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THEATER

Schreiben für die Schublade? Warum die die zeitgenössische Dramatik kein Publikum hat. Und was das Theater Winkelwiese dagegen tun will

Das Zürcher Theater Winkelwiese will in den kommenden Jahren sämtliche Schweizer Dramentexte der letzten zwanzig Jahre digitalisieren. An seinem Eröffnungsfestival vom 23. bis 25. September werden alte Texte neu inszeniert, und Schätze aus der Schublade geborgen. 

Man kommt nicht als Klassiker zur Welt. Man wird zum Klassiker gemacht. Dass sich das Bildungsbürgertum von heute die Dramen von Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt dekorativ aufs Bücherregal stellt, wäre ohne die Vorstellung von einem Kanon, dieser ominösen Auswahl von Stücken mit angeblich unverrückbarer zeitloser Bedeutung, undenkbar.

In den letzten zwanzig Jahren wurde in der Schweiz viel dafür getan, diesen vorwiegend männlichen Kanon zu verjüngen. Förderprogramme wie das Stücklabor Basel, das Hausautoren an Theater vermittelt, oder die Schreibwerkstatt Dramenprozessor wurden ins Leben gerufen. Dank ihnen wurde dieses Mausoleum der Neunzigerjahre, als sich das Schweizer Theaterpublikum mit seinen Übervätern Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch satt und zufrieden gab, wieder mit neuem Leben gefüllt.

Die zeitgenössische Dramatik ist im Mainstream angekommen

Immerhin stehen auf jedem Stadttheaterspielplan heute ein bis drei zeitgenössische Stücke made in Switzerland. Neben arrivierten Autoren wie Sybille Berg, Melinda Nadj Abonji oder Lukas Bärfuss sind das junge Frauen mit sehr eigenständigen Handschriften. Dazu gehören Katja Brunner, die in jungen Jahren zum Shootingstar der Nachwuchsdramatik wurde, dazu gehören Julia Haenni und ihre zugänglichen Klischeebefragungen, aber auch Daniela Janjic, Suhrkamp-Autorin Ariane Koch, die für den Schweizer Buchpreis nominierte Ivna Zic, Maria Ursprung oder die letztjährige Buchpreisträgerin Martina Clavadetscher – Ursprung und Clavadetscher übernehmen beim renommierten Aargauer Theater Marie neu eine Leitungsfunktion. Und auch Kim d’Horizon, soeben nominiert für den Deutschen und Schweizer Buchpreis, präsentiert in diesen Tagen an den Bühnen Bern eine Uraufführung. Dass viele dieser Autorinnen und Autoren bei der Schweizer Literaturkritik Beachtung finden, spricht dafür, dass sie doch irgendwo im Mainstream angekommen sind.

Trotzdem: Mit einer Uraufführung hat man sich nicht wie Dürrenmatt oder Schiller automatisch ein Dauerabo auf dem Spielplan erschrieben. Das Etikett «Uraufführung» wird von den Theatern immer noch gern als Marketinginstrument eingesetzt, Zweitverwertungen hingegen gelten als unattraktiv. Wie soll das Publikum so längerfristig neue Stoffe entdecken und schätzen lernen? Julia Haenni ist das mit «Frau verschwindet (Versionen)», uraufgeführt 2019 an den Bühnen Bern, in Teilen gelungen – es folgten Inszenierungen in Wien, Genf und Dresden. Doch sie bleibt eine von wenigen Ausnahmen.

Das Zürcher Theater Winkelwiese will mit diesem Uraufführungshype brechen. Die neue Theaterleiterin Hannah Steffen sagt:

Wir wollen Impulsgeberin für das Autorentheater sein und es u.a. mit Stückaufträgen, Stücküberarbeitungen und Zweitaufführungen befördern.

Auf der Online-Präsenz des Theaters sollen in Zukunft sämtliche Dramen von lebenden Schweizer Autoren dokumentiert werden, die zur Uraufführung gekommen sind. Mit den 55 Absolventen des Dramenprozessors, der zur Winkelwiese gehört, sind das jetzt schon 280 Werke – viele wurden nie aufgeführt. «Wir wollen, dass die Menschen mit diesen alten Texten in Berührung kommen. Da werden hochaktuelle Themen verhandelt», so Steffen. Ein paar werden an diesem Wochenende am Eröffnungsfestival wieder aus der Schublade gezogen.

Suchen die Theater die falschen Stücke aus?

Bühne-Aarau-Leiter Peter-Jakob Kelting hat vor rund 20 Jahren den Dramenprozessor erfunden. Er kann die Mühe des Publikums mit zeitgenössischen Texten nachvollziehen: Das Dialogische, Kern jeder Theaterarbeit, komme heute vielfach zu kurz. Die viel gespielten Textflächen, die ohne ein Du auskommen, tendierten zu einer formalen Hermetik. Er stelle sich die Frage, ob darin nicht grundsätzlich eine Unfähigkeit zum Dialog zum Ausdruck kommt. Autorin Martina Clavadetscher kann das bestätigen. Sie spielt den Ball an die Theater zurück:

«Ich beobachte, dass Regisseure dialogische Textstellen häufig scheuen.»

Am fehlenden Angebot auf dem Stückemarkt liege es nicht. Regisseure würden sich momentan vor allem für dialogbefreite Texte interessieren, weil die ihnen mehr künstlerische Freiheiten geben.

Vielleicht muss nicht nur unsere Gesellschaft den Dialog neu erlernen, sondern auch die Theater.

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