2009 durfte er beim allerletzten Konzert einer Asien-Tournee debütierend einspringen – alle Musiker müde, vom Heimweh geplagt. Auf dem Programm stand Brahms 4. Sinfonie. Die hatte man auf Tournee x-fach gespielt, zudem ein Werk, das jeder Wiener Philharmoniker rückwärts spielen kann. Und was geschah: Sie gaben Sokhiev dennoch drei Stunden Proben. Genügend Zeit, um Eindruck zu hinterlassen? «Sie waren sehr grosszügig mit ihrer Zeit und ihrer Einstellung und gaben mir die Möglichkeit, meine eigenen musikalischen Ideen zu diesem – ihrem Kernrepertoire – einzubringen. Dabei zeigten sie sich offen und aufgeschlossen gegenüber meinen Vorschlägen.»

Sokhiev kommt aus dem Loben über die Unmittelbarkeit und Spontaneität der Wiener kaum heraus. Und sagt dann: «Je mehr man sie atmen lässt, desto besser klingt es – je mehr Freiraum man ihnen gibt, umso besser.» Was aber doch heisst, dass man sich als Dirigent zu viel zurücknehmen muss? «Es ist so, als ob man spürt, wann der eigene Moment gekommen ist, und wann dann wieder ihr Moment da ist. Da lässt man sie einfach ihr Bestes geben.»

Wer beim Neujahrskonzert wen braucht, wird sich weisen. Aber hat er mit diesem Traum eines jeden Dirigenten ein Ziel erreicht? «Ich war voller Vorfreude, zugleich aber auch besorgt und etwas nervös – und das bin ich bis heute geblieben.»

Letztes Jahr spielte sich Yannick Nézet-Séguin mit lackierten Fingernägeln und durch die Saalreihen spazierend in die Herzen des riesigen Neujahrskonzertpublikums. Auf den Hinweis, dass er kein Showman sei, sagt Sokhiev wie beiläufig: «Jeder findet seinen eigenen Weg, dieselbe Botschaft zu vermitteln: Manche machen es eben etwas ausdrucksvoller. Jeder sollte es so machen, wie er sich wohlfühlt.»

Nichts ist besser als ein Orchester, das auch Opern spielt

Jetzt aber sind alle Ohren nach Zürich gerichtet, dort nämlich steht am Sonntag die weit um für Aufsehen sorgende Premiere von Wagners «Tannhäuser» an – die Oper über einen Künstler, der nach seinen eigenen Regeln leben will. Ein Glücksfall für Zürich. Sokhiev ist einer jener Dirigenten, die von der Oper leben. Das ist erstaunlich, denn der Orchestergraben ist nicht der Ort, um Karriere zu machen.

«Nichts ist mit einem Orchester vergleichbar, das es gewohnt ist, sowohl Opern als auch sinfonische Werke aufzuführen», sagt er mit Nachdruck. Er möchte den Geist der Oper in das sinfonische Repertoire hineintragen.

Doch heisst Operndirigieren nicht auch, viele Kompromisse einzugehen? Wohlwissend, dass es gleich um die Macht der Regisseure gehen wird, sagt er: «Unser Leben ist ein Kompromiss. Das muss nicht zwingend etwas Schlechtes sein. Aber man sollte niemals seine künstlerische Integrität kompromittieren. Und was auch immer die Vorgaben für eine Aufführung sind: Man sollte dem Komponisten gegenüber niemals Kompromisse eingehen.

Oha, jetzt kommt die Regisseuren-Schelte! Doch weit gefehlt, selbst die Tatsache, dass man ihm jetzt in Zürich das sinfonische Prachtstück, die Ouvertüre, bebildert und mit Aktion füllt, bringt ihn nicht aus der Ruhe. «Zugegeben, es ist ein kleiner Kompromiss, aber es passt zum Konzept des Regisseurs.»

Und dann erklärt er sachlich, wie es nun mal einen neuen Zugang brauche, um das Publikum von heute mitzureissen. Denn für ihn gibt es eine grosse Herausforderung mit Wagner-Opern: Die Geschichten seien nicht mehr aktuell.

Allerdings fügt er dann an: «Wagner vermittelt eine sehr starke musikalische Idee, bei ihm kann man nicht so viele dumme Dinge machen. Unser Regisseur Thorleifur Arnarsson war bestrebt zu verstehen, was diesen Tannhäuser ausmacht. Wer ist er heute? Gibt es in unserer Gesellschaft überhaupt noch Tannhäusers? Wenn nicht, dann werden die Menschen, die dreieinhalb Stunden lang dieser Musik lauschen, nichts empfinden.»

Und so ist er denn glücklich mit der Zürcher Produktion, störe doch die Regie die Musik nicht. «Man muss den Regisseuren erlauben, Künstler zu sein. Aber ich sage nun doch etwas, was wahrscheinlich viele von ihnen verärgern wird. Wenn ich sehe, wie an der Metropolitan Gala 1972 Franco Corelli und Teresa Żylis-Gara konzertant das Duett aus «Otello» sangen, kann ich mir dank meiner Fantasie dazu alles Mögliche vorstellen. Mein kurzer Appell an die Regisseure, unseren Zürcher ausgenommen: Nehmt die Musik als Inspiration, vertraut ihr. Zu oft misstrauen Regisseure der Musik.» Das sei schade, denn die Komponisten waren sehr gute Dramaturgen, die Inszenierung sei bisweilen schon in der Musik.

Aber er fügt leise an: «Werden keine neuen ästhetischen Wege gefunden, sind die Theater in Zukunft leer. Und dafür verdienen wir keine Subventionen. Früher war die Kultur fester Bestandteil des Lebens, es dreht sich alles um Technologie und um schnelle Information, nicht um den Musikunterricht.» Wir leben in der Zeit von Elon Musk.

Mal warm geredet, wäre der Moment gekommen, um über Russland zu reden. Ilja Musin hiess sein legendärer Lehrer in St. Petersburg, der Berühmtheiten wie Juri Temirkanow, Valery Gergiev oder Semyon Bychkov unterrichtete.

Warum Valery Gergiev anders als Sokhiev ist

Von Musin sprechend, beginnen Sokhievs Augen zu leuchten. Er erzählt, als sässe er im ehrwürdigen Konservatorium und tatsächlich sagt er Leningrad anstatt St. Petersburg. «Er hat mir beigebracht, dass man durch die Technik seine musikalischen Ideen ausdrückt: Musikalische Ausdruckskraft gelingt nur durch Technik und durch Gestik, die das Orchester versteht.» Aber wer nun meint, dass er damit die Orchester im Westen verblüffte, irrt sich. Sokhiev lernte auch dort enorm viel. In Toulouse hörte er zu, wie die Musiker Ravel und Debussy spielten – und staunte.

Und sein russisches Musikdenken? «Ich würde nicht sagen, dass ich russisch bin – nennen wir diese Schule von Musin besser eine musikalische. Ich gebe der Musik trotz der stilistischen Unterschiede nicht wirklich gerne eine Nationalität. In München und Berlin spielt man Beethoven auch anders.»

Musins Schüler entwickelten sich zu höchst unterschiedlichen Dirigenten: Valery Gergiev, Putins Musikzar, ist das pure Gegenteil von Sokhiev. «Er ist anders, ja. Musin entdeckte immer eine besondere Stärke dieser jungen Menschen, er formte sie nicht nach seinem Ebenbild. Deshalb ist jeder Dirigent, der aus seiner Ausbildung kam, so einzigartig.» Und so entwickelte sich denn auch dieser Gergiev, dem die europäischen Türen weiterhin verschlossen sind. Sokhiev hingegen stehen sie weit offen wie nur wenigen.

Tannhäuser, Opernhaus Zürich, ab 21. Juni
Philharmonisches Konzert, Opernhaus Zürich, 12. Juli
5. und 6. September, Wiener Philharmoniker am Lucerne Festival.

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